Kein Wahlkampf, kein Parteitag, ja kaum ein längeres Gespräch unter Sozialdemokraten kommt ohne Verweis auf ihn aus: „Willy Brandt hat mal gesagt …“, braucht man nur zu beginnen – und schon liegt man richtig. Gerade in Berlin, wo der berühmteste, beliebteste und sicher auch beeindruckendste deutsche Sozialdemokrat seinen Aufstieg in die Weltpolitik begann: vom Pressebeauftragten der norwegischen Militärbotschaft 1947 bis zum Regierenden Bürgermeister und (zweimal gescheiterten!) Kanzlerkandidaten, der 1966 als Außenminister und Vizekanzler der Großen Koalition nach Bonn ging. Bevor er dort, drei Jahre später, zum ersten Bundeskanzler der SPD wurde.
Willy Brandt, geboren als Herbert Frahm in Lübeck 1913, ist in der deutschen Hauptstadt begraben. Er starb am 8. Oktober 1992 in Unkel bei Bonn. Also an diesem Sonntag vor genau 25 Jahren. Eine Reihe prominenter Sozialdemokraten wird daher am Vormittag auf dem Waldfriedhof Zehlendorf Kränze niederlegen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Parteivorsitzende Martin Schulz – und weil der Regierende Bürgermeister Michael Müller auf Dienstreise ist, auch Innensenator Andreas Geisel als sein Vertreter. Brandt und Berlin – das war eine leidenschaftliche, intensive und anstrengende Beziehung, die mit viel Skepsis begann. Wir zeigen auf dieser Seite, wo Willy Brandt in Berlin wohnte, arbeitete, wo Orte nach ihm benannt sind. Und auch, wo er rudern ging und seinen Whisky trank.
Kurfürstendamm 20/21
Als Gunnar Gaasland, Student aus Norwegen, gibt sich Willy Brandt 1936 in Berlin aus. Er bleibt mit gefälschtem Pass für drei Monate auf einer gefährlichen Undercover-Mission. Er soll im Auftrag der linken SAP, einer SPD-Abspaltung, Kontakte zum Widerstand pflegen. Er wohnt in der Pension von Paula Hamel, direkt neben dem (alten) Café Kranzler.
Marathonallee 34
Als Presseattaché der Norwegischen Militärmission logiert Brandt 1947 ein Jahr in Westend. Die Villa mit Garten, erbaut von Alfred Grenander, ist heute denkmalgeschützt. Brandt ist erschüttert von der Kriegszerstörung Berlins und beeindruckt vom Lebenswillen der Berliner. In die Villa zieht dann auch seine Freundin Rut Bergaust aus Norwegen.
Uhlandstraße 7
Die Norwegische Militärmission, erster Sitz in der Uhlandstraße, ist die Vertretung des Landes beim Alliierten Kontrollrat. Brandt war bereits 1933 ausgewandert und hatte im Osloer Exil und anderswo für die von den Nazis verbotene SAP gearbeitet. Die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm 1938 aberkannt, von 1940 bis 1948 ist er daher Norweger.
Trabener Str. 74
Seine Kontakte zu Berlins Sozialdemokraten – unter anderem zu Ernst Reuter – baut Brandt, ursprünglich SAP-Mitglied, von Anfang an aus. Die Partei unterhält ein Berliner Büro, das Brandt, der nun in Deutschland Politik machen will, Anfang 1948 übernimmt. Am Halensee arbeitet und wohnt er bis Ende 1949 mit Rut. Sie heiraten 1948, Sohn Peter wird geboren.
Marinesteig 9
Das Berliner Büro der SPD schließt, als Regierung und Bundestag 1949 nach Bonn gehen. Brandt wird Berliner Bundestagsmitglied der SPD, arbeitet nun teils in Bonn und zieht in eine Wohnung in einer Ex-NS-Marinesiedlung am Schlachtensee. Dort wird Sohn Lars 1951 geboren. Es ist Brandts drittes Kind, denn er hat auch eine Tochter aus erster Ehe in Norwegen.
