BERLIN. Bei einem Festakt zum 60. Geburtstag einer Organisation tauschen Gastgeber und Gäste in der Regel lediglich Gratulationen und nette Worte aus. Doch vor dem Hintergrund der beginnenden Koalitionsverhandlungen von Union und FDP blieb es bei der Jubiläumsfeier des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gestern nicht allein bei Nettigkeiten.Die Beteiligung der Liberalen an der neuen Regierung beunruhigt die Gewerkschaftsvertreter sehr. Sie befürchten Einschnitte in Arbeitnehmerrechte und bauen für diesen Fall eine Drohkulisse auf. Mit überraschend deutlichen Worten stärkte Bundespräsident Horst Köhler dem DGB den Rücken. In seiner Rede anlässlich der Gründungsfeier des DGB plädierte er für mehr soziale Teilhabe, ein kooperatives Klima in den Arbeitsbeziehungen und eine Kultur der Mitbestimmung.Angst um MitbestimmungGenau diese sehen die Gewerkschaften jedoch durch die künftige schwarz-gelbe Regierung bedroht. Insbesondere der FDP trauen sie offenbar einige Grausamkeiten zu. In der Vergangenheit waren beide Seiten schon hart in Konflikt geraten. So hatte FDP-Chef Guido Westerwelle im Zuge um die von SPD-Chef Franz Müntefering angestoßene Heuschrecken-Debatte über Finanzinvestoren gesagt, "die wahre Plage in Deutschland" seien die Gewerkschaften. Deren Errungenschaften wie Mitbestimmung, Tarifautonomie, das Streikrecht und soziale Sicherungssysteme will DGB-Chef Michael Sommer nun verteidigen. An dem Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin nahmen unter anderen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Guido Westerwelle teil. In deren Richtung sagte Sommer: "Wir wollen mit jeder gewählten Regierung konstruktiv zusammenarbeiten, aber das heißt mitnichten, dass wir jede Politik mittragen." Mit einer von den Gewerkschaften für falsch gehaltenen Politik werden sich diese nicht abfinden. Das gelte für jeden und für jede, die dieses Land regiert.Besonders hob Sommer das Mitbestimmungsrecht der Arbeitnehmer hervor. Dies habe weder der deutschen Wirtschaft noch einzelnen Betrieben geschadet, sagte der DGB-Chef. Es habe vielmehr den "beispiellosen Aufschwung nach dem Krieg" erst ermöglicht. Wer dieses nun aus "Gier oder Geiz" überwinden sowie Tarifautonomie und Streikrecht aushöhlen wolle, "der wird bei uns auf Granit stoßen", warnte Sommer. Zuvor hatte er die Erwartung geäußert, noch während der Koalitionsverhandlungen von Union und FDP zu einem Spitzengespräch mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeladen zu werden.Bundespräsident Köhler würdigte den Beitrag des DGB und seiner Mitgliedsgewerkschaften zur sozialen Teilhabe und zum Aufbau der Sozialen Marktwirtschaft. Der DGB werde gebraucht und solle stark und streitbar, aber auch "kompromissbereit und auf das Gemeinwohl bedacht", bleiben, betonte er. "Mischen Sie sich ein und schließen Sie Ihre Reihen auch über Ländergrenzen hinweg", rief Köhler die Arbeitnehmervertreter auf.Insbesondere betonte auch der Bundespräsident die Rolle der betrieblichen Mitsprache. Diese sei ein "Produktions- und Innovationsfaktor ersten Ranges". Sie sei weder eine wohltätige Einrichtung noch ein Hemmschuh für die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Eine echte Beteiligung der Arbeitnehmer an Produktivvermögen und Kapitaleinkommen könnten dies komplettieren.Ganz ohne Ermahnungen kamen die Gewerkschaften aber nicht davon. Wohl mit Blick auf die VW-Affäre um den wegen Untreue und Begünstigung verurteilten früheren VW-Betriebsratschef Klaus Volkert stellte Köhler fest, dass es in der Praxis der Mitbestimmung in Einzelfällen auch zu Kungeleien gekommen sei. "Dagegen ist Wachsamkeit geboten und nötigenfalls auch Reform", sagte er.------------------------------Stimme der GewerkschaftenGründung: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wurde vor 60 Jahren am 13. Oktober 1949 in München von damals 16 Branchengewerkschaften gegründet. Erster DGB-Bundesvorsitzender war Hans Böckler. Michael Sommer steht seit Mai 2002 an der Spitze des DGB.Lobby: Der DGB versteht sich selbst als Stimme der Gewerkschaften gegenüber den politischen Entscheidungsträgern, Parteien und Verbänden in Bund, Ländern und Gemeinden und koordiniert die gewerkschaftlichen Aktivitäten.Mitglieder: In dem Dachverband sind die Gewerkschaften IG Metall, Verdi, IG BCE, IG BAU, GEW, Transnet, NGG sowie die Gewerkschaft der Polizei (GdP) organisiert. Der DGB vertrat zuletzt 6,4 Millionen Mitglieder - nach der Wiedervereinigung waren es noch 11,8 Millionen Gewerkschafter.------------------------------Foto: DGB-Chef Michael Sommer im Konzerthaus: Das Verhältnis der Gewerkschaften zur FDP gilt als problematisch.Foto: DGB-Gründungskongress vor 60 Jahren
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