Athleten werden unterschiedlich oft getestet - manche fordern die Doping-Kontrolleure selbst an: Merkwürdige Maschen im Netz

SEVILLA, 25. August. Das Unvermeidliche trat am Mittwoch ein. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF gab die ersten beiden Dopingfälle der WM bekannt. Der Nigerianer Davidson Ezinwa wurde nach dem 100-m-Halbfinale der Einnahme des Peptidhormons HCG überführt und bis zur Anhörung suspendiert. Wiederholungstäter Ezinwa war bereits 1996 gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Osmond mit einem dreimonatigen Bann belegt worden. Im Urin des Duos wurde damals das zu den Stimulanzien zählende Ephedrin nachgewiesen, eine leichte Droge, die in Sevilla auch dem Somali Mohamed Ibrahim Aden zum Verhängnis wurde. Der 1 500-m-Läufer wurde disqualifiziert und verwarnt. Ezinwa und Aden sind die Sünder dreizehn und vierzehn bei Weltmeisterschaften. 1997 in Athen hatte es fünf positive Fälle gegeben, unter anderem wurde dem bereits wegen Anabolikadopings vorbestraften Kugelstoßer Alexander Bagatsch (Ukraine) der Titel aberkannt.Für Aufregung hatten in Sevilla auch Gerüchte um angeblich manipulierte Dopingproben bei 100-m-Weltmeisterin Marion Jones (USA) gesorgt. Teilweise Aufklärung verschaffte eine von Gabriel Dolle erstellte Expertise. Der IAAF-Dopingverantwortliche wird der aufklärerischen Gruppe um IAAF-Medizinchef Arne Ljunqvist (Schweden) und DLV-Präsident Helmut Digel zugerechnet. In dem Papier listet Dolle die Trainingskontrollen ausgewählter Athleten auf. Demnach wurde Jones 1999 nur einmal getestet, am 6. März. Sie hatte 1998 vier Out-of-Competition-Tests (29. März, 1. August, 31. Oktober und 5. Dezember). Ob die letzten beiden Kontrollen 1998 zu sinnvollen Zeiten stattfanden, darüber ließe sich diskutieren fest steht, dass diese Kontrollen für Marion Jones mit in die Wertung gehen, um bei dieser WM Preisgeld zu kassieren.Prämien nur bei KontrollenLaut IAAF-Regeln müssen Athleten am Wettkampftag zwei Trainingskontrollen nachweisen, die innerhalb der zurückliegenden zwölf Monate vorgenommen wurden. Weil sie diese Auflagen nicht erfüllten, wurden beim Weltcup in Johannesburg und beim Grand-Prix-Finale 1998 in Moskau insgesamt drei Athleten und bei der Hallen-WM 1999 in Maebashi zwei Sportlern die Prämien vorenthalten. Dolle bestätigt auch die Anzahl der Trainingskontrollen von 100-m-Weltrekordler Maurice Greene, die IAAF-Generalsekretär Istvan Guylai vor einigen Wochen in einem Protestschreiben an deutsche Zeitungsredaktionen genannt hatte. Greene wurde 1998 drei Mal (10. März, 5. Juni, 2. November) sowie in diesem Jahr am 2. und 25. Mai kontrolliert. IAAF-Councilmitglied Helmut Digel sagt, Jones und Greene unterlägen "ganz normal dem IAAF-Programm", demnach würden die Kontrollen auch ohne die in den USA durchaus übliche Anmeldefrist von bis zu 48 Stunden erfolgen ein Zeitraum, in dem sich viele Substanzen abbauen oder maskieren lassen. In dem Dolle-Papier werden andere Stars der Szene wie Michael Johnson, Ato Boldon oder die umstrittenen griechischen Athleten nicht genannt. Kein Wort auch über den beklagenswerten Sachverhalt, den Ljungqvist vergangene Woche dem IAAF-Kongreß offenbarte: 1998 haben sich die Kontrolleure in mehr als 150 Fällen vergeblich auf die Reise gemacht die Athleten waren unauffindbar oder weilten an einem anderen Ort, ihrer Meldepflicht kamen Sportler und Verbände nicht nach. Nach den IAAF-Bestimmungen müssten eigentlich Verfahren eingeleitet werden, so wie es in Deutschland üblich ist.Wie schleppend das Kontrollsystem mitunter greift, verdeutlicht auch die Geschichte der Siebenkampf-Olympiasiegerin Ghada Shouaa (Syrien). Sie lebt seit März 1997 in Mainz, wo sie sich wegen ihrer Rückenprobleme behandeln ließ und erst seit November 1998 bei Axel Schaper trainieren kann, dem früheren Trainer des Zehnkampf-Olympiasiegers von 1988, Christian Schenk. Wegen ihrer Malaise blieb Shouaa zwei Jahre wettkampffrei und fiel folglich nicht unter das 1997 etablierte IAAF-Trainingstestprogramm IEAC, das in jeder Disziplin die besten zwanzig der Weltrangliste einschließt. Shouaa bemühte sich um die Eingliederung in das internationale und das deutsche Kontrollprogramm.Der syrische Verband jedoch stimmte dem Vorhaben nicht zu, weil man befürchtete, im Lande der Shouaa-Rivalin Sabine Braun könnten Shouaas Proben manipuliert werden. Die Syrer ließen sich auf Drängen von Shouaa und Schaper erst vor einigen Wochen vom Gegenteil überzeugen. Shouaa unterliegt nun den Testbedingungen aller deutschen Eliteathleten. Die erste unangekündigte Trainingskontrolle wurde Anfang Juni durchgeführt. DLV-Generalsekretär Frank Hensel hatte dies trotz der damaligen Unstimmigkeiten mit den Syrern ermöglicht. Den 800 Mark teuren Test bezahlte Trainer Schaper selbst. Ausgerechnet Shouaa, die sich monatelang vergeblich bemühte (Schaper: "Die Briefwechsel liegen vor") und den Kontrolleuren alle Telefonnummern sowie Privat- und Hoteladressen hinterließ, musste fürchten, dass ihr die 20 000 Dollar Preisgeld für den dritten Rang in Sevilla nicht ausgezahlt werden. Denn sie kann nur auf die eine, selbst finanzierte Trainingskontrolle verweisen. "Notfalls würde ich das Geld einklagen", sagte Shouaa, denn sie ist für das Versäumnis nachweisbar nicht verantwortlich. Die Sorge erwies sich als unbegründet. Am Mittwoch haben IAAF-Verantwortliche sie nach ihrer Kontonummer gefragt.IAAF-TRAININGSKONTROLLEN Seltene Stichproben // 1998 - 1999: Maurice Greene (USA) 3 - 2 (zuletzt am 25. Mai) / Marion Jones (USA) 4 - 1 (zuletzt am 6. März) / Paul Tergat (Kenia) 3 - 1 / Hicham El Guerrouj(Marokko) 3 - 1 / Javier Sotomayor (Kuba) 4 - 1 (wegen Dopings suspendiert)