Bücherfrage der Woche

Berühmte Sätze und ihre Geschichte: „Zurück zur Natur“ hat Rousseau nie gesagt

Nicht geflügelte Worte, sondern „Sätze, die die Welt verändern“, interessieren Bruno Preisendörfer in seinem neuen Buch, von Sokrates über Marx bis Nietzsche.

Cornelia Geißler Redaktion: Cornelia Geißler
3 Min
Bruno Preisendörfer, zeit- und gedankenreisender Schriftsteller

Bruno Preisendörfer, zeit- und gedankenreisender Schriftsteller

© Sabine Gudath

Bruno Preisendörfer, dessen Bücher mit Reisen in die Luther-, Bach-, Goethe- und Bismarckzeit auf kluge und ungewöhnlich unterhaltsame Weise Geschichte erzählen, begibt sich in seinem neuen Buch auf eine Gedankenreise. Am Donnerstag wird es im Literarischen Colloquium Berlin vorgestellt. Er untersucht diesmal „Sätze, die die Welt verändern“ (Galiani-Verlag, Berlin). Auffällig ist das Präsens im Titel: Herr Preisendörfer, wirken diese Sätze bis heute?

Bruno Preisendörfer: Die „Lebensgeschichten“ der Sätze und Parolen, die im Buch erzählt werden, reichen bis in unsere Gegenwart. Manchmal ist das nicht so schlimm, wie etwa bei der geschmacklosen Behauptung, über Geschmack ließe sich nicht streiten, und manchmal ist das sehr schlimm, wie bei der These vom „Überleben des Stärksten“. Diese Wendung, von Darwin benutzt, aber nicht von ihm erfunden, gehörte und gehört zum Rechtfertigungsrepertoire des Rassismus. Außerdem werden mit ihr, auch heute noch, natürliche Verhältnisse auf Gesellschaftsverhältnisse übertragen, was immer und ausnahmslos mit Verdrehungen und Fehldeutungen verbunden ist.

Die „unsichtbare Hand“ von Adam Smith wiederum, die angeblich den Markt so hübsch in Ordnung hält, gespenstert bis heute durch Wirtschaftsideologien, obwohl es die „öffentliche Hand“ ist, nach der in Krisen, auch in denen des Marktes, jedes Mal gerufen wird. Übrigens kam das Sinnbild der „unsichtbaren Hand“ bei Smith nur in zwei beiläufigen Nebensätzen vor und hat sich dann im Lauf der Zeiten völlig verselbständigt.

Ganz ähnlich ist es mit der Parole „Zurück zur Natur“, heute aktueller denn je. Gemeinhin wird sie mit Rousseau in Verbindung gebracht, der sie allerdings in seinem Werk nie verwendet, sich im Gegenteil ausdrücklich von ihr distanziert hat. Aber die Menschen hören oft nicht zu, oder sie hören nur das, was ihnen in den Kram beziehungsweise zu ihren Interessen passt. Es gilt eben damals wie heute: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, wie es in einer viel verleugneten, aber auch oft dogmatisierten Formel von Marx heißt. Alles in allem ist festzustellen, dass vom Besserwisser Sokrates bis in unsere Tage die Gedanken bei ihrer Wanderschaft durch die Köpfe nicht nur diese Köpfe verdrehen, sondern auch selbst verdreht werden.

Buchpremiere mit Gespräch: Donnerstag, 26.10., 19.30 Uhr, Literarisches Colloquium Berlin

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