BERLIN. Vor zwanzig Jahren, am 26. April 1986, explodierte der Reaktor Nummer 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl. Einen Monat später flog der Moskauer Atomphysiker Konstantin Tschetscherow erstmals mit dem Hubschrauber und einem gerade erworbenen amerikanischen Strahlenmessgerät, über den Unglücksreaktor in der Ukraine. Er sah tausende Soldaten, die radioaktives Material bargen. Tschetscherow war aufgeregt, er dachte, das ist die Chance meines Lebens: einer der ersten zu sein auf einem unerforschten Territorium.Seither hat niemand das größte zivile Unglück aller Zeiten so gründlich untersucht wie er. Mehr als 1 500mal ist Konstantin Tschetscherow, Mitarbeiter des Moskauer Zentrums für Atomenergie, des Kurtschatow-Instituts, in dem Reaktorblock gewesen. Er hat gemessen und gefilmt und seine Analysen in weit mehr als hundert Artikeln publiziert. Heute wird Tschetscherow seine Analysen auf einer internationalen Tschernobyl-Konferenz erstmals in Deutschland vorstellen. Auf der Tagung an der Berliner Charité geht es vor allem um die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe.Tschetscherow ist unbequem. Der Mann, der den Unglücksreaktor so gut kennt wie niemand sonst, stellt die Lehrmeinungen über den Hergang der Katastrophe und die Folgen radikal in Frage. Er erklärt, dass 1986 nicht nur drei bis fünf Prozent des radioaktiven Brennstoffs in die Umwelt gelangt seien, sondern mehr als 90 Prozent der rund 200 Tonnen Uran und Plutonium. "Als ich das erste Mal im Reaktorschacht war, war ich total überrascht", sagt der russische Atomphysiker. "Wir hatten Massen von geschmolzenem Material aus den Brennstäben erwartet. Aber der Schacht war fast leer. Der Brennstoff ist damals rausgeflogen, 20 Meter über dem Reaktorgebäude in einer Explosion von 40 000 Grad Celsius verdampft und über Nordeuropa verteilt worden. Hätte sich die Explosion wirklich im Reaktor ereignet, dann würden wir darin nicht komplett erhaltene Installationen und sogar Farbreste finden."Gestohlene BrennstäbeTschetscherows Entdeckungen hätten enorme Konsequenzen für die Bewertung des Unglücks. Die Langzeitfolgen für Gesundheit und Umwelt müssten weit gravierender als bisher eingeschätzt werden, auch das Risiko bei deutschen Reaktoren. Der neue Sarkophag über der Reaktorruine müsste ganz anders konstruiert werden als geplant. "Eine Gefahr für Westeuropa geht von dem Gebäude nicht mehr aus, sondern nur für die unmittelbare Umgebung", sagt Tschetscherow. "Es reicht aus, ihn zu stabilisieren."Tschetscherows Thesen sind im Westen bekannt, werden weitgehend abgelehnt, aber zunehmend diskutiert. "Westliche Experten haben den Reaktor nie von innen begutachtet", sagt Tschetscherow. Es sei seltsam, dass noch immer der damalige Beschluss des sowjetischen Politbüros tradiert werde, wonach fast aller Brennstoff im Reaktor geblieben sei. Dies sei ebenso falsch wie die Zahlen über die Mengen an Sand und Beton, die hineingekippt worden seien. "Sonst müsste der Block massiv gefüllt sein. Man kann aber darin herumlaufen."Weit größer als die Gefahren durch einen Einsturz seien andere, so Tschetscherow. Ständig würde strahlendes Material, darunter kiloschwere Brennstäbe, gestohlen. Zuletzt wurden 2005 Teile von Brennstäben bei Arbeitern entdeckt. Dringend sei auch, ein Endlager für hunderte von Tonnen Uran und Plutonium in den abgeschalteten Blöcken eins, zwei und drei des Meilers zu errichten. "Davon droht echte Gefahr. Die können nur noch acht Jahre dort bleiben."In Russland habe man viel aus Tschernobyl gelernt, meint der Atomphysiker. Kann er sich vorstellen, dass sich eine solche Katastrophe wiederholt? "Jederzeit und überall", sagt Tschetscherow. "Atomkraftwerke sind äußerst komplexe Systeme. Und Menschen machen Fehler."------------------------------Foto: Strahlenmessung vor dem Reaktor