zu Stuttgart

Schulderklärung

Wolfgang Huber Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenbu
3 Min

Am 28. Oktober 1943 wurde in der Berliner Marienkirche ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert. Der Berliner Bischof Otto Dibelius feierte ihn zusammen mit wichtigen Vertretern der internationalen Christenheit. Sie hatten sich auf den Weg nach Deutschland gemacht und boten den Christen in Deutschland aufs neue Gemeinschaft an.Die Marienkirche war an diesem Tag überfüllt; viele hatten nur noch einen Stehplatz gefunden. Die Teilnehmer spürten: Dieser Akt der Vergebung war das entscheidende kirchliche Ereignis im Oktober 1945.In den Zusammenhang dieses Geschehens gehört die Stuttgarter Schulderklärung, an die in diesen Tagen auf vielfältige Weise erinnert wird. Am 18./19. Oktober 1943 erklärte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland vor Vertretern der Weltchristenheit: "Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden."Dadurch, daß die evangelische Kirche mit der Erklärung von Stuttgart ihre Verantwortung für geschehenes Unrecht anerkannte, konnte sie in die Mitverantwortung für die Gestaltung der Gegenwart eintreten. Dadurch, daß sie die distanzlose Bindung an die eigene Nation durchbrach, konnte sie das Band der ökumenischen Gemeinschaft neu entgegennehmen. Dadurch, daß sie sich der politischen Dimension persönlicher Schuld öffnete, konnte sie die öffentliche Bedeutung des christlichen Glaubens neu wahrnehmen.Für Christen wie den späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann war die Erklärung von Stuttgart ein entscheidender Markstein ihrer persönlichen und politischen Orientierung. Noch heute ist sie ein Dokument von bleibender Bedeutung; doch zugleich ist sie ein zwiespältiges Dokument. Allzu vollmundig sagt sie, die evangelische Kirche habe "lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden" habe. Inzwischen haben wir einzusehen gelernt, daß dieser Kampf keineswegs unermüdlich war - und oft nur von Minderheiten getragen. Vor allem mußten wir lernen, daß er zu spät begann.Gequält habe ich mich auch oft an den religiös gesteigerten Komparativen, in denen die Vertreter des deutschen Protestantismus sich anklagten, "daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben". Denn mußte nicht - trotz des Einsatzes von Heinrich Grüber und anderen - die Frage gestellt werden, wo - vor allem angesichts des Schicksals von Juden, von Sinti und Roma, von Homosexuellen, von Deutschlands Nachbarn in allen Himmelsrichtungen - der Glaube und die Liebe der Christen überhaupt geblieben war?Ein halbes Jahrhundert liegt die Stuttgarter Schulderklärung nun zurück. Ihre große Bedeutung verkenne ich nicht. Aber aneignen können wir uns diese Erklärung nur in der kritischen Frage: Wo müssen wir heute Schuld bekennen und einen Neuanfang wagen?Am Anfang muß wohl die Frage stehen: Müssen wir nicht unsere Verantwortung vor Gott neu bedenken, wenn wir unserer Verantwortung für unsere Mitmenschen besser gerecht werden wollen? Die Diskriminierung von Minderheiten, neu aufflammender Nationalismus, die Kinderfeindlichkeit unserer Städte, die Zerstörung der Erde kommen uns als Vorgänge in den Sinn, die Umkehr und Neubeginn nötig machen. Vor allem aber: Auch ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Krieg noch immer nicht geächtet. Atomare und andere Massenvernichtungsmittel sind noch immer nicht endgültig gebannt.Die Bändigung der Gewalt ist noch immer eine ungelöste Aufgabe, fünfzig Jahre nach der Erklärung von Stuttgart. +++

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