Herr Becker-Brüser, heute erscheint die erste Ausgabe der Gesundheitszeitschrift "Gute Pillen - Schlechte Pillen". Was ist das für ein Magazin?Es richtet sich an Laien - an gesunde und kranke Menschen gleichermaßen. Die Leser finden darin etwas über den Nutzen und die Risiken von Arzneimitteln und Therapien. Grundlage für die Beurteilung sind wissenschaftliche Studien, die wir auswerten. Das besondere an dem Projekt: Wir sind unabhängig. Die Zeitschrift enthält keine Werbung und erscheint ohne Beeinflussung durch Hersteller, Politiker und andere Interessengruppen.Wie finanzieren Sie sich?Es ist ein Low-Budget-Projekt. Die Zeitschrift hat nur 12 Seiten und ist kein Hochglanzmagazin. Wir bringen zum Beispiel keine ganzseitigen Abbildungen.Wer steckt hinter dem Projekt?Herausgeber sind drei unabhängige arzneimittelkritische Fachinformationsdienste: der Arzneimittelbrief, der Pharmabrief und das Arznei-Telegramm, bei dem ich Geschäftsführer bin. Wir haben eine gemeinnützige GmbH gegründet, die Texte erstellen Mitarbeiter der drei Redaktionen. Machbar ist das eigentlich nur, weil wir bereits viel Kompetenz auf diesem Gebiet erworben haben und für die Recherche unsere Archive nutzen können.Wie viel kostet das Heft?Ein Exemplar kostet 3 Euro. Wir möchten aber vor allem Abonnements verkaufen. Die kosten 15 Euro im Jahr für sechs Ausgaben. Das mag nach viel Geld für wenig Seiten klingen. Aber unabhängige Information gibt es nicht zum Nulltarif.Worüber berichten Sie in der ersten Ausgabe?Wir bringen einen großen Übersichtsartikel über Erkältungskrankheiten. Darin erläutern wir, welche Mittel sinnvoll sind und welche nicht. Wir plädieren zum Beispiel dafür, die Symptome gezielt zu behandeln - also ein Schmerzmittel zu nehmen, wenn man Kopfschmerzen hat, Nasenspray bei Schnupfen, aber keine Mischpräparate wie den Erkältungssaft Wick MediNait, der angeblich mehrere Symptome zugleich bekämpfen soll. Außerdem haben wir die Preise von verschiedenen Acetylsalicylsäure-Präparaten verglichen und festgestellt, dass manche Aspirintabletten vier bis sieben Mal teurer sind als die günstigsten Präparate. Und wir berichten über die Hormontherapie in den Wechseljahren, über das Generika-Phänomen, also Nachahmerpräparate, sowie über Risiken durch das Verhütungsstäbchen Implanon.Was hat Sie bewogen, solch eine Zeitschrift herauszugeben?Es gibt großen Bedarf für unabhängige Information im Gesundheitsbereich. Das zeigen unsere persönlichen Erfahrungen: An das Arznei-Telegramm, das für Ärzte und Apotheker gedacht ist, wenden sich zum Beispiel oft auch Laien. Und auch im Bekanntenkreis haben wir festgestellt, dass viele Menschen erschreckend wenig Distanz zu dem haben, was in der Werbung behauptet wird. Dass es Bedarf für Gesundheitsinformationen gibt, belegen auch Umfragen. Die Bertelsmann-Stiftung hat zum Beispiel ermittelt, dass sich jeder Zweite in Gesundheitsfragen zunächst an Verwandte und Bekannte wendet. Offenbar fehlt also eine kompetente Informationsquelle. Mehr als fünfzig Prozent informieren sich außerdem aus Gedrucktem, aus Magazinen und Broschüren. Darin gibt es exzellente Texte, aber auch viele fragwürdige, in denen einfach die Pressemitteilungen der Firmen wiedergegeben werden.Was ist schlimm daran?Da gibt es viel Humbug und Übertreibungen. Viele Behauptungen entsprechen eher dem Wunschdenken des Herstellers als den wissenschaftlichen Fakten. Deshalb wollen wir jetzt in der Rubrik "Werbung - aufgepasst" gezielt solche Schlagzeilen unter die Lupe nehmen.Haben die Pharmafirmen mit ihren Werbekampagnen besonders viel Einfluss auf Redaktionen?Wir wissen, wie abhängig einige Fachzeitschriften von ihren Anzeigenkunden sind, wie sie sich winden, kritische Berichte zu bringen. In anderen Bereichen mag es diesen Einfluss auch geben - aber bei Kosmetika oder Haushaltsgeräten sind mir Mogelpackungen und falsche Versprechungen relativ egal. Bei Arzneien aber geht es um die Gesundheit. Da muss man wissenschaftliche Maßstäbe ansetzen, um den Produktnutzen zu bewerten.Aber den Firmen liegen doch die gleichen Studien vor.Ja, aber sie werten sie möglicherweise anders aus. In vielen Studien sind zum Beispiel die Fazits geschönt. Den Sponsoren der Studie gefiel das Ergebnis nicht und dann wurde wenigstens das Fazit so formuliert, dass es sich nicht ganz so negativ anhört. Ausgerechnet die Schlussfolgerung aber geht in die Datenbanken ein. Wenn wir uns die kompletten Studiendaten anschauen, ziehen wir oft ganz andere Schlüsse.Interview: Anne Brüning------------------------------Zur PersonFoto: Wolfgang Becker-Brüser (56) ist Arzt und Apotheker. Seit 1975 arbeitet er für das Arznei-Telegramm, einen unabhängigen Informationsdienst für Ärzte und Apotheker mit Sitz in Berlin-Steglitz.Die neue Zeitschrift "Gute Pillen - Schlechte Pillen" gibt das Arznei-Telegramm zusammen mit dem Arzneimittelbrief und dem Pharmabrief heraus. Das 12-seitige Magazin, das alle zwei Monate erscheinen wird, soll hauptsächlich im Abonnement vertrieben werden. Eventuell wird es auch in Bahnhofskiosken erhältlich sein.Abobestellungen über das Internet:www.gutepillen-schlechtepillen.de