Das Skelett des Palastes der Republik tanzt. Drei Monate lang wird die Ruine von Künstlern und Publikum auf originelle Weise als "Volkspalast" zwischengenutzt; es gibt dort seit Tagen Tanz, Theater, Konzerte, Sport, Spiel und Kunstprojekte. Nicht zuletzt wird mit dieser Aktion vor aller Welt deutlich, dass der Palast oder was von ihm übrig blieb - entgegen der Meinung aller Abrissbefürworter - erhaltenswert ist. Um das Kulturprojekt "Volkspalast" zu unterstützen, spendieren bekannte Künstler Originalgrafiken, diese werden bevorzugt Lesern der Berliner Zeitung angeboten.----Christoph Schlingensief hat ohne Zögern zugesagt, dem Volkspalast eine "Volks-Aktie" beizusteuern. Drei Nächte hat er mit dem Entwurf der Grafik zugebracht - und seinen Bayreuther "Parsifal" Richard Wagners gleich noch mal verwurstet. Seine Morgengabe für die Volkspalast-Aktion nennt er eine "Selbstverständlichkeit". Erstens gehe er meilenweit, um zu helfen, weil er sich selbst als "Moralist" bezeichnet, der die Welt "mit den Mitteln gestörter Harmonie" gern bessern möchte. Und zweitens würde er im Skelett das Palastes liebend gerne mal eine Oper inszenieren. Vielleicht hieße die dann "Erich Honecker"?-John Bock hat seine Kunst-Aktie für den Volkspalast, wie alles in seiner Kunst, auf den ersten Blick gegen- ständlich, auf den zweiten ziemlich absurd gestaltet. Der Berliner Fernsehturm ist drauf, der Umriss des Palastes der Republik, so was Ähnliches wie Schönwetterwolken und heiße Gewinn-Versprechen. So aber geht es immer zu, egal ob auf Bocks Performances in sperrigen Installationen, durch die er kriecht und fürs Publikum mal auf-, mal abtaucht. Auch wenn er zeichnet, spielt er ironisch mit einem chaotischen Kauderwelsch aus Brocken der New Economy, der Zukunftstechnologien, der Comics und der Werbung. Eigentlich hält Bock seinem Publikum Vorträge über die moderne Gesellschaft, aber es merkt davon nichts.-Daniel Richter hatte den "Roten Mann" schon für eine Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein gezeichnet. Jetzt hat er ihn auf seiner Druckerpresse verzehnfacht. Richter gehört zu den jüngeren Vertretern der für viel Aufsehen sorgenden "Neuen Malerei". Die macht bekanntlich der allgewaltigen Installations- und Videokunst gehörig Konkurrenz. Otto-Dix-Preisträger Daniel Richter malt klassisch-abstrakt, reflektiv und spontan. Schemenhaft und verschlungen sind auf seinen Bildern Figuren und Dinge, grotesk deren verrenkte Haltungen und ausgesprochen aktuell der Bezug zur Zerrissenheit unserer Zeit. Der "Rote Mann" etwa balanciert über einer Tür, und es bleibt unentschieden, ob die seltsame Figur da oben als Bild im Bild nach dem Gleichgewicht sucht oder ob das Ganze ein akrobatischer Akt vor offenem Fenster ist - eben Imagination oder Realität. Auf Richters Bildern geht es immer etwas beunruhigend, ja, dramatisch zu. Jede Szene hat ihre eigene Bühne, mit der Richter die Welt und ihren Zustand meint - und in der die Menschen ihre Balance finden müssen.------------------------------Bei Kaufinteresse an den hier abgebildeten Grafiken sollten Leser der Berliner Zeitung diese Nummern anrufen: 2 59 00 41 09 oder 28 44 53 99.