PARIS. Der Frieden ist dahin. Vorbei die Zeiten, da Asterix und Obelix unter Strohhüttendächern Wildschweine verspeisen und vollgefressen alle viere von sich strecken durften, wenn sie es den Römern wieder einmal so richtig gezeigt hatten. Die zwei Recken müssen jetzt ackern. Sie müssen ran wie noch nie in ihrem Leben. Die Familienoberen wollen es so. Allen voran der geistige Vater der beiden, der Zeichner Albert Uderzo.Nicht, dass Asterix und Obelix schon wieder gegen eine Armada geklonter Weltraumwesen anzutreten hätten, wie im letzten Band. Mit denen würden sie spielend fertig. Diesmal sind die Probleme irdischer Natur. Asterix wird fünfzig. Das muss gefeiert, das muss vor allem auch ordentlich vermarktet werden. Es steht in diesem Herbst eine kommerzielle Großoffensive bevor.In Paris, etliche hundert Kilometer östlich des gallischen Heimatdorfes von Asterix und Obelix stecken Uderzo und andere führende Mitglieder der Asterixfamilie in der Mitterrand-Bibliothek die Köpfe zusammen, markieren Fronten, planen Strategien. Das gedämpfte Licht im Saal erinnert an den Schein eines dörflichen Lagerfeuers. Aber statt auf Holzschemeln hocken die Honoratioren auf Hartplastikstühlen. Und statt bretonischer Quellwolken signalisiert ein über den Versammelten herniedergehendes Blitzlichtgewitter der reichlich erschienenen Fotografen, dass sich an diesem Ort Außergewöhnliches zusammenbraut.Albert Uderzo, dieser geniale Zeichner, der sich seit dem Tod des nicht minder genialen Texters René Goscinny leider auch als Schreiber versucht, erzählt von der Geburt seines Helden. Denn ohne Geburt gäbe es natürlich keinen Geburtstag, der nun wochenlang in allen Medien gefeiert werden könnte.Etwas schmallippig, die Knollennase reckend, die Hände auf dem stattlichen Bauch, gemahnt Uderzo ein wenig an Obelix. Aber der Gallier denkt bekanntlich so schnell, wie er Hinkelsteine schleppt. Uderzo hingegen ist mit seinen 82 Jahren geistig noch enorm beweglich. Und während es Obelix in Fragen der Garderobe eher leger liebt, trägt der Zeichner Jackett und Krawatte.Im Spätsommer 1959 saßen also Uderzo, Sohn italienischer Einwanderer, und Goscinny, aufgewachsen in Argentinien, auf einem Balkon der Pariser Vorstadt Bobigny. Die Sonne brannte, die beiden kippten einen Pastis nach dem anderen, rauchten wie die Schlote und grübelten über einen Beitrag für das Comic-Magazin "Pilote". Eine französische Alternative zu den amerikanischen Comics sollte es sein. Gemeinsam erdachten sie zwei ungleiche Helden, ein paar Krieger und ein befestigtes Dorf.Um dem infolge der deutschen Besatzung schwächelnden Nationalgefühl ihrer Landsleute zu schmeicheln, betrieben Uderzo und Goscinny ein wenig Geschichtsklitterung. Die Römer, die in Wahrheit ganz Gallien überrannt hatten, sollten in den zwei Helden des Widerstandes ihre Meister finden und sich an den Palisaden des Dorfes die Zähne ausbeißen. Die Geschichte erschien am 29. Oktober 1959. Asterix war geboren. Obelix auch. Aber dieser sollte trotz seines Körperumfangs stets im Schatten des schmächtigen Freundes stehen.Nachdem er die Entstehungsgeschichte seines Schützlings erläutert hat, hält sich Uderzo bei der Geburtstagsvorbereitung in Paris altersweise im Hintergrund. Die Rolle des Marktschreiers übernimmt ein stimmgewaltiger Mann von der PR-Abteilung: "325 Millionen verkaufte Bände, übersetzt in 107 Sprachen und Mundarten, kolossal, fantastisch, wunderbar", tönt er in der Bibliothek, wendet sich dann an Uderzo. "Demnächst 350 Millionen Bände, was meinst du?" "Das Wichtigste ist", sagt er leise, "dass sich die Leute amüsieren."Das "Demnächst" beginnt am kommenden Donnerstag. Bereits eine Woche vor dem fünfzigsten Geburtstag des Helden kommt der neue Asterix-Band heraus. Er heißt "Das goldene Buch" und erscheint mit einer Startauflage von drei Millionen in 15 Ländern gleichzeitig. Asterix und Obelix schmücken den Buchdeckel gleich doppelt: leibhaftig und als Goldstatuen. Auf den Seiten dahinter geht es, wen wundert's, um den großen Geburtstag und große Geschenke. Cäsar und Cleopatra sowie 398 weitere Weggefährten der vergangenen fünfzig Jahre werden sie überreichen.Anschließend wird auf vielerlei Art weiter gefeiert. Auf einem Video bei Youtube soll zu sehen sein, wie die französische Luftwaffe das Asterix-Konterfei mit Kondensstreifen an den Himmel zeichnet. Der Komponist Frédéric Chaslin plant im Champs-Elysées-Theater ein Konzert, das er als "die Verlobung von Asterix und klassischer Musik" anpreist. Das Cluny-Museum stellt in der Hauptstadt Originalzeichnungen Uderzos sowie Originaltexte Goscinnys aus und zeigt damit "ein bisschen die Seele Frankreichs", wie die Museumsdirektorin meint. In Bobigny wird der historischen Balkonszene gedacht, der Asterix sein Leben verdankt. Am 2. Dezember erscheint dann eine handtellergroße Asterix-Briefmarke zu 50 Cent. Nicht Frankreich steht darauf, sondern Gaule, Gallien.Also nur Jubel und Trubel?Eine Gegenstimme erhebt sich. Das heißt, sie hätte sich bestimmt erhoben, wenn Sylvie Uderzo, die Tochter des Zeichners, zugegen gewesen wäre. Sie hat sich mit dem Vater überworfen, beschuldigt ihn, Asterix, ihren "Bruder auf dem Papier", seinen ärgsten Feinden auszuliefern: "den Männern der Industrie, der Finanzwirtschaft." Dass diese Frau zum Geburtstag des so unprätentiösen, so bodenständigen Galliers Jagdbomber aufsteigen lassen würde und eine Verlobung mit klassischer Musik arrangieren ließe, scheint schwer vorstellbar.Aber womöglich geht es Sylvie Uderzo weniger um die Zukunft des Galliers als um die eigene. Der Vater hat die Tochter, die zwanzig Jahre lang sein Verlagshaus Editions Albert René leiten durfte, 2007 vor die Tür gesetzt und seinen eigenen Anteil für angeblich 15 Millionen Euro dem Großverleger Hachette vermacht. Hachette hat seither bei den Editions Albert René das Sagen, die Tochter verkehrt mit dem Vater nur noch über Anwälte. Es sei die Geldgier von Sylvies Gatten, dem sie leider hörig sei, die ihn zu dem folgenschweren Schritt veranlasst habe, hat der Vater einmal gesagt. Anders als in Uderzos Asterixwelt geht es in seinem richtigen Leben oft um sehr viel Geld, folgt dem Gezänk und Geraufe in der Familie nicht immer ein versöhnliches Fressgelage.Und Anne Goscinny, die Tochter des Texters? Sie sitzt melancholisch lächelnd neben Uderzo, erinnert dann und wann an den 1977 mit 51 Jahren bei einem medizinischen Belastungstest an Herzversagen gestorbenen Vater und daran, dass auch er nicht immer mit dem Zeichner einer Meinung war. "René mochte Tiere nur im Dutzend, als Schnecken oder Austern", sagt sie etwa, als sich der Zeichner und Idefix-Erfinder Uderzo als Tierfreund bezeichnet. Und als der Marktschreier eine gedankliche Brücke schlägt vom Geburtstagsbeitrag der Luftwaffe zu Uderzos Freude am Fliegen, wirft Anne Goscinny ein: "Mein Vater hatte Angst vor dem Fliegen." Alles, was schwerer sei als Luft, könne überhaupt nicht fliegen, habe er stets gesagt.Das klingt nach Abgrenzung, auch nach Kummer.Durch Zaubertrank gestärkt werden Asterix und Obelix aber gewiss auch den Geburtstagsfeldzug siegreich bestehen. Uderzo mag die Sprechblasen des Jubiläumsbandes etwas unbeholfen füllen, den Handlungsfaden etwas nachlässig knüpfen: Mit den ersten zwei Dutzend, von Goscinnys Wortwitz und Feingeist durchdrungenen Bänden, haben die zwei Unbeugsamen zu Millionen von Lesern dauerhafte Bande geknüpft. Eine einzige Huldigung an Freiheit, Freundschaft, Treue, Großzügigkeit, Mut und Abenteuer sind diese Geschichten. Die Fangemeinde vergilt dies ihrerseits mit Treue, ja Freundschaft.Hinzu kommt diese zeitlos schöne Botschaft: "Der Kleine kann den Großen besiegen, er kann auch austeilen, muss sich nicht alles gefallen lassen", so hat Uderzo sie einmal formuliert und hinzugefügt: "Damit kann sich jeder identifizieren." Als Zeichner bringt er diese Botschaft noch immer vortrefflich aufs Papier.Bleibt die Sorge, er könnte nach dem Geburtstagsfest den Stift aus der Hand legen, in den Ruhestand gehen und Asterix und Obelix ebenfalls in Rente schicken. Mehrfach hat Uderzo dies schon erwogen.Als er sich aus dem Plastiksessel erhebt und dem Ausgang der Mitterrand-Bibliothek entgegenstrebt, zeigt sich, dass die Kräfte schwinden. Er schleppt sich mehr voran, als dass er geht. Eine Assistentin eilt herbei, bittet, den alten Herrn nicht mehr mit Fragen zu behelligen.Doch diese eine Frage muss sein, und Albert Uderzo gibt auch noch die erlösende Antwort. Es wird noch einen Band aus seiner Feder geben, mindestens noch einen. "Ich werde doch die Erde nicht verlassen, ohne zuvor noch ein neues Asterixbuch gemacht zu haben", sagt er. Und wenn die Hand eines Tages den Stift beim besten Willen nicht mehr halten könne, dann werde er ihn nicht fallen lassen, sondern weiterreichen. Er weiß auch schon, an wen.Uderzo hat Frédéric und Thierry Mebarki auserkoren, die Saga fortzuschreiben. Die aus Nordafrika stammenden Brüder haben die aufmüpfigen Gallier bisher auf Merchandising-Produkten verewigt.Wobei der Patriarch der Nachfolgeregelung letztlich keine existenzielle Bedeutung beimisst. Das Überleben der gallischen Recken hänge erfreulicherweise nicht mehr von irgendwelchen Zeichnern oder Textern ab, gibt er zu verstehen."Asterix und Obelix sind unsterblich", verkündet der Mann, der sie von Pastis benebelt an einem heißen Sommertag auf einem Balkon in der Pariser Banlieue erschaffen hat. Sie seien "universal", hätten sich "für immer in den Köpfen der Menschen festgesetzt". Zum fünfzigsten Geburtstag das Geschenk ewigen Lebens? Asterix und Obelix hätten sicher nichts dagegen. Wenn da nur nicht diese Römer wären.------------------------------Anders als in Uderzos Asterixwelt geht es in seinem richtigen Leben oft um sehr viel Geld, folgt dem Gezänk und Geraufe in der Familie nicht immer ein versöhnliches Fressgelage.Foto: Hoch soll er leben! Asterix wird fünfzig. Obelix auch, aber Albert Uderzo hat ihn zum Gewichtheben verdonnert.