Das erste Öl aus dem Tschirag-Feld im Kaspischen Meer soll morgen fließen. Es wird einen Erdöl-Boom einläuten, der weit in die Zukunft reicht. Die Region um den Kaspi schickt sich an, zum Nahen Osten des nächsten Jahrhunderts zu werden. Die Reserven, um die es geht, sind gewaltig: Schätzungen zufolge sollen es zwischen 90 und 200 Milliarden Tonnen sein. Ihr vermutlicher Wert ­ mindestens vier Billionen Dollar. Interessenten drängen sich im Dutzend. Neben den Anrainern Aserbaidschan, Turkmenistan, Kasachstan, Rußland und Iran sind es vor allem amerikanische Mineralölkonzerne, die hier ihre Zukunft sehen. Aber auch Japan, Norwegen, die Türkei, Pakistan und China sind interessiert.Im großen Run auf den begehrten Rohstoff hat ein mehrfach Totgesagter mit besonderer Umsicht die Fäden gezogen: Heidar Alijew, der Präsident Aserbaidschans, in dessen Machtbereich die bedeutendsten Vorkommen liegen. Er jongliert überaus geschickt mit den widerstreitenden Interessen.Der Präsident liebt es, sich als Schöngeist zu präsentieren. Obwohl er zehn Jahre lang in Moskau gelebt und nie seine Muttersprache Aseri gesprochen habe, so habe er sie doch nie vergessen.¤(´¤Schablinski,Barbara^46þîp§ÿÿ¢z "Heidar Alijew ist ein Moslem, aber Russisch spricht er besser als die Russen." Das Lob aus einem "Time"-Artikel von 1983 zitiert Alijew noch heute gern.Niederlage für Moskau Der_ielleicht ist dies ein Hinweis auf die erstaunliche Wandl ungsfähigkeit eines Mann steht im Begriff, die Position seines Landes im Interessengeflecht zwischen Kaspi und Kaukasus neu zu bestimmen und spielt dabei die Supermacht Amerika und das regional noch immer mächtige Rußland geschickt gegeneinander aus. Caspar W. Weinberger, ein früherer amerikanischer Verteidigungsminister, ist überzeugt: Die Kontrolle über die Erdöl- und Erdgasressourcen des Kaspischen Meeres könnte für Rußland wichtiger sein, als es die heftig umstrittene Nato-Osterweiterung für den Westen ist. Auch für die Vereinigten Staaten geht es um einen hohen Einsatz. Wenn sie "ihre Energiezufuhr diversifizieren und ihre gefährliche Abhängigkeit reduzieren wollen, ist der freie Zugang zum Kaspischen Meer unverzichtbar", analysierte Weinberger kürzlich in der "Zeit".Folgt man der Logik Caspar Weinbergers, so hat Alijew Moskau gerade eine weitere bittere Niederlage beigebracht. Während seines jüngsten Besuchs in Washington unterzeichnete er Verträge mit den vier größten amerikanischen Mineralölkonzernen. Mit Exxon, Mobil und Chevron vereinbarte die staatliche aserbaidschanische Erdölgesellschaft Socar die gemeinsame Förderung im Schelfgebiet des Kaspis. Amoco darf rund zweihundert Kilometer von der Küste entfernt das Inam-Feld erkunden. Die russische Firma Lukoil, die ebenfalls interessiert war, blieb vor der Tür. Gesamtwert der vier Deals: acht Milliarden Dollar (ca. 15 Milliarden Mark).Zuvor hatte sich Alijew drei Stunden lang mit US-Präsident Clinton unterhalten und ein Investment-Abkommen getroffen. Darin werden Investitionen in Aserbaidschan geschützt und der freie Transfer von Kapital und Gewinnen zwischen Aserbaidschan und den USA garantiert. Clinton, der den ehemaligen KGB-Chef Aserbaidschans mit Ehrengarde und warmem Händedruck empfing, versprach zudem, sich für die Aufhebung des seit fünf Jahren existierenden Finanzhilfe-Verbots einzusetzen.Die überaus starke Lobby der armenischen Diaspora hatte das Embargo wegen des Karabach-Konflikts im amerikanischen Kongreß durchgesetzt. Jetzt, da das Öl ins Spiel kommt, schwindet ihr Einfluß. Ein unabhängiges armenisches Karabach ­ auch dies ein Ergebnis der Washington-Visite ­ wird es nicht geben. Ungeachtet der Proteste gegen den "Blut für Öl"-Deal. Ungeachtet des von 65 Kongreßmitgliedern unterzeichneten Briefs, in dem Alijew beschuldigt wird, die Opposition zu unterdrüki,Barbara^4 þîp§ÿÿ¢oÃt ein Mann von erstaunliche Überlebensfähigkeit mit einem von keinerlei Skrupeln belasteten taktischen Geschick.Sommer 1982. Alijew, als Mitglied des KPdSU-Politbüros im inneren Zirkel der Macht, sonnt sich in der Gunst von Parteichef Leonid Breschnjew. Er richtet dem vom Schlaganfall Gezeichneten eine gewaltige Jubelfeier in Baku aus in der Hoffnung, damit seine Nachfolger-Ambitionen zu fördern.¤(¨þSchablinski,Barbara^4(Aþîp§ÿÿ¢l kChöre jubeln, Kinder singen und rezitieren zum Ruhme des verkalkten Kremlherrschers. Doch Alijew, der sich über die Ämter des aserbaidschanischen KGB- und dann des Parteichefs nach Moskau emporgedient hatte, muß seine hochfliegenden Pläne trotz des rauschenden Festes begraben. Erst Andropow, dann Tschernenko und schließlich Gorbatschow hießen die Generalsekretäre nach Breschnjew. 1986, nach Gorbatschows Machtantritt, fliegt Alijew sogar aus dem Politbüro. Wegen Korruption, wurde damals gemunkelt.1991 taucht der alternde Politiker plötzlich wieder auf. In seiner Heimat Nachitschewan, einer aserbaidschanischen Exklave, umgeben von Armenien und Iran, mit einem kleinen Verbindungsstück zur Türkei, wird er zum Präsidenten des dortigen Parlaments gewählt.n umarmte mich wie seinen eigenen Sohn", beschreibt er seine Rückkehr aus dem kalt gewordenen Moskau. Im Gespräch gibt sich der einst mächtige Mannrbindlich. ohne Zorn, ehermit einem Gefühl der Befriedigung. Seine Überzeugungen freilich, die hätten sich grundlegend gewandelt, beteuert der einstige leitende Parteiarbeiter. Demokratie, Pluralismus, Marktwirtschaft sind nun die Begriffe, in die er seine neugewonnene Philosophie kleidet.Geduldig beobachtete Alijew aus gesicherter Stellung in Nachitschewan die Machtkämpfe in Baku. Präsident Mutalibow, ebenfalls ein ehemaliger aserbaidschanischer Parteichef, wird gestürzt. Seinen Posten übernimmt Abulfas Eltschibej, Orientalist und Anti-Kommunist. Er verfolgt als Präsident eine harte anti- russische Linie, unter anderem weil Moskau sich deutlich auf armenischer Seite engagiert. Doch als der zwielichtige aserbaidschanische Feldkommandeur Husseinow mit Truppen gegen Baku zieht, ruft Abulfas Eltschibej in seiner Not den Nachitschewaner Alijew zu Hilfe. Er läßt ihn zum Parlamentspräsidenten wählen und verschwindet seinerseits in der Exklave.Der Nachitschewan-Clan Scheinbar widerstrebend übernimmt Alijew die Macht, die ihm nicht ganz legal zugefallen ist, um sie nicht mehr aus der Hand zu geben. Er stützt sich dabei auf seinen Nachitschewan-Clan mit Sohn Natik an der Spitze. Natik ist Chef der staatlichen Erdölgesellschaft und führt sämtliche Verhandlungen über die Zukunft des aserbaidschanischen Anteils am Kaspi-Öl. Vater und Sohn werden ein unschlagbares Duo. Mehrere Putschversuche, echte oder vermeintliche, erstickt Alijew entschlossen im Keim. Wie groß der russische Anteil am Putsch Husseinows war, der ihn selbst ins Amt in Baku bringt, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Moskau hatte zunächst einige Hoffnung auf Alijew gesetzt. Doch der vermeintliche Bundesgenosse verfolgte plötzlich eine sehr nationale und am eigenen Vorteil orientierte Politik, nur wesentlich geschickter als der geflohene Eltschibej. Alijew normalisiert die Beziehungen zu Iran wNach dem Jahrhundertvertrag von 1994, mit dem westlichen Konsortien erstmals Zugang zum Kaspischen Meer erhielten, beschwichtigt er Rußland unter anderem dadurch, daß der russische Konzern Lukoil ein kleines Stück vom Kuchen abbekommt. Sogar ein Freundschaftsvertrag, unterschrieben vom Aserbaidschaner Alijew und dem Russen Jelzin, wurde vor wenigen Wochen möglich. Noch vor den Ukrainern, die den Russen ethnisch und religiös viel näher stehen. Alijew, die amerikaniStreit der Konkurrenten Doch das Interessengleichgewicht ist überaus fragil. Noch schwelt der internationale Rechtsstreit über den Status des Kaspi. Ist er ein Meer, darf jedes Anrainerland seine eigene Schelfzone beanspruchen. Ist er ein See, wäre nur die gemeinsame internationale Erschließung ohne eigene Hoheitszonen auf See zulässig. Rußland und Iran bestehen auf dieser Betrachtungsweise. Amerikas Ölkonzerne unterstützen den für sie einträglicheren Standpunkt Turkmenistans und Kasachstans, der auch der Alijews ist: Der Kaspi ist ein Meer.Völlig offen ist auch die Wahl der Transportwege. Noch führt die einzige Pipeline über die Nordroute durch Rußland und Tschetschenien nach Noworossijsk. Diesen Weg wird auch das erste Öl aus dem Tschirag-Feld nehmen.gust an fließen sol Nach dem verlorenen Tschetschenien-Krieg sucht die russische Führung nach einer nichtmilitärischen Alternative, um diese Pipeline in der Hand zu behalten. Den abtrünnigen Tschetschenen wurde eine Gewinnbeteiligung zugesichert.Doch längst werden Alternativen zu dieser Streckenführung diskutiert, die Rußlands Einfluß auf die strategisch so überaus wichtige Region endgültig auf ein Minimum schwinden lassen würden. Die erste, von den Amerikanern favorisierte Variante: Das Öl fließt durch Georgien, vielleicht sogar durch Armenien, zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Die zweite, billigere, führt vom Kaspi durch den Iran nach Abadan am Persischen Golf. Nachdem Washington gerade auf einen Einspruch gegen den Bau einer Erdgaspipeline von Turkmenistan durch das Land der angefeindeten Ajatollahs verzichtet hat, ist auch diese Route in den Bereich des Möglichen gerückt. Eines hätten indes beide Streckenführungen gemein: Rußland, das auf Transiteinnahmen hofft und strategischen Einfluß will, käme in dies