------------------------------MALER UND AKTIEN - MACHER // Christoph Schlingensief, geboren 1960 in Oberhausen, wäre beinahe Philosoph geworden. Aber er wurde lieber Selbstdarsteller, zunächst in Filmen wie "Die 120 Tage von Bottrop", ein moralischer Abgesang auf die Fassbinder-Ära. An der Berliner Volksbühne debütierte er 1993 mit "100 Jahre CDU", es folgten die Parteigründung "Chance 2000", "Hamlet", "Rosebud", "Ata-Ata" und 2004 der Bayreuther "Parsifal".Daniel Richter, 1962 in Eutin geboren, lebt seit Mitte der Neunziger in Berlin. Er zählt zu den jüngeren Vertretern der so genannten Neuen Malerei, die sich an klassischen Malweisen orientiert, aber in ihrer Bildsprache auf die neuen Medien wie Computer, Fernsehen, Fotografie und Videokunst reagiert. Richters Bilder wirken oft wie Labyrinthe. Malt er figürlich und gegenständlich, neigt das Motiv meist zum Ironischen und Grotesken.John Bock, geboren 1965 in Gribbohm, lebt und arbeitet seit 1997 in Berlin. Sein Berufsbild beschreibt er mit: Performer, Schauspieler, Bastler, Erzähler. Bekannt wurde er 1998 auf der Berlin Biennale mit einer Installation, die ihm für eine tagelange Performance diente. Er wohnte in den Höhlen der sperrigen Arbeit und zeigte sich gelegentlich dem Publikum. Ähnlich groteske Objekte offerierte er 1999 auf der Biennale Venedig und auf der elften Documenta 2002.------------------------------Das Volk im Volkspalast // Die Unternehmensberatung McKinsey feiert morgen mit rund 3 500 handverlesenen Gästen im Volkspalast ihr Sommerfest. Dazu wurde auch ein Blechbläserensemble des New York Philharmonic Orchestra geladen. Die New Yorker Philharmoniker haben einen Tag später, am Sonnabend, gleich ihren zweiten Auftritt im Volkspalast. Zusammen mit der German Brass Band werden Werke unter anderem von Schostakowitsch, Mendelssohn und Enrique Crespo aufgeführt. Die Gäste aus den USA treten dort im Rahmen der Langen Nacht der Museen auf. Der Volkspalast ist von 18 bis 2 Uhr früh geöffnet. Eintrittskarten zum Preis von 12 Euro gelten in der Langen Nacht für mehr als hundert weitere Ausstellungsorte und Museen in der Stadt. Fassadenrepublik heißt ein Projekt des raumlabor-berlin und der Architekten der Gruppe Peanutz. Sie wollen den Volkspalast zur Premiere am 3. September (Eröffnung ab 18 Uhr) mit Wasser fluten und mit einer labyrinthischen, 400 Meter langen Fassadenstadt bebauen. Die Besucher bewegen sich mit Schlauchbooten auf der Wasserfläche, während Stadtführer sie begleiten und ihnen über die Entwicklungen in der Fassadenstadt berichten. Die Macher verstehen die Fassadenrepublik als Performance, die den Prozess architektonischen Gestaltens analysiert und die Funktion der Palasträume neu bestimmt. Die Besucher können einzelne Fassaden zum Abriss freigeben. Die Besucher sind auch aufgefordert, eigene Fassaden zu entwerfen. Wer mag, kann eine bis zu 3 x 3 Meter große Fassade entwerfen, die in der Fassadenrepublik aufgebaut werden kann. Insgesamt 100 Meter Fassade soll während der Veranstaltungen entstehen. Einsendeschluss ist der 31. August. Teilnehmer können Zeichnungen, Grafiken oder Texte mailen an: mr@raumlabor-berlin.de oder post@peanutz-architekten.de Wer möchte, kann seine Fassade auch bis morgen, 10 bis 16 Uhr, bei den Peanutz-Architekten, Schlesische Straße 12 in Kreuzberg, vorbeibringen. Oder aber ab 3. September im Palast.------------------------------Foto (3) :Für je 50 Euro bei einer Auflage von 200 Exemplaren ist die Parsifal-Grafik (31x 21 cm) von Schlingensief zu haben.Zehn Originale "Roter Mann" spendete Daniel Richter; das Blatt (59 x 31cm) kostet 500 Euro.John Bocks Kunst-Aktie für den Volkspalast ist als Zehnerauflage (35x 20 cm ) zu haben, das Blatt kostet 500 Euro.