Marinesteig 14
Schräg gegenüber liegt die Doppelhaushälfte, in die die Familie 1955 einzieht, mit mehr Platz als bisher. Den Schlachtensee nutzt Brandt für Ruderausflüge mit seinen Söhnen, das heimische Sofa für entspannten Whisky-Genuss. Brandt wird am 3. Oktober 1957, als Nachfolger Otto Suhrs, Regierender Bürgermeister. Sohn Matthias wird hier 1961 geboren.
Taubertstraße 19
Im Garten des alten Senatsgästehauses im Grunewald, einer ehemaligen Industriellen-Villa, steht zur Taubertstraße hin ein Garagenhaus mit Chauffeurswohnung. Es wird in ein schmuckes Wohnhaus umgebaut. Die Familie Brandt zieht dort 1964 ein, für zwei Jahre. Dann endet Brandts Berliner Zeit. Er geht als Außenminister ins Kabinett Kiesinger nach Bonn.
John-F.-Kennedy-Platz 1
Im Rathaus Schöneberg, heute wieder Sitz des Bezirksamts, tagte von 1949 bis 1990 das Abgeordnetenhaus von (West)-Berlin. Zugleich war hier das Amtszimmer des Regierenden Bürgermeisters, also auch das Willy Brandts. Der Platz bekam seinen Namen nach dem Mord an dem US-Präsidenten 1963, der Monate zuvor Berlin besucht hatte.
Wasgensteig
Auf dem Waldfriedhof Zehlendorf liegt Willy Brandt begraben, gewissermaßen Rücken an Rücken mit Ernst Reuter (der 1953 starb). Reuter förderte Brandt in den ersten Berliner Jahren sehr, als dem jungen Mann in der SPD-Berlin und im Bund viel Widerstand entgegenschlug. Brandt, „Reuters Mann“, plädierte für die Einbindung der Bundesrepublik in Europa.
Müllerstraße 163
Nach dem ersten Nachkriegsvorsitzenden der SPD, Kurt Schumacher, ist die Landesparteizentrale im alten Arbeiterbezirk Wedding benannt. Das Haus in damals zweckmäßig modernen Formen wurde 1961 gebaut – Brandt war zu dieser Zeit, der des Mauerbaus, auch Landeschef. Mit Schumacher gab es allerdings immer wieder Auseinandersetzungen.
Wilhelmstraße 140
Die Parteizentrale der Sozialdemokraten im Bund, das Willy-Brandt-Haus, steht seit 1996 in Berlin-Kreuzberg. Der Parteivorstand – Brandt war von 1964 bis 1987 auch Chef der Bundes-SPD – tagt ganz oben unterm Dach mit dem halbrunden Fensterabschluss. Im Atrium des Hauses steht eine übermannsgroße bronzene Brandt-Skulptur von Rainer Fetting.
Willy-Brandt-Straße 1
Die Willy-Brandt-Straße im Bezirk Mitte hat eine einzige Hausnummer – die Nummer 1. Es ist die Dienstadresse der deutschen Regierungschefs, seit der Schultes-Neubau 2001 bezugsfertig wurde: das Bundeskanzleramt. Willy Brandt hat weder das Haus noch die Straße kennengelernt – regiert haben hier bisher Gerhard Schröder und Angela Merkel.
Schönefeld
Schriftzug des "Berlin Brandenburg Airport".
© picture alliance / dpa
Es war als Ehrung gemeint, als der BER seinen vollständigen Namen „Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt“ erhielt. Die Buchstaben sind längst am Gebäude angebracht, allein mit dem Betriebsstart hapert es seit rund 1 500 Tagen. Bevor die Eröffnung 2012 erstmals platzte, wurde mit Fotomontagen und dem Slogan „Willy Brandt begrüßt die Welt“ geworben.
Unter den Linden 62-68
Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung hat ihren Sitz (samt Austellung) nahe dem Pariser Platz. Die Stiftung, gegründet 1994, ist eine von sechs Politikergedenkstiftungen des Bundes, hat aber nichts mit Parteistiftungen zu tun. Sie betreibt ein umfangreiches Bildungsprogramm in Berlin und in einem zweiten Haus in Brandts Geburtsstadt Lübeck.
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