Der Bollywood-Schauspieler Shahrukh Khan, Indiens Superstar, ist im Vergleich zu den meisten seiner Landsleute ziemlich hellhäutig. In einem Werbespot fürs indische Fernsehen überreicht er einem jungen Mann, der deutlich dunkler ist und sich über seinen Misserfolg bei Frauen beklagt, mit wohlwollendem Lächeln eine Tube "Fair And Handsome"-Creme. In der nächsten Szene sieht man den jungen Mann wieder, deutlich blasser, deutlich selbstbewusster. Ein Mädchen ruft ihm im Vorbeigehen zu: "Hey, du Schöner". "Fair And Handsome", das heißt nämlich "hellhäutig und gut aussehend" und ist der Markenname der erfolgreichsten Bleichcreme Indiens.Weiße Haut ist in vielen Teilen der Welt ein Schönheitsideal - vor allem da, wo die Menschen dunkelhäutig sind, aber nicht nur. Auch viele Japanerinnen und Chinesinnen schützen sich schon beim schwächsten Sonnenstrahl mit Schirm, Gesichtsmaske und Handschuhen, um ihren blassen Teint zu bewahren. Und vom Senegal bