Pro und Kontra

Zwei Jahre Corona: Auch wer sich an alle Regeln gehalten hat, ist plötzlich raus

Der verkürzte Genesenen-Status, widersprüchliche „2G+“-Regeln: Man versteht kaum noch, was die Corona-Politik will. Die Gereiztheit der Bürger wächst.

4 Min
Straßenszene am Alexanderplatz.

Straßenszene am Alexanderplatz.

© Sebastian Wells/OSTKREUZ

Berlin - Es gibt einen Satz, den ich in den vergangenen Tagen so oft gehört habe, dass ich fürchte, er passt am besten zum zweiten Jahrestag der Pandemie. Der Satz lautet: „Ich hab mich zwei Jahre an alles gehalten - aber das sehe ich nicht mehr ein.“

Er wird von einem Grummeln begleitet, von genervtem Augenrollen. Von der Versicherung, wirklich nicht einer von denjenigen zu sein, die von Anfang an alles infrage gestellt haben. Das Virus, die Pandemie, die Pandemiepolitik. Ja, es gab furchtbare Fehler, von Anfang an, abgesperrte Spielplätze, das quälend lange Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen, die viel zu lange geschlossenen Schulen. Es gab Streit und heftige Diskussionen, auch fast von Anfang an - aber wer hatte vorher schon mal versucht, eine Pandemie in den Griff zu bekommen?

Die meisten Menschen, die ich kenne, gaben sich Mühe mitzumachen. Trotz der Diskussionen. Sie hielten sich an die jeweils geltenden Regeln, so gut es ging. Sie versuchten, sich nicht anzustecken, das Virus nicht zu verbreiten, Infektionen vermeiden, darum war es doch von Anfang an gegangen. 

Plötzlich nicht mehr genesen

Inzwischen versteht kaum noch jemand, worum es geht. Was die Regeln, die in der Omikron-Welle gelten, eigentlich bewirken sollen. Die Laune, so scheint mir, wird gleichzeitig immer gereizter. In den sozialen Medien, wo viele dazu übergangen sind, unter den eigenen Beiträgen die Kommentarfunktion zu sperren, aber leider nicht nur da. 

Da ist etwa die Sache mit den Genesenen. Wer sich mit dem Virus angesteckt und es überlebt hat, gilt als gut geschützt davor, bei der nächsten Infektion schwer krank zu werden. Eine große Studie aus den USA hat das gerade noch einmal gezeigt. Forscher nehmen an, dass der Schutz mindestens ein halbes Jahr hält.

Tja. In Deutschland erschien trotzdem Mitte Januar eine neue Definition auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts (RKI). Seitdem gilt man hierzulande nur noch drei Monate nach einer Corona-Infektion als genesen. Die Änderung galt sofort, unverzüglich. Ohne politische Diskussion, etwa im Bundestag. Im Bundestag selbst ändert sich allerdings auch gar nichts, dort sind Genesene weiter ein halbes Jahr lang genesen. So wie im Rest der Europäischen Union.

Geht es bei dieser Änderung darum, Infektionen zu vermeiden? Unklar. Wer plötzlich nicht mehr als „genesen“ gilt, der darf nicht mehr in Restaurants oder Kino, auch nicht mit einem Test, und nur noch mit täglichem Test auf der Arbeit erscheinen. In der „Abendschau“ erklärte ein Mann vom RKI: Man habe nun mal festgestellt, dass Genesene sich schnell wieder mit Omikron anstecken können.

Das ergibt alles keinen Sinn mehr

Das können sie in der Tat. So wie Menschen, die zweimal geimpft sind. Und sogar Menschen, die dreimal geimpft sind, stecken sich gerade reihenweise an. Trotzdem verfügen sie derzeit über den Superstatus „geboostert“, der ihnen ermöglicht, ohne Test einen Kaffee trinken zu gehen. In einigen Teilen Deutschlands dürfen das auch Menschen, die vor oder nach zwei Impfungen eine Infektion überstanden haben, medizinisch gesehen gelten sie als geboostert. In Berlin hat der Senat beschlossen, sich darum erst mal nicht zu scheren: zu kompliziert.

Das ergibt alles keinen Sinn mehr. Menschen, die bis eben dachten, sich an alle Regeln gehalten zu haben, und dabei auch der Wissenschaft gefolgt zu sein, verlieren plötzlich Rechte. Oder vielleicht ergibt es doch Sinn, er ist nur sehr schwer zu verstehen? Zur großen Erschöpfung und Verstimmung zum zweiten Jahrestag passt, dass kaum noch ein Politiker sich Mühe macht, das alles zu erklären.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema