Im Jahre 1832, kurz nach der Eroberung Algiers durch Frankreich, besucht der französische Maler Eugène Delacroix die Stadt. Als erster Europäer darf er einen Blick auf die verborgene Welt des Serails werfen, und in der Folge entsteht ein weltberühmtes Bild: "Die Frauen von Algier in ihrem Gemach". Knapp 150 Jahre später, 1980, erscheint in Paris bei dem kleinen Frauenverlag "des femmes" ein Erzählband gleichen Titels. Autorin ist die algerische Schriftstellerin Assia Djebar. Die Erzählungen hauchen Delacroix entrückten, rätselhaften und vor allem stummen Frauengestalten Leben ein, sie setzen dem exotistischen Blick des Fremden auf den femininen Teil des Orients eine weibliche und algerische Perspektive entgegen. Die "Marksteine einer Reise des Zuhörens", wie Assia Djebar ihre Porträts im Vorwort beschreibt, entstanden in den Jahren von 1958 bis 1978, also während und nach den Befreiungskriegen, die Algerien am 1.7.1962 die Unabhängigkeit brachten. Die deutsche Ausgabe erscheint nun in einer überarbeiteten, gestrafften Übersetzung neu. Die Erzählungen basieren auf Berichten algerischer Frauen, die Assia Djebar verdichtete. Die erste, kraftvollste und bedrückendste Erzählung handelt von der Tabuisierung des misshandelten Körpers. Zwei im Bürgerkrieg gefolterte Frauen können über ihre erlittenen und anhaltenden Schmerzen nicht sprechen. Es will sie auch niemand hören. Man schämt sich ihrer. Die Unabhängigkeitskriege und die sozialistischen Ideen hatten die starren Konventionen der islamischen Gesellschaft aufgebrochen. Vor allem die jüngeren Frauen hatten in der Befreiungsbewegung gekämpft als gleichberechtigte Partner an der Seite der Männer. Dass dies auch nach Ende des Krieges so bleiben würde, war eine trügerische Hoffnung. Sarahs Schweigen und Leilas Isolation stehen für die Unfähigkeit der neuen algerischen Gesellschaft, die Brutalitäten der Kriegsjahre aufzuarbeiten. Dazu gehören vor allem die Misshandlungen von Frauen, deren Körperlichkeit und Sexualität nach wie vor tabuisiert werden. Assia Djebar bringt die verborgenen Körper ans Licht, lässt in imaginären, in die Erzählungen eingewebten poetischen Textsequenzen, die unausgesprochenen Klagen, die heimlichen Gedanken in Worte fassen. Gleichzeitig diagnostiziert sie die Rückkehr zur Struktur des Serails. "Und wieder macht sich das dumpfe Schweigen breit", schreibt sie im Epilog, ihrem wohl radikalsten Essay zur Lage der algerischen Frau. Als "Die Frauen von Algier" erscheint, ist Assia Djebar 44 Jahre alt, hinter ihr liegt eine etwa zehnjährige Schreibpause. Ihre ersten vier Romane hatten ihr bei den algerischen Kritikern den Ruf einer bürgerlichen Kollaborateurin eingebracht. Sie war privilegiert. Sie hatte in Frankreich studiert, und sie schrieb in der Sprache der Kolonisatoren. Wohl auch deswegen schlägt sie in "Die Frauen von Algier" eine neue Tonart an, spart nicht mit Kritik an ihren Landsleuten, die sie als "Proletarier ohne Land und bald auch ohne Kultur" beschreibt. "Die Frauen von Algier" ist Assia Djebars literarische Antwort auf die Politik der Arabisierung. Die Unterdrückung der für den vorkolonialen Maghreb typischen multikulturellen Traditionen bereitete dem islamischen Fundamentalismus den Boden. Assia Djebar sucht den Dialog mit der Vergangenheit. Zu den Erzählungen "Die Toten sprechen" und "Wehmut der Sippe" etwa, inspirierte sie der Tod ihrer eigenen Schwiegermutter acht Tage nach der Unabhängigkeit. Eine Epoche ging zu Ende, aber in den mündlichen Überlieferungen der Ahninnen, "den Stimmen einer ungeschriebenen Sprache", in den Terrassenliedern und Trauergesängen lebt die Geschichte fort und mit ihr die orale Literaturtradition des Orients, deren schriftliche Fixierung und literarische Verdichtung Assia Djebar sich zur Aufgabe gemacht hat. "Die Frauen von Algier" sind historisch und literarisch hochinteressante Dokumente. Sie markieren einen Wendepunkt in Djebars literarischem Schaffen, auch im Hinblick auf den für ihre späteren Werke charakteristischen Stil der Verschränkung historischer, poetischer und filmischer Textpassagen. Vieles, was sie später schreiben wird, ist hier schon angelegt. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte Algeriens und ihre Nacherzählung aus weiblicher Perspektive, die Annäherung an die eigene Biografie, Triumph und Scheitern arabischer Kämpferinnen und Heldinnen, denen sie in ihren späteren Werken immer wieder ein Denkmal setzen wird.Assia Djebar: Die Frauen von Algier. Erzählungen. Aus dem Französischen von Alexandra von Reinhardt. Unionsverlag Zürich 1999, 188 Seiten, 16,90 Mark.