Der Zeitgeist von 68 war in Westdeutschland vor allem drei Projekten günstig: der Bildungsreform, der Liberalisierung sexueller Sitten und der Emanzipation der Mädchen und Frauen. Schülerförderung, die Abschaffung der Paragrafen 175 und 218 - das waren alles liegengelassene Projekte der ersten deutschen Republik, die nach dem Ende des Dritten Reichs lange nicht wieder aufgenommen worden waren.Alice Schwarzer, Jahrgang 1942, hat die lange Nachkriegszeit ebenso miterlebt wie 68, zeigt aber in ihrem neuen Buch nicht die geringste Lust, die westdeutsche Frauenbewegung aufrichtig zu bilanzieren und vor allem ihre eigene Rolle seit 1971 halbwegs plausibel und interessant darzustellen. Von keines Gedanken Blässe angekränkelt, präsentiert sich Schwarzer in ihrer neuen Meinungsübersicht - wie nun ja schon seit Jahren im Fernsehen - als die schlicht denkende Übermutter deutscher Frauen und ziemlich autoritäre Sachwalterin von deren Interessen, Fehlern und Pflichten. Sie hat immer alles richtig gemacht, Probleme todsicher früher erkannt als alle anderen, hatte das Beste der Frauen stets im Sinn, auch wenn die ihr nicht alle und nicht immer folgen wollten. Worüber sich die Übermutter nur wundern kann, weil ihre Einsichten ja selbstverständlich, alle Einwände und Bedenken dissidenter Frauen hingegen bestenfalls falsch sind - öfter aber auf patriarchalische Komplizenschaft schließen lassen.Nachhilfe für DDR-Frauen?Es ist diese unentwegt auftrumpfende Selbstgerechtigkeit und Rechthaberei, die einem Leser die Autorin doch recht unsympathisch und öde machen - zumal ihr Egotrip einen auch nicht mit originellen Ideen oder Informationen versorgt, die die Presse uns vorenthielte. Gerade engagierte Feministinnen, egal ob in Wissenschaft oder Medien - alle, die je andere Meinungen und Strategien zu Magersucht oder Mode, Pornografie oder Prostitution, sexueller Gewalt gegen Frauen und Kinder, neuerdings vor allem Kopftuch und Islam vertreten haben - werden von Schwarzer behandelt wie Doofe oder Verräter, die sie mit leichter Hand als solche zu exponieren glaubt.Dass die Frauen der DDR zum Beispiel sich ohne Schwarzers Feminismus-Nachhilfe emanzipiert dünkten, und das nicht ganz ohne Grund, löst bei der Übermutter nur Hohn und Spott aus. Dabei hat der demütigende Beratungszwang bei einer Abtreibung (unrecht, aber straffrei), der nach der Wende obligat wurde, doch mehr mit der Schwäche der westdeutschen Frauenbewegung zu tun als mit den Ostfrauen, die der Staat so vielfältig subventioniert hatte.Aber Schwarzers Begabung war nie die Analyse, eher die action im Einklang mit einem gesunden Volksempfinden, das seit 68 mehr und mehr auch eine Parteilichkeit für Frauen und Kinder unter der schlimmen Herrschaft des Patriarchats mit einschloss. Wer plädiert schon für Vergewaltigung und sexuelle Kindesmisshandlung, oder, um die neueste Rechthaberei von Schwarzer zu nennen, für Kopftuchzwang und Ehrenmord?Mit Aplomb rennt sie Türen ein, die in den Medien, zumal dem Boulevard und Fernsehen, längst weit offen stehen. Immer noch geriert sich Schwarzer, als enthülle sie ungescheut wichtige und unliebsame Wahrheiten, für deren Aussprechen man hohe Risiken läuft.Vielleicht - so sinniert man beim Lesen dieses dahingehuschten Textes - war es gar nicht so günstig für die lebens- und unternehmungslustige Schwarzer, so wenig wie für die keimende Frauenbewegung in Westdeutschland, dass der Mann vom "Nouvel Observateur" gerade sie 1971 beauftragte, ein seriöses deutsches Magazin für eine Parallelaktion zur französischen Initiative "Ich habe abgetrieben" zu finden? Hatte Schwarzer vorher nämlich weder mit Politik noch mit Frauen viel am Hut, so wurde sie durch den Zeitgeist-Erfolg im "Stern", auf den wenig später ein Buch zum Thema Paragraf 218 in der angesagten "edition suhrkamp" folgte, auf eine verführerische Erfolgschiene gesetzt. Warum sollte die energische und instinktsichere, aber politisch und intellektuell nur mäßig interessierte Journalistin sie je verlassen?Selbst altgediente Feministinnen, Kritikerinnen, ja Feinde von Schwarzer starten jede Erläuterung zu ihrer Person mit der Einleitung, dass sie ja ihre Verdienste habe. Fragt man nach: "Und welche, jetzt mal genau?", - wird es umso dünner, je engagierter, informierter und intellektueller die Gesprächspartnerin ist.Was Schwarzer von Anfang an beherrscht hat, und was noch einmal vom Leser in ihrem neuen Buch nachvollzogen werden kann, ist das zeitgeistige Surfen auf den Medienwogen. Etwas anderes, als den Feminismus und seine Anliegen zu skandalisieren und damit mediengerecht zu verkaufen, ist Schwarzer nie eingefallen. "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen"(1975) war zwar ein Riesenverkaufserfolg und soll in elf Sprachen übersetzt worden sein. Schaut man heute gelassener hin, entpuppt sich das Buch als ein Reißer mit durchschaubaren Fallgeschichten aus dem Geist der Vermischten Nachrichten - letzte Seite, "Bild"-Niveau - das der cleveren Journalistin im Einklang mit dem profeministischen Zeitgeist erlaubte, sich an der Spitze der Aufklärung zu positionieren.Hat die deutsche Medienöffentlichkeit den deutschen Feminismus mit dem Namen Alice versehen und Schwarzer selbst diese Fiktion akzeptiert, so war doch die Realität immer viel bunter. Das ging und geht bis heute über Schwarzers Horizont. Die Westberliner "Courage" vertrat zum Beispiel immer andere Positionen als Schwarzer und ihre "Emma". Letztere existiert noch, erstere ist längst untergegangen - aber dennoch fühlt sich Schwarzer bemüßigt, viele Jahre später der Konkurrenz noch Salz aufs Grab zu streuen.Oder nehmen wir Helmut Newton! Schwarzers Erzählung in "Emma", hier so falsch und kurzatmig repetiert wie anderes, handelte über Misogynie und Sexismus in Newtons Bildern. Ganz nüchtern beklagte Newton dagegen nur die Verletzung der Urheberrechte an seinen Fotos auf vielen Seiten. Schwarzer hat damals den Prozess verloren, aber heute keine Hemmungen, den toten Newton, seine Stiftungen und ein Berliner Fotomuseum, das er initiiert hat, gründlich zu verunglimpfen. Es ist nicht das einzige Mal in diesem Buch, dass der normale Leser von Schwarzer gründlich in die Irre geführt wird. Alles, was sie über Newton sagt, ist falsch und geradezu peinlich zu lesen. Newton ist keineswegs vergessen, und sein Museum, anders als Schwarzer behauptet, ein großer Erfolg beim Publikum.Feminismus, medienkompatibelDie Medienöffentlichkeit, nicht die Frauenbewegung hat Schwarzer mit der Rolle beauftragt, die nationale, deutsche Sprecherin der Frauen zu sein. Schwarzer hatte allerdings auch nie etwas dagegen, als Gallionsfigur vermarktet zu werden. Egal, was gerade Thema in den zwölf Kapiteln ist, ob Prostitution, Pornografie oder Kopftuch und Islam - Schwarzer blickt glasklar durch und wundert sich nur, dass es Leute, ja Frauen gibt, die nicht ihrer Meinung sind. Die berühmt-berüchtigte Kölnerin appelliert zwar an die Solidarität der Frauen, mahnt Respekt für andere Frauen an und geriert sich überhaupt als eine Freundin der verbesserten, aufgeklärten und umerzogenen Menschheit. Das Buch selber macht den Leser aber mit einer Person bekannt, die vor Selbstgerechtigkeit und Selbstgewissheit trieft. So wirft sie Willy Brandt Heuchelei vor: Er habe die Reform des Paragrafen 218 nicht unterstützt, obwohl er seine Frau Rut sogar einmal zu einer Abtreibung gezwungen habe.Mögen andere politische Irrtümer oder moralische Verfehlungen auf sich geladen haben - Schwarzer war immer auf der Seite, wo die Wahrheit herrscht oder sie sie jedenfalls vermutet. Mit Aplomb verbreitet sie inzwischen allerdings Meinungen, die man schon sehr oft gehört hat. Mögen sie einen durchschnittlichen, massenmedienkompatiblen Feminismus vertreten - bewegend sind sie nicht mehr. Sollte man sich trotzdem darüber freuen, dass Schwarzer über die Jahre hin eine Art celebrity geworden ist, eine Frau, die in den Medien und ganz nach deren Vorschriften, den deutschen Feminismus quasi auf Abruf verkörpert?------------------------------"Die Antwort"Alice Schwarzer: Die Antwort. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2007. 181 S., 17,90 Euro.Katharina Rutschky veröffentlichte unter anderem: "Emma und ihre Schwestern. Ausflüge in den real existierenden Feminismus" (Hanser, 1999).------------------------------Foto: "Alice Schwarzers Begabung ist nicht die Analyse, sondern die action im Einklang mit dem gesunden Volksempfinden."