Warum ist es so, dass man immer, wenn man sich eine ARD-Dokumentation über den Osten anschaut, den Eindruck hat, nicht ein Ostdeutscher in Frankfurt an der Oder, sondern ein Westdeutscher in Frankfurt am Main hätte die redaktionelle Betreuung und die Abnahme übernommen?
Wieso hat man den Eindruck, dass jedes Mal, wenn die Öffentlich-Rechtlichen über Polen berichten, ein Unterton durchzudringen scheint, als wäre jemand im Hintergrund leise am Flüstern und würde den Zuschauern heimlich verdeutlichen wollen, dass die Probleme des Landes im Kern ein Symptom slawischer Rückständigkeit sind, die der wohlsortierte Westen schon abschaffen wird? Als wären Rechtsruck und Demokratiemüdigkeit etwas genuin Osteuropäisches und nichts, was Gesamteuropa betrifft.
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Die BRD-Brille
Ich habe den Eindruck, dass die mediale Öffentlichkeit in Deutschland, insbesondere die leitmediale Öffentlichkeit, sich einen Filter aufgesetzt hat, der 33 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch etwas Belehrendes, Pädagogisches, Besserwisserisches und Erzieherisches hat. Als würden Redakteure, Autoren, Intellektuelle ein wenig Angst davor haben, den Perspektivwechsel zu wagen und die Gründe für die gesellschaftlichen Frustrationen, die in West- und Ostdeutschland und auch in Osteuropa eindeutig vorherrschen, in einem breiteren Kontext und mal durch die Augen des anderen, ja des Ostens zu verstehen.
Als gäbe es noch diesen BRD-Filter, der wie beim Schauen durch Brillengläser jeden Gegenstand passend einfärbt, eine BRD-Brille, die sich Redakteure und Autoren aufsetzen, um den Blick ihrer Zuschauer zu filtern, mit dem Ziel, die scharfe politische Trennlinie zwischen dem „Da draußen“ und der eigenen Gewissheit nicht in Bedrängnis zu bringen.
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Man muss sich einen anderen Filter erlauben
Ich muss unweigerlich an einen Brief von Heinrich von Kleist denken, den der Dichter an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge schickte, um seine Realitätsskepsis (und Lebensmüdigkeit) zu verdeutlichen. Dieser Brief, ich würde ihn gerne an die ARD schicken. Kleists Zeilen, verfasst am 22. März 1801, lauten: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr – und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich.“
Das Bewusstsein für diese Art von Konstruktivismus ist uns in der Ost-West-Debatte irgendwann verloren gegangen. Ich denke auch, dass dieses fehlende Bewusstsein der zentrale Grund ist, warum Dirk Oschmanns Buch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ so erfolgreich wurde. Oschmann ist Germanist und weiß um den Filter, den Geschichte, Sozialisierung und Lebenserfahrung Menschen vorgibt. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn in der ARD mehr leitende Redakteure und Chefredakteure mit einer ostdeutschen Sozialisation, mit dem Erfahrungsraum der DDR und des Umbruchs, mit osteuropäischer Identität auf Chefstühlen säßen – sie würden andere Dokumentationen, andere Sichtweisen, sich einen anderen Filter erlauben.
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Eine gesunde deutsche Einheit
Ich denke, was wir brauchen, ist der Mut, die Brille gegen eine andere zu tauschen, den westdeutschen Blick gegen den ostdeutschen, um die Realität mit einem anderen Filter zu betrachten. Wer glaubt, dass unsere Medien reine Objektivität vermitteln, filterlos, der hat zu wenig Kleist gelesen. (Diese (Selbst-)Kritik gegenüber medialer Wirkung und Rezeption hat übrigens nichts mit Demokratiefeindlichkeit zu tun, ganz im Gegenteil, diese Kritik stärkt den demokratischen Gedanken.)
Die ARD-Dokumentation „Hört uns zu! Wir Ostdeutsche und der Westen“, die von der ostdeutschen Journalistin Jessy Wellmer gedreht wurde, ist gut gemeint und doch ein Beweis dafür, wie der West-Filter funktioniert. Ich sage es polemisch: Als müsste jede unangepasste ostdeutsche Perspektive geradegerückt, korrigiert, im West-Kontext beleuchtet werden. Besonders in der Konfrontation zwischen der Moderatorin Jessy Wellmer und Dirk Oschmann ist dieser Impuls erfahrbar, in dem Moment, wenn dem Germanisten, recht deutlich, Populismus vorgeworfen wird. Als wäre ein westdeutscher ARD-Redakteur am Flüstern, der bei Oschmann nicht anders kann, als auf den Tisch zu hauen und den Intellektuellen als Störfeuer zu inszenieren. Und dennoch: Es gibt sie, die Stimmen, die sich äußern, ohne auf den West-Filter Rücksicht zu nehmen. Und das ist gut so.
Am beeindruckendsten war für mich das Gespräch in Jessy Wellmers Dokumentation mit dem Fußballtrainer Steffen Baumgart. Ein Sportler, erfolgreich im Westen, sozialisiert im Osten, der stolz auf seine Vergangenheit ist, stolz darauf, ein Ostdeutscher zu sein, ohne Nostalgie oder den Wunsch nach einer neuen DDR, aber dafür mit einer Prise Wut und Trotz. Für mich sagt er die zentralen Sätze, die den Frust im Osten verständlich machen: „Was der Ossi nicht mag, und ich auch nicht, ist, dass der Westen mir erklärt, wie ich früher gelebt habe und wo ich sage: ‚Ihr wart nicht da‘.“ Baumgart scheint auch ein wenig über Journalisten zu sprechen. Diese Wut, sie ist Ausdruck des anstrengenden Versuchs, sich den BRD-Filter ständig vom Leibe zu halten. Und doch führt kein Weg daran vorbei: Wir müssen ihn punktuell ablegen, wenn wir in Zukunft eine gesunde deutsche Einheit haben wollen.
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