Zubin Mehta und Claudio Abbado

Ziemlich beste Freunde

Der große Dirigent Zubin Mehta dirigierte die Staatskapelle in der Philharmonie. Das Konzert wurde zugleich eine bewegende Gedenkstunde für den verstorben Dirigentenkollegen Claudio Abbado

Jan Brachmann
3 Min

Wer erinnert sich heute noch an das hysterische Flackern der Tagesaktualität vom Jahr 2000? Die Musiker der Staatskapelle Berlin tun es. Damals nämlich stand die Erwägung im Raum, das Orchester mit jenem der Deutschen Oper zu fusionieren und die dazugehörigen Häuser gleich mit. Nicht nur der Chefdirigent der Kapelle, Daniel Barenboim, war in jenen Tagen aufgebracht, auch dessen Freund Zubin Mehta solidarisierte sich mit dem einstigen Hoforchester der Kurfürsten von Brandenburg und Könige von Preußen, das inzwischen auf eine Geschichte von 444 Jahren zurückblicken kann.

Zubin Mehta ist der Staatskapelle seit neunzehn Jahren als Gastdirigent verbunden. Am Montag bedankte sich das Orchester in der Philharmonie bei ihm für seine Noblesse, Präzision, Ernsthaftigkeit, Geduld und sein Verständnis für die Musiker, wie es Susanne Schergaut vom Orchestervorstand formulierte, aber auch für den besagten Beistand im Jahr 2000 und ernannte Mehta zum Ehrendirigenten.

Dem sah man an, dass ihm das alles naheging. Sehr sogar. Vielleicht auch, weil dieses Konzert ohnehin schon so viel mit Mehtas eigener Biografie zu tun hatte. Seit 1956 ist er mit Daniel Barenboim befreundet. In jenem Jahr dirigierten beide im Konzert einer Meisterklasse in Siena zusammen mit Claudio Abbado. Abbado, nur drei Jahre älter als Mehta, ist am 20. Januar mit achtzig Jahren gestorben. Das Programmheft am Montag enthielt einen handschriftlichen Abschiedsgruß: „Carissimo Claudio − Wir denken stark an dich − Lebewohl guter Freund! Zubin + Daniel“.

Die Orchestermeditationen „Et exspecto resurrectionem mortuorum“ über Tod und Auferstehung nach christlichem Verständnis, die Olivier Messiaen 1964 aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs geschrieben hatte, wurden nun zur Gedenkmusik für Abbado: Klanglich ein Gang in die Finsternis von Tuba, Posaunen und Kontrafagott, am Ende − zum Schlag der Tamtams und der mexikanischen Glocken − von einem rituellen Ernst, der mehr durch Festigkeit tröstete als durch freundliche Aussichten.

„An die Unsterblichkeit können wir ja doch nicht mehr so recht glauben. Die einzige Unsterblichkeit liegt in den Kindern“, hat Johannes Brahms einmal behauptet, von dem dann das zweite Klavierkonzert folgte, ein lebensgefährliches Stück, bei dem der Pianist Hans Richter-Haaser 1980 mitten im zweiten Satz zusammenbrach und dann starb.

Auch Daniel Barenboim brachte dieses enorm fordernde Konzert am Klavier ins Schwitzen. Es ist eben − mit seinen Akkordmassen, großen Sprüngen und fünfzig Minuten Dauer − doch ein Marathonlauf, der ein pianistisches Vollzeittraining verlangt, für das Beethoven- oder Mozart-Konzerte nicht ausreichen. Sehr viel schöner, sensibler und zauberischer gelang Barenboim die Zugabe: das Finale aus Franz Schuberts Klaviersonate D-Dur op. 53.

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