Zwischenruf zum Reformationstag

Ein neuer Himmel und eine neue Erde

Die Angst vor Verdammnis war der Treibstoff, der Martin Luther in Bewegung setzte.

Arno Widmann
8 Min
Schlosskirche in Wittenberg: Die Kirche an die der Reformator Martin Luther seine Thesen nagelte ist seit 1996 UNESCO Welterbestätte.

Schlosskirche in Wittenberg: Die Kirche an die der Reformator Martin Luther seine Thesen nagelte ist seit 1996 UNESCO Welterbestätte.

© picture alliance / Axel Heimken

Leonardo da Vinci (1452–1519) berichtet, wie er einmal vor einer Höhle stand und sich in ihm zwei fast gleich starke Gefühle meldeten: Da war die Angst vor dem Dunklen, dem Unbekannten, und da war die Neugier auf das Dunkle und Unbekannte. Wir wissen nicht, ob Leonardo die Höhle betrat. Aber wir wissen, wie stark die Neugier in ihm war. Es gibt kaum etwas, das er nicht erforscht hätte: Lächeln und Grimassen, Vogel- und Kanonenflug, Festungs- und Städtebau, Anatomie von Menschen, Tieren und Pflanzen.

Leonardo steht für die Renaissance. Die war nicht nur Rückkehr zu antiken Texten, sondern auch zu antiken Forschungsweisen. Leonardo da Vinci gehörte zu den Künstlern, Technikern, Wissenschaftlern und – sagen wir ruhig – Philosophen, die damals erkannten, dass es nicht genügte, in alten Büchern nachzuschlagen, um sich über die Welt, die Natur und die Menschen aufzuklären. Es kam darauf an, so sagten sie, die Dinge selbst zu untersuchen, mit den eigenen Augen zu sehen und sich eigene Gedanken zu machen. Sich auf überlieferte Autoritäten zu berufen, genügte ihnen nicht.

Die Reformation war eine Strömung der Renaissance. Eine Gegenströmung. Der Ablassgroschen wurde unter anderem erhoben für den Bau des Petersdomes, der Prunk-, Protz- und Prestigekirche in Rom. Baubeginn war 1506. Zu den Architekten gehörten Michelangelo, Raffael und Bernini. Eines der – was den Tourismus angeht – wohl nachhaltigsten Bauprojekte der vergangenen 500 Jahre. Die Reformation reagierte auf die gewaltigen Veränderungen der Epoche mit „Augen zu und durch“.

Gegenströmung der Renaissance

In der Offenbarung des Johannes heißt es: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Es geht Johannes um das Jüngste Gericht. Es geht darum, dass die einen „alles ererben“ werden, den anderen aber wird gesagt: „Der Verzagten aber und Ungläubigen und Greulichen und Totschläger und Hurer und Zauberer und Abgöttischen und aller Lügner, deren Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt.“

Die Angst vor diesem Tod war der Treibstoff, der Martin Luther (1483–1546) und einige andere Reformatoren in Bewegung setzte. Der Mensch, erklärten sie, ist sündig. Er ist verdammt. Es gibt nur eine Frage, die ihn beschäftigen darf: Wie gewinne ich einen gnädigen Gott? Luther hat darauf eine sehr klare, unmissverständliche Antwort: Du kannst ihn nicht gewinnen. Du bist ein Sünder, angewiesen nicht auf die Gerechtigkeit Gottes, sondern auf seine Gnade. Der Mensch kann nichts dafür tun, diese Gnade zu erlangen. Was immer er tut, er kann sie sich nicht verdienen. In einer nichts als gerechten Welt wären wir alle verdammt.

Das ist die Botschaft der lutherischen Reformation. Sie entsteht nicht neben den Debatten um die Würde des Menschen, sondern gegen sie. In Giovanni Pico della Mirandolas „Rede über die Würde des Menschen“ aus dem Jahre 1486 wird die Besonderheit des Menschen in seinem freien Willen gesehen. Gott, der die Welt und den Menschen geschaffen hat, hat den als einen geschaffen, der sich selbst erschaffen kann. Dagegen richtet sich die Reformation. Der Mensch ist nicht frei.

Die Autorität der Schrift ist unumstößlich

Im Jahre 1520 schreibt Luther: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Das ist nicht das Ergebnis anthropologischer Forschung seitens des Sozialwissenschaftlers Dr. Martin Luther. Es ist seine Exegese eines Wortes des Heiligen Paulus: „Ich bin frei in allen Dingen und habe mich eines jedermanns Knecht gemacht.“ Die Autorität der Schrift ist unumstößlich und unangreifbar.

Es geht an keiner Stelle um die Erforschung dessen, was ist, sondern um die Klarstellung dessen, was schriftgemäß sein soll. Das ist kein Fortschritt gegenüber den bis dahin gepflegten Interpretationstechniken, sondern ein barbarischer Rückschritt. Die Texte werden wörtlich genommen und enthistorisiert. Sie werden wie von den Fundamentalisten aller Zeiten und aller Religionen als Rezepte verstanden für das Leben der Gläubigen. Natürlich werden sie dann doch wieder zurechtgebogen für die Bedürfnisse der jeweiligen Situation. Auch das gehörte schon immer zum Fundamentalismus.

Die lutherische Reformation hätte ohne die Druckerpresse niemals die Verbreitung gefunden, die sie dann hatte. Sie wäre aber ohne die Unterstützung von Landesfürsten, die sie gut gebrauchen konnten, um sich abzusetzen von Kaiser und Reich, schon im Keim erstickt worden. Das Bündnis von Thron und Altar ist kein Relikt des Mittelalters, sondern ein Ergebnis der Reformation.

Ein Werk ohne Gott 

Der jeweilige Landesherr war der oberste Bischof seiner Kirche. Er konnte seit 1555 die Konfession seiner Untertanen bestimmen. Auch diese politische Entwicklung war gerichtet gegen das, was Renaissancedenker zur Politik geschrieben hatten. 1513 hatte der florentinische Politiker und Schriftsteller Niccolò Machiavelli (1469–1527) sein Buch vom Fürsten veröffentlicht. Ein kalte Analyse, was man tun muss, um die Macht zu ergreifen und zu behalten. Ein Werk, das gänzlich ohne Theologie und ohne Gott auskommt.

1516 erschien „Utopia“ von Thomas Morus (1478-1535), ein Buch, das nicht analysiert, was ist, sondern auf einer neuen Erde eine neue Welt schafft, in der Gleichheit und Wohlstand herrschen. In dieser neuen Welt verehrt jeder den Gott, den er mag. Da ist keiner, der ihn zurückpfeift und ihm sagt, dass er zu den Verdammten gehört, wenn er nicht tut, was ihm gesagt wird.

Zum 500. Jahrestag des Lutherschen Thesenschlags – ob er nun so oder so oder auch gar nicht stattgefunden hat – ist viel über die Reformation geschrieben worden. So wie man das als Historiker macht: Man beschreibt, wie es zu dem Ereignis kam, welchen Verlauf es nahm und dass wir heute ohne es nicht wären. Das ist alles richtig. Aber es zementiert eine Geschichtsideologie. Nämlich die, dass das, was war, so hat sein müssen. Die These von der Alternativlosigkeit. Sie ist falsch. Nicht nur, wenn Angela Merkel sie behauptet.

Eine gewaltige Behinderungsmaschine

Luther war im 16. Jahrhundert der Sieg des aus der Angst geborenen Hasses über die Neugierde, über die Lust auf die Welt. Kein Sieg an allen Fronten, aber eine gewaltige Behinderungsmaschine. Die Neugier gehörte zu den von Luther am häufigsten geschmähten Sünden. Hätte er ein wenig davon gehabt, hätte es ihm gedämmert, dass man den neuen Himmel und die neue Erde nicht in der Zukunft, nach der Vernichtung der ersten Erde, wie es bei Johannes heißt, suchen brauchte, sondern, dass sie damals vor seinen Augen lagen.

1492 war nicht der Seeweg nach Indien, sondern ein neuer Kontinent, eine neue Erde entdeckt worden mit neuen Menschen. Die Theologie jener Jahre versuchte, sie, von denen nirgends im Alten oder im Neuen Testament die Rede war, im Heilsplan Gottes unterzubringen. Sehr interessante Debatten darüber, ob ein gerechter Gott Menschen verdammen könne, die ihm schon deswegen nicht folgten, weil er sich ihnen nicht gezeigt hatte.

Natürlich war es göttliche Gnade, sich den Menschen der Alten Welt offenbart zu haben. Aber die aufgeklärte Theorie vom guten Wilden entstand aus dem Gefühl heraus, dass es sich vielleicht besser lebte ohne diese Gnade.

Das Evangelium predigt Sicherheiten

Diese Gnade, die einen vollgestopft hatte mit Gewissheiten über das, was gut und böse, was richtig und falsch ist. Man lese Luthers Abhandlung über den freien Willen aus dem Jahre 1525. Da geht es gegen die Skepsis des Erasmus von Rotterdam, gegen seine These, einen guten Menschen erkenne man an dem guten Leben, das er führe. Luther weist das weit von sich. Das Evangelium predigt Sicherheiten. Es macht Schluss mit den Ungewissheiten. Es findet sich darin die hübsche Formulierung „Der heilige Geist ist kein Skeptiker“. Wir nicken, und damit sind wir eingemeindet. Wer zum Teufel ist der Heilige Geist? Was weiß Luther über ihn, was wir nicht wissen?

Wir wissen, schreibt Luther, „dass Christus, der Sohn Gottes Mensch geworden, dass Gott dreifältig und doch einer sei, dass Christus für uns gelitten und ewiglich regieren werde“ . Wir wissen das nicht, und Luther wusste es auch nicht. Aber gegen alle Vernunft, gegen alle, die ihren Zweifel ernst nahmen, schrie Luther seinen Glauben in die Welt voller Hass gegen die, die ihn nicht teilten, gegen die „Verzagten“, und er schrie es so laut, weil er seine eigenen Zweifel, seine Angst vor seinem Unglauben übertönen musste.

Er kickte die Erde aus dem Zentrum

Den alten Himmel riss zu Lebzeiten Luthers Nikolaus Kopernikus (1473–1543) auf. Er kickte die Erde aus dem Zentrum. Nur der Mond, der schöne, stille Gefährte der Nacht, drehte sich noch um sie. Sie selbst aber drehte sich, wie der Rest der Planeten, um die Sonne, und bald lernten wir, dass es Tausende Sonnen gibt, und inzwischen wissen wir von Milliarden.

Die Unendlichkeit des Weltraums ist keine Idee der Reformation und auch nicht die von der ewigen Dauer des Universums. Darüber stritt man sich vor und nach Luther. Mal mit mehr und mal mit weniger Interesse an empirischem Wissen, an Logik oder auch nur theoretischer Neugier. Luther wollte von alldem nichts wissen. Er wollte nichts sein als der Knecht seines Herrn Jesus Christus. Darin sah er sein Heil.

Kein Mensch konnte heraushelfen aus der Verdammnis. Nur die Unterwerfung unter den in der Schrift offenbarten Willen Gottes. Luther war ein Fundamentalist gegen die Skepsis seiner Epoche. Sein Zeitalter war und wurde durch ihn zu einem Zeitalter der Angst. Schlechte Zeiten für Höhlenbesucher.

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