Pro und Kontra

Zwei Jahre Corona: Wir kennen jetzt unsere Schwächen - packen wir sie an!

Immerhin mildert Omikron auch die unerträgliche Hetze gegen Ungeimpfte – wir können uns wieder auf Gemeinsamkeiten konzentrieren anstatt zu spalten.

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Das Coronavirus komplett auszusperren, wird in den nächsten Wochen und Monaten noch nicht gelingen – aber damit leben zu lernen, hoffentlich im Laufe des Jahres. 

Das Coronavirus komplett auszusperren, wird in den nächsten Wochen und Monaten noch nicht gelingen – aber damit leben zu lernen, hoffentlich im Laufe des Jahres. 

© dpa

Berlin - Seit auf den Tag genau zwei Jahren leben wir in Deutschland offiziell mit dem Coronavirus. Leben und sterben, muss man ergänzen, das macht die Sache dramatisch. Dramatisch ist deshalb auch unser Umgang damit: Sowohl von politischer Seite, wenn Maßnahmen beschlossen, wieder einkassiert, falsch kommuniziert oder schlicht verschlafen werden. Als auch aufseiten der Bevölkerung, wenn notwendige Maßnahmen zu Drangsalierung hochstilisiert, hinter jedem Ansatz eine Verschwörung gewittert oder Impfskeptiker zu gefährlichen Staatsfeinden erklärt werden. Wenige haben in den vergangenen zwei Jahren alles richtig gemacht. 

Am schlimmsten war es vielleicht im vergangenen Dezember. Als die Inzidenzen in Deutschland sehr hoch anstiegen, weil die Politik die zeitigen Maßnahmen gegen die vierte Welle verpasst hatte, panisch nachsteuern musste, während ein großer Teil der Bevölkerung sich in Sicherheit wiegte, weil schon geimpft – und der Gesundheitsminister bereits verkündet hatte, die Pandemie sei so gut wie vorbei. Zwei Extreme stießen aufeinander: Wunsch und Wirklichkeit. Auch weil ein Jahr lang die Hoffnung verkündet worden war, DIE Impfung sei so etwas wie ein Wundermittel und der sichere Weg aus der Pandemie. Sobald eine große Mehrheit der Deutschen geimpft sei, bedeute dies das Ende aller Maßnahmen.

Die Realität zeigte nun das Gegenteil, und schlimmer: Ein neuer Mutant stand vor der Tür, dessen Gefährlichkeit noch nicht einzuschätzen war. Bisher waren die dominanten Mutanten immer gefährlicher geworden, die Angst saß tief, dass es auch diesmal so sei. Die Kommentarspalten der Medien und Social Media liefen über vor Groll - gerade mit Blick auf Weihnachten. 

Die Suche nach einem Sündenbock, bei dem man die ganze aufgestaute Unzufriedenheit einfach abladen kann, verstieg sich zu einer wahren Hetze gegen die Ungeimpften, medial befeuert, millionenfach kopiert in Tweets, Likes, wütenden Äußerungen über Menschen, von denen man zu großen Teilen gar nicht weiß, was sie bisher von der Impfung abhielt und ob sie damit im Einzelfall nicht eher richtig lagen, wenn man die sich nun doch häufenden Meldungen über vereinzelte Impfschäden anschaut – und die oft fehlende Hilfe sowie die verbreitete schulterzuckende Egal-Mentalität als Reaktion darauf. Diejenigen, bei denen alles gutgegangen ist, haben gut Lachen – über die anderen. 

Wir haben hierzulande hohe wirtschaftliche Schäden zu verkraften, psychische, soziale, Hunderttausende haben ihre Angehörigen an die Pandemie verloren, andere ihre Jobs oder ganze Existenz, wiederum andere profitieren von der Krise. Aber: Seit Januar ist einiges anders. Wir wissen nun, im neuen Jahr, dass Omikron auch eine Chance sein kann. Zum ersten Mal hat sich eine Virusvariante durchgesetzt, die nicht noch tödlicher ist als die vorherigen – sondern milder. Dafür ansteckender. Omikron könnte den so dringend erwarteten Übergang zur Endemie einläuten. Kann – nicht muss.

Doch es ist jetzt mal an der Zeit, die Sache positiver anzugehen. Wir hatten zwei Jahre Zeit, aus der Pandemie zu lernen. Wir haben gesehen: Corona ist ein Brennglas für verschiedenste Probleme, die bisher vielen nicht bekannt oder einfach nicht so beliebt waren. Ein überlastetes Gesundheitssystem – wo denn?  Digitalisierungsprobleme und veraltete Schulstrukturen – nicht mein Problem. Eine sich spaltende Gesellschaft, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander? Die Verlierer sind halt Menschen, die sich nicht genug anstrengen, lautete das Narrativ. All das muss jetzt vorbei sein. Corona hat überdeutlich gezeigt: Diese Probleme gehen uns alle an, wirken sich auf unser aller Leben aus, wir selbst sind die Gesellschaft, die damit umgehen – und sie endlich lösen muss.

Die große Chance, die hinter diesem tödlichen Virus steckt, ist, dass sich angesichts der existenziellen Bedrohung die Menschen darauf besinnen, was sie gemeinsam haben anstatt was sie trennt – und dass es sich lohnt, für gemeinsame Ziele zu kämpfen. Ganz zu Beginn der Pandemie war davon einiges zu spüren, es hat sich im Zuge der Panik schnell verflüchtigt. Nun gibt noch einmal das Virus die Marschrichtung vor: Es ist Zeit, sich ein kleines bisschen zu entspannen – und dafür umso genauer hinzuschauen: Die kritische Infrastruktur ist in Gefahr? Dann wäre es wohl angebracht, diese dauerhaft krisenfest zu machen anstatt den Bürgern den Kauf von Gaskochern zu empfehlen. Dem Gesundheitswesen läuft das Personal davon? Wie wäre es, in der Pandemie ein solches zu stärken anstatt es zu schwächen?

Wenn es uns gelingt, diese Probleme nicht weiter zu ignorieren oder anderen in die Schuhe zu schieben, sondern ernsthaft anzugehen – dann können wir gestärkt aus dieser Krise finden. Und dann müssen wir auch nicht so viel Angst vor einer nächsten Krise haben. Man kann sich wappnen. Unsere Schwächen kennen wir jetzt zur Genüge.

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