Was haben Madonna, Shakespeare, Mark Twain und Stephen King gemein? Ihre Bücher stehen in Bibliotheken fast aller US-Bundesstaaten auf dem Index, wurden wie die Werke anderer suspekter Autoren Opfer landesweiter Säuberungsaktionen.Erste Versuche, unerwünschte Bücher zu verbieten, gab es in der Neuen Welt bereits vor mehr als 300 Jahren, als 1650 bei einer öffentlichen Bücherverbrennung auf dem Marktplatz von Boston die religiösen Schriften William Pynchtons den Flammen übergeben wurden. Die Methoden der selbsternannten Zensoren sind heute natürlich weitaus subtiler und beschränken sich keineswegs mehr nur auf das gedruckte Wort. Bei einem Musikfestival in Santa Fe, beispielsweise, mußte die englische Version der "Zauberflöte" den Regeln der "political correctness" angepaßt werden. Aus dem "häßlichen Schwarzen" Monostatos wurde ein unverfänglicher "exotic".Im texanischen Provinznest Sweetwater hat der erzkonservative Stadtrat den Musiksender MTV seines "schädlichen Einflusses auf die amerikanische Jugend" wegen aus dem Kabelnetz verbannt. Entschärfte Versionen Die Angst vor der Prüderie einzelner Zuschauergruppen veranlaßt Hollywood immer häufiger, Spielfilme für den amerikanischen Markt in einer entschärften Version herzustellen. In einem solchen Klima der Repression trifft es allerdings die Literatur besonders schwer. So mußte seit Beginn der konservativen Reagan-Ära Anfang der achtziger Jahre die Vereinigung Amerikanischer Bibliotheken (ALA) in Chicago dreimal so viele Eingriffe in die Literaturfreiheit verzeichnen als jemals zuvor. Heute erreichen das "Büro für intellektuelle Freiheit" der ALA täglich etwa fünf Meldungen von Zensurmaßnahmen in Büchereien zwischen New York und San Francisco.In den Bundesstaaten Illinois, Iowa und Pennsylvania verbannten Bibliothekare J. D. Salingers berühmten Roman "Der Fänger im Roggen" aus ihren Beständen, weil das Buch vorehelichen Sex, Alkoholmißbrauch und Prostitution positiv darstelle. Schulbibliotheken in Kalifornien trennten sich von "Hänsel und Gretel". Der Grund: In diesem Märchen lernten Kinder, daß es richtig sei, Hexen zu verbrennen. Auch die angeblich vulgären und rassistischen Romane und Erzählungen des Nobelpreisträgers John Steinbeck werden Leser in einigen Büchereien Virginias und Floridas künftig in den Buchregalen vergeblich suchen. Weil das Wort "Nigger" in Mark Twains Klassiker "Huckleberry Finns Abenteuer" auftaucht, wurde dieses beliebte Kinderbuch aus Bibliotheken zahlreicher Bundesstaaten entfernt. In einigen deutschen Ausgaben halten es übrigens die Herausgeber für ausreichend, darauf hinzuweisen, daß im Amerika des 19. Jahrhunderts dieses Schimpfwort weitverbreitet war. Kein Vorbild Andere Twain-Gegner nehmen vor allem an der Titelfigur Anstoß. Huckleberry Finn lebe außerhalb der Gesellschaft und sei alles andere als ein Vorbild für die Jugend. "Die Farbe Lila" der schwarzen Autorin Alice Walker ist in Pennsylvania als pornographisches Machwerk verschrien, weil die Hauptheldin von ihrem Stiefvater vergewaltigt wird. Stephen Kings Romane hält man in mehreren Schulbibliotheken Floridas wegen einiger vulgärer Dialoge unter Verschluß, und Shakespeares Drama "Der Kaufmann von Venedig" wurde in Michigan und Oregon als "antisemitisches Hetzstück" vom Schulplan gestrichen.Selbst Hermann Hesse, neben Thomas Mann einer der ganz wenigen deutschsprachigen Autoren, deren Werke auch heutzutage noch in amerikanischen Buchhandlungen erhältlich sind, fiel der Zensur zum Opfer. "Der Steppenwolf" mußte aus einer Schulbücherei in Colorado entfernt werden, da das Buch Drogenmißbrauch und sexuelle Perversionen propagiere. Selbst Nachschlagewerke, wie zum Beispiel "Webster's Dictionary", erregen die Aufmerksamkeit amerikanischer Zensoren, mit der unglaublichen Begründung, die Definition von "Geschlechtsverkehr" enthalte obszöne Worte.In den Vereinigten Staaten gibt es gegenwärtig rund 200 zum Teil recht militante private Organisationen, die Druck auf öffentliche Bibliotheken ausüben und dabei oft erfolgreich sind. So mobilisierte die "Anti-Sex-Liga" in Phoenix, Arizona, ihre Anhänger, als eine Filiale der Stadtbücherei es wagte, ein Exemplar von Madonnas Fotoband "SEX" zu bestellen. Über das enge Netz christlicher Radiostationen forderte man die Zuhörer auf, die Bibliothek mit Anrufen zu überhäufen und mit einem Boykott zu drohen. Der Bürgermeister der Stadt wies den Bibliotheksleiter schließlich an, die Bestellung rückgängig zu machen. Darwin unerwünscht Der Großteil dieser Organisationen, die den Kampf für eine "saubere Literatur" auf ihre Fahnen geschrieben haben, gehört natürlich dem konservativen Lager an. Obskure Gruppen mit solch absurden Namen wie das "Komitee gegen Blasphemie" aus Michigan oder das kalifornische "Netzwerk Patriotischer Briefschreiber" wenden sich gegen sexuelle Aufklärung, gegen Literatur linker oder homosexueller Autoren wie Langston Hughes, Malcom X. oder James Baldwin. Auf ihrer Abschußliste stehen Bücher, die den amerikanischen Patriotismus, das traditionelle Familienbild oder den American Way of Life in Frage stellen, sowie Schulbücher, in denen Darwins Evolutionstheorie eine wohlwollende Erwähnung findet.Doch in letzter Zeit melden sich immer häufiger auch Liberale zu Wort, die in der Zensur ein durchaus legitimes Mittel in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner sehen: Feministinnen protestieren gegen ein, wie sie finden, herabwürdigendes Frauenbild in einem bestimmten Teil der Medien; Linke geißeln die angebliche Vorherrschaft der Rechten im öffentlichen Leben Amerikas; schwarze Bürgerrechtler versuchen Bücher zu indizieren, die in ihren Augen rassistische Vorurteile festigen. Wachsender Erfolg Diesem Trend versucht die Vereinigung Amerikanischer Bibliotheken nun schon seit 1982 mit großem Aufwand entgegenzuwirken. Unterstützt von Verbänden amerikanischer Verleger, der Journalisten- und Autorenvereinigung sowie der Library of Congress in Washington D. C. organisiert die ALA alljährlich die sogenannte "Banned Book Week". In Bibliotheken, Buchhandlungen, Schulen und Universitäten sollen Ausstellungen eine Woche lang die Aufmerksamkeit der Leser auf die ständig wachsende Zahl indizierter Bücher lenken.Der Kampf gegen die Zensur ist nicht ohne Erfolg geblieben. In den letzten Jahren haben US-Gerichte oft zugunsten der Zensurgegner entschieden. Dies müßte eigentlich selbstverständlich sein, denn auch in den USA "findet eine Zensur nicht statt". Zumindest nicht auf dem Papier. In dem berühmten Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung von 1791 haben die Gründungsväter die Rede- und Pressefreiheit ausdrücklich garantiert. +++