Die Überraschung ereignet sich nicht in dem Film „Sein letztes Rennen“, als Dieter Hallervorden einen Sportler spielt, der mit einem Marathonlauf seinem Altenheim-Leben davonrennen will. Sie passiert auch nicht bei „Honig im Kopf“, in dem der Schauspieler als demenzkranker Großvater mit seiner Enkelin auf Reisen geht. Da hat man sich bereits erinnert, dass der als Didi berühmt gewordene Komiker auch ein honoriger Filmschauspieler sein kann. Dass die Gabe nur in Vergessenheit geraten war.
Entsinnen darf man sich schon in „Das Mädchen und der Tod“, ein Film ohne viel Öffentlichkeit, in dem Hallervorden die einzigen Überraschungsmomente liefert. Er gibt einen garstigen prügelnden Despoten. Unvergessen, als sein Gesicht erstmals in Großaufnahme auf der Leinwand erscheint, er das Wort ergreift mit der bekannten belegten Stimme und sich im Zuschauer gleich der alte Reflex ausbreitet mit der Erwartung: Ha, der Didi! Gleich kommt die Grimasse! Aber sie bleibt weg. Stattdessen übernimmt in ein paar Sekunden ein böser fremder Alter mit fleischigen Tränensäcken und harten Augen das Terrain. Als er später seiner jungen Geliebten brutal ins Gesicht schlägt, friert sein falsches feines Lächeln fast unbemerkt ein, nur für einen Wimpernschlag. Ein hochkonzentrierter Hallervorden agiert da, keine Spur von Grimasse.
Unerschütterlicher Ehrgeiz
Das war vor zwei Jahren. Gleich darauf folgte sein Comeback als Filmschauspieler mit den beiden bekannten Kinoerfolgen, inszeniert von Kilian Riedhof und Til Schweiger. Dieter Hallervorden ist da angekommen, wo er immer hin will, in der oberen Liga deutscher Schauspieler. Kann sich endlich so präsentieren, wie er sich sieht, als ein Kulturbürger – alte Theaterschule, Romanist, großes Latinum, vorbildliche Manieren.
Er zeigt noch einmal seinen unerschütterlichen Ehrgeiz. Für die Marathon-Rolle trainiert der damals 78-Jährige monatelang. Geht ins Fitnessstudio, joggt morgens, verbietet sich jeden Alkohol, stellt die Ernährung um, ist eisenhart zu sich. Dann glänzt er als Läufer. Vermeidet auch den Eindruck von Bescheidenheit. Als es um den deutschen Filmpreis geht, und die Lola als bester Schauspieler für „Sein letztes Rennen“ in Aussicht steht, sagt er, er freue sich erst, wenn er den Preis behalten könne. Aber sei denn nicht schon die Nominierung ein Erfolg? Hallervorden entgegnet kühl: „In meinem Leben laufe ich nicht irgendwo mit, um Zweiter zu werden“.
Kein Zweiter? Er wartete lange auf die künstlerische Anerkennung und verbringt dabei sein halbes Berufsleben damit, das Didi-Image abzulegen.
Immerhin rettet die Figur des Blödel-Didi dem Herrn Hallervorden einmal das Künstlerdasein. Der hat nämlich schon 1960 mutig das Kabarett-Theater Wühlmäuse gegründet, wofür ihm seine Kollegen bis heute Ehrenkränze flechten. Aber anfangs gerät es in finanzielle Schieflagen. Hallervorden spielt damals in Filmen wie „Millionenspiel“ und „Springteufel“, tritt als Kabarettist auf. Aber erst in den 1970ern mit der Erschaffung des begriffsstutzigen Didi, dem so rasant die Gesichtszüge entgleisen, wird der Laden auch voll. Didi macht Hallervorden reich und berühmt. Wenige Worte reichen, um Bescheid zu wissen: „Palim, Palim“ oder „Eine Flasche Pommes bitte“.
Doch doch, die Leute lachten! 30 Millionen „Nonstop Nonsens“-Zuschauer – Einschaltquoten bis zu 50 Prozent! – irren nicht, nur 37 Kritiker maulen. Auch mit diesen Zahlen tritt Hallervorden auf. Bis er den Klamauk satt hat und es in den 1990er-Jahren mit Satire probiert.
Eines Tages beklagt der Miterfinder des gehaltfreien Fernsehens, dass in Fragen des Humors das Subtile oder Anspruchsvolle auf der Strecke bleibe: „Jeder, der eine komische Fresse ziehen kann und derbe Sprüche auf Lager hat, wird ins Studio gelassen.“ Wer spricht da? Einer, der lange mit einer komischen Fresse und derben Sprüchen ins Studios gelassen wurde? Genau. Hallervorden will weg von Didi. Nur erweist der sich als schrecklich anhänglich. So schnell vergisst der Zuschauer nicht.
Das Petersilienblatt
Hallervorden zündet die nächste Stufe seines Image-Wechsels. Vor sieben Jahren übernimmt er das leer stehende Schlosspark Theater, die letzte Bastion der Hochkultur. Kein Boulevard darf es werden, kein Kabarett, keinesfalls Musical! „Gehobenes Sprechtheater“ soll es sein, ohne Blut und Sperma. Stolz stellt der Intendant seinen ambitionierten Spielplan der Presse vor und verkündet: „Hier soll mein Geld begraben sein“. In die Präsentation hinein fragt ein Kollege, ob er Didi wirklich sterben lassen wolle. Hallervorden erläutert resolut, der Didi sei für ihn das „dekorative Petersilienblatt in der Kartoffelsuppe“. Er habe eine klassische Ausbildung und wohlmeinende Kritiker bescheinigten ihm eine gewisse Vielseitigkeit.
Er will einfach nicht mehr das Petersilienblatt sein.
Natürlich läuft das Theater dann nicht nach Hallervordens Berechnungen, wird schon gar nicht das „Volkstheater für die Vergessenen dieser Stadt, das aussterbende West-Berliner Bürgertum“, wie der Stern kitschversunken orakelt. Als leide Berlin Mangel an irgendeiner Sorte Theater. Nein, alle Besserwisser behalten recht: Das gibt es schon! Das ist zu teuer und zu weit draußen! Hallervorden braucht nun doch Subventionen. Bekommt sie. Er wollte ja nicht sein ganzes Geld begraben.
Trotzdem bleibt das Theater ein überaus ehrenhaftes Unterfangen. Und steht der Chef selbst auf der Bühne, ist es ausverkauft.
Der Künstler mit seiner jungen Frau, dem 17-jährigen jüngsten Sohn und Schlösschen in der Bretagne schiebt seinen Ruhestand weiter auf. Gute Kinorollen schlägt er auch künftig gewiss nicht aus. Wären sie früher gekommen, hätte er sich einige Kraftakte erspart. „Ich wusste immer, dass ich Charakterrollen spielen kann. Aber wer lässt einen? Wo waren die Drehbücher? Wo das Vertrauen von Produzenten?“ fragt er nach seinem letzten Film.
Über sein tatsächlich nicht alltägliches Aussehen dichtete Hallervorden einmal: „Mit dem Gesicht schaffst du’s nicht.“ Was für ein Irrtum.
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