Zugentgleisung in Stuttgart

Entgleisung wegen Bauarbeiten an S21?

Die zweite Zugentgleisung binnen kurzer Zeit am Stuttgarter Hauptbahnhof erhitzt die Gemüter. Laut S21-Gegnern soll es einen Zusammenhang zwischen den Umbauarbeiten des Milliardenprojekts und den Entgleisungen geben. Die Bahn dementiert.

Michael Rebmann
4 Min

Kurz nach der Ausfahrt aus dem Stuttgarter Bahnhof entgleiste am Samstag ein Intercity der Deutschen Bahn. Acht Fahrgäste wurden leicht verletzt. Fast an der gleichen Stelle war bereits Ende Juli ein Intercity in Richtung Hamburg aus den Gleisen gesprungen. Seit Beginn der Bauarbeiten am neuen Stuttgarter Bahnhof 2010 sind zudem ein weiterer Fernzug und eine S-Bahn im selben Bereich entgleist. Zufall oder gibt es einen Zusammenhang mit Stuttgart 21?

Für das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 ist der Fall klar: Die Bahn hat die Umbauarbeiten in Stuttgart nicht im Griff. So schreibt etwa Siegfried Busch, Blogger des Aktionsbündnisses K21: "Das Gleisfeld, auf dem die Entgleisung (bereits zum zweiten Mal!) passiert ist, wurde im Zusammenhang mit Stuttgart 21 neu gebaut, um für die Baugrube Platz zu schaffen."

Die Stuttgarter Zeitung zitiert einen Sprecher der S21-Gegner, der ähnlich argumentiert: Wegen der derzeitigen Umbauarbeiten bliebe für die Schienenstränge weniger Platz, die Gleiskurven seien "gestaucht" und hätten einen engeren Radius. Und auch zwei unabhängige Bahn-Experten glauben an Zusammenhänge mit den Bauarbeiten: „Dadurch sind in einigen Bereichen durch sehr enge Kurven und kurz aufeinanderfolgende Weichen die Grenzen der Trassierung erreicht“, sagte ein Experte den Stuttgarter Nachrichten.

Ein Sprecher der Deutschen Bahn wies den Zusammenhang mit den Umbauarbeiten für Stuttgart 21 zurück und bezeichnete ihn in der Stuttgarter Zeitung zufolge als reine Spekulation. Die beiden Unglücke sollen "offenbar bahntechnische Ursachen" gehabt haben.

Noch bis zum Montagmorgen litten Pendler unter den Unfallfolgen. S-Bahnen verspäteten sich und Züge fielen aus. A

S-21-Gegner ziehen vor Verfassungsgericht

Trotz des fortschreitendes Bauprojekts geben sich die „Stuttgart 21“-Gegner nicht geschlagen und versuchen, das umstrittene Bahnprojekt doch noch zu stoppen. Der Anwalt und Sprecher des Aktionsbündnisses der Gegner, Eisenhart von Loeper, gab auf einer Großkundgebung am Samstag bekannt, der Eilantrag sei am 20. September beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eingereicht worden. Ein Hauseigentümer, den Loeper vertritt, wehrt sich darin gegen die Enteignung und den Abriss seines Hauses und beantragt einen Baustopp.

Der Kläger war mit seinem Anliegen bereits Mitte August vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim (VGH) gescheitert. Derzeit läuft vor dem VGH noch eine Beschwerde gegen dessen Beschluss. Sollte diese keinen Erfolg haben, so werde das gegenwärtig noch ruhende Verfahren am Bundesverfassungsgericht in Gang gesetzt, hieß es.

"Wir alle lassen uns nicht kleinkriegen"

Gut eine Woche vor dem ersten Wahlgang zur Neubesetzung des Postens des Stuttgarter Oberbürgermeisters erinnerten „Stuttgart 21“-Gegner am Wochenende mit einer Großdemonstration, Protestmärschen, Veranstaltungen im Schlossgarten und einer Lichterkette an den gewaltsamen Polizeieinsatz im Schlossgarten vor zwei Jahren.

Am 30. September 2010 hatten rund 800 Polizisten mit Wasserwerfern und Pfefferspray mehrere Tausend Demonstranten aus dem Mittleren Schlossgarten vertrieben. Dabei waren über 130 Menschen verletzt worden, zwei davon schwer. Die Bahn will für rund 4,3 Milliarden Euro bis Ende 2020 den Stuttgarter Kopfbahnhof in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umbauen.

Zu der Kundgebung am Samstag auf dem Schlossplatz kamen laut Veranstalter 10.000, nach Schätzung der Polizei 5000 Menschen. Die Redner auf der Großveranstaltung appellierten, endlich einen Schlussstrich unter das „Milliardengrab“ zu setzen und kündigten an, den Widerstand fortzusetzen. Der ehemalige Strafrichter Dieter Reicherter sagte: „Wir alle lassen uns nicht kleinkriegen.“

Der Frankfurter Autor Michael Wilk sah in den Protesten um „Stuttgart 21“ einen Schrittmacher für die Demokratie. Harsch ging der Schauspieler Walter Sittler mit der Schlichtung unter dem Unionspolitiker Heiner Geißler ins Gericht. „Hier hat sich gezeigt, wie bei 'S 21' getäuscht wurde“, sagte Sittler. Für Montag ist die nächste Demonstration geplant. (mit dapd)

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