Paris - Selten hat die Nachricht eines Todes so große Erleichterung ausgelöst. Als am Donnerstagnachmittag feststeht, dass Abdelhamid Abaaoud zu den Toten zählt, die nach den Explosionen und Feuergefechten in der Pariser Vorstadt Saint-Denis zu identifizieren waren, hellen sich nicht nur die Mienen der Fahnder auf. Der 28-Jährige galt als Drahtzieher der in Paris bereits verübten wie auch – nun hoffentlich vereitelter – noch geplanter Anschläge. Ja, Abaaoud galt als das Gesicht des Terrors schlechthin.

Die Fratze des Terrors, möchte man sagen. Aber genau das war der im heruntergekommenen Brüsseler Vorort Molenbeek aufgewachsene Sohn marokkanischer Einwanderer eben nicht. Jedenfalls insofern nicht, als ihm auf den Selbstporträts, die er auf Facebook oder Twitter zu posten pflegte, nicht ins Gesicht geschrieben steht, welches Zerrbild der Wirklichkeit sich in seinem Denken eingenistet hatte.

2013 zum IS in Syrien

Fotos zeigen Abdelhamid Abaaoud als vergnügten Urlauber am Meer, eine Baseballkappe auf dem Kopf, zwei knallgelbe Fische in der Hand. Sie zeigen ihn als lachenden Lockenkopf, in der Linken das Banner der Terroristen des Islamischen Staats (IS). Belege vermeintlicher Unbekümmertheit waren das, die so manchen Jugendlichen der Terrormiliz zugeführt haben mögen, die aber der Angst potenzieller Opfer keinen Abbruch taten, im Gegenteil. Die Fotos nährten den Argwohn, dass der Terror gerade dort lauert, wo man ihn am wenigsten vermutet.

Was Wunder, dass Abaaoud in den sozialen Netzwerken bereits entschlossen für tot erklärt wurde, als dies noch keineswegs feststand. Während Staatsanwalt Francois Molins am Mittwochabend noch versicherte, es sei unklar, ob er bei den Angriffen auf eine konspirative Wohnung in Saint-Denis ums Leben gekommen sei, wurde rund um den Globus entschlossen das Gegenteil vermeldet. Wunschdenken sprach daraus.

Fest steht, dass Frankreichs Geheimdienst durch Telefonüberwachung und Zeugenaussagen Hinweise erhalten hatte, wonach der in Syrien vermutete Abaaoud die Wohnung aufzusuchen pflege. Dass dort die Eingangstür gepanzert war und den Sprengstoffladungen standhielt, deutete ebenfalls darauf hin, dass dort die Fäden zusammenliefen.

Fragt sich noch, ob der 2013 in Syrien zum sogenannten Islamischen Staat gestoßene und dort als Abu Omar al-Siussi oder Abu Omar al-Baljiki Karriere machende Belgier nicht nur außerordentlich unbekümmert war, sondern auch außergewöhnlich geschickt. Ohne den Argwohn des französischen oder belgischen Geheimdienstes auf sich zu ziehen, scheint er zwischen Syrien und Europa hin- und hergereist zu sein, auch nach Deutschland. War dies seinem terroristischen Talent geschuldet? War es Folge von Versäumnissen der Geheimdienste?

Massaker im Konzertsaal

Erst Anfang 2015 wurden die Fahnder auf den zuvor als „einer der vielen in den Islamismus abgeglittenen europäischen Kleinkriminellen“ gehandelten Pendler aufmerksam. Ein aus Griechenland abgehender Anruf Abaaouds an einen nach den Anschlägen auf das Satireblatt Charlie Hebdo überwachten Islamisten erregte Verdacht. Einen Monat später rühmte sich Abaaoud in der IS-Zeitung Dabiq, er habe aus der Nähe zugeschaut, wie belgische Spezialeinheiten am 15. Januar in Verviers eine konspirative Wohnung stürmten und zwei mutmaßliche IS-Kämpfer töteten. Anschließend, so schreibt Abaaoud weiter, sei er, ohne behelligt zu werden, nach Syrien zurückgekehrt, weil „Allah die Geheimdienste mit Blindheit geschlagen hat“.

In der Folgezeit geriet der Belgier zunehmend auch ins Visier der französischen Geheimdienste. Er gilt als Drahtzieher des vereitelten Überfalls auf die Kirche der Pariser Vorstadt Villejuif vom April wie auch als Hintermann des Ende August im Thalys Brüssel–Paris überwältigten Attentäters. Ebenfalls im August soll ein verhafteter Islamist zu Protokoll gegeben haben, Abaaoud habe ihn beauftragt, in einem Konzertsaal ein Massaker anzurichten. Wäre das Blutbad im Bataclan also zu verhindern gewesen?

Ob die Verfolger tatsächlich mit Blindheit geschlagen waren, gehört zu dem vielen, das nach dem Tod des mutmaßlichen Chef-Terroristen Aufklärung und wohl auch Konsequenzen verlangt.