Gut 1600 Jahre brauchte Europa, um nach dem Niedergang des römischen Kaiserreiches wieder Wohlstand und Sicherheit zu erreichen. Mehr als die Hälfte dieser langen Zeit wurden weite Teile des Kontinents von mehr oder minder militärisch befestigten Anlagen aus regiert, von Burgen oder deren Nachfolgebauten, in der eine neue Gesellschaftsklasse herrschte: Ritter und Burgherren. Wer aber waren diese durchaus unterschiedlichen Herrscher? Was waren überhaupt Burgen? Mit das erste, was man lernt in den beiden Ausstellungen, die das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg und das Deutsche Historische Museum den einstigen Machtzentren widmen ist, dass unser Bild geprägt wird vom Burgen-Mythos des 19. Jahrhunderts. Und der hatte nur bedingt mit der historischen Realität zu tun.So konnten Burgen beheizt werden, man wusch sich sogar ab und an, Ritterrüstungen waren, wie Kampfszenen in Berlin zeigen, erstaunlich beweglich, und die Frauen der Burgherren hatten eigene Macht über die Küche und die Kemenate hinaus - nicht zuletzt deshalb, weil sie ihre Männer, Väter oder Brüder oft vertreten mussten, wenn diese auf Raub oder in den Krieg zogen. Der legendäre eiserne Keuschheitsgürtel hingegen, in Nürnberg sind einige reich verzierte Objekte zu sehen, war eher ein erotisches Fetischspielzeug des 19. Jahrhunderts. Das älteste erhaltene Kleidungsstück dieser Art stammt zwar aus dem 15. Jahrhundert, doch diente es als Grabbeilage und sollte die Keuschheit der Frau symbolisieren - nicht sie erzwingen.Bis zu 40000 Burgen soll es alleine im Gebiet des Heiligen Römischen Reiches gegeben haben. Der Wohlstand, der in ihnen durch die Besteuerung von Bauern und Bürgern konzentriert wurde, war erheblich. Man konnte Gläser aus Ägypten und Sizilien kaufen, reich illustrierte Handschriften und bestickte Stoffe, Skulpturen und Gemälde für die Burgkappellen, in Berlin ist sogar - zusammenhanglos, aber schön - eine zierliche Königinnenkrone aus Kroatien zu sehen.In Nürnberg erhält man einen Hinweis darauf, wer die Burgen in Gang hielt, dort tauchen die Kuhmagd, das Bodenstroh, die Mäuse auf. In Berlin hingegen ist der Rückwärtsschwenk von der Geschichte der Schwachen hin zu der der Machthabenden radikal ausgefallen: Trotz einer mit einigen Möbeln, Keramikfunden, Kunstwerken und einem Ofen rekonstruierten Hofstube, in der einst die Steuerpflichtigen empfangen, die Verwaltung organisiert, Gesinde und Ritterschaft versammelt wurden, bleibt fast jeder Bereich des Burglebens, der nicht derjenige der Herrschaft war, farblos. Ebenso wird nur in Nürnberg versucht zu erklären, warum Burgen bis heute so faszinieren - mit Harry Potter, Plastikspielzeugburgen, vor allem aber der Rekonstruktion des Burgenmythos, der Burgenbaumode, die bis zu Rekonstruktionen unter Wilhelm II. und Neubauten von "Ordensburgen" für die SS Himmlers sowie Wiederaufbauten der Nachkriegszeit reichen.Krieg gab es fast immer, und so ist es gerechtfertigt, dass beide Ausstellungen tief in die Waffensammlung greiffen. Neben Schwertern, Dolchen und Pieken sind auch die angeblich unritterlichen Armbrüste, Schuss- und Schlagwaffen zu sehen. Nobel aber waren, wie man in Berlin lernt, die Ritter selten. Einfache Soldaten hatten keinerlei Überlebensrecht, sie wurden oft noch auf dem Schlachtfeld umgebracht, wie drastische Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert zeigen. Freigelassen wurden nach Lösegeldzahlungen oft nur reiche Gefangene und Adlige. Erst, wenn auch die umgebracht wurden, wie 1415 nach der Schlacht Aigoncourt, kam es zum internationalen Skandal; es brauchte die Wortgewalt Shakespeares, um die Schandtat des englischen Königs an französischen Adligen zum englischen Nationalmythos umzufälschen.Eine Geschichte, die wunderbar in diese Ausstellungen gepasst hätte. Doch fehlt sie. Wie überhaupt fast jeder Verweis darauf fehlt, dass die Geschichte der Burgen und der Ritter keine genuin deutsche ist. Kühn behaupten der Kuratoren, dass es im deutschen und böhmischen Teil des Heiligen Römischen Reichs seit dem hohen Mittelalter eine Sonderentwicklung des Machtverfalls, also auch der Adelssitze, gegeben hat. Dabei zeigt der Blick auf schweizerische, niederländische oder italienische Reichsteile, dass die Entwicklungen vergleichbar waren. Auch in England, Schottland, Schweden, Frankreich und Spanien strebten die Adligen nach Autonomie, bauten Burgen und herrschten von diesen.Um die These von einem deutschen Sonderweg der Burgen und Ritter einhalten zu können, ist eine erhebliche Stilisierung notwendig. So wird selbst das Phänomen der Ritterorden und besonders des Deutschen Ordens fast völlig ausgeblendet. Dabei zeigen gerade dessen monumentale Ziegelbauten die erstaunliche Innovationskraft der Rittergesellschaft. In ihnen verbanden sich islamische, französische, sizilianische und normannische Einflüsse, wurden neueste Technologien wie die Ziegelnormierung eingeführt, neue Landwirtschaftstechniken durchgesetzt und Sozialmodelle erprobt. Doch war der Deutsche Orden in seiner Zusammensetzung und seiner Kultur eben nicht deutsch, sondern europäisch, so wie der Adel lange seine Zöglinge aus Ostpreußen und Pommern an die Höfe von Burgund, Frankreich, Habsburg zur Ausbildung sandte.So grandios und reichhaltig die Bestände dieser Ausstellungen sind: Sie sind eine vertane Chance, endlich mit dem Mythos aufzuräumen, dass Burgen oder die Burgenbegeisterung - eine bis in Rheinromantik hinein genuin englische Erfindung des späten 18. Jahrhunderts - eine deutsche Angelegenheit seien. Dabei ist das einzig Besondere im Reich nicht gewesen, dass es Burgen und Ritter gab, sondern sich hier die Ritterschaften bis um 1800 an der Macht halten konnten - doch selbst warum diese Sonderentwicklung stattfand bleibt ungeklärt.Vor etwa 600 Jahren war die Schlacht von Grundwald/Tannenberg ein Menetekel für Rittergesellschaften, die behaupteten, einem eigenen Kodex folgen zu dürfen. Das polnisch-litauische Heer zwang die Herren des Parallelstaates in Preußen und im Baltikum unter die Oberhoheit der polnischen Krone. Fast gleichzeitig begannen die Eidgenossen in der Schweiz, die englischen und französischen Könige, die Bürger in den Niederlanden, die Städte und Fürsten in Schwaben damit, moderne Zentralstaaten zu begründen, in denen das Recht und nicht das Schwert regierte.Oft musste mit Gewalt gegen die alte Herrschaft vorgegangen werden. Grafiken von brennenden Burgen, Urkunden mit Unterwerfungsschwüren, eine Fotoserie brandenburgischer Burgen, die zu Schlössern wurden zeigen, wie aus Ritter friedliche Gutsherren wurden. Die als solche ihren sozialen Einfluss bis in unser Jahrhundert hinein erhalten konnten: Eine der damals zugunsten neuer Machtverteilung zerstörten Burgen gehörte den Vorfahren unseres Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg.-----------------------"Burg und Herrschaft", Deutsches Historisches Museum Berlin, bis 24. 10."Mythos Burg" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg bis 7. 11.------------------------------Der legendäre eiserne Keuschheitsgürtel war eher ein erotisches Fetischspielzeug des 19. Jahrhunderts.------------------------------Foto: Für zwei Millionen Mark wieder aufgebaut: die Hohkönigsburg im Elsass.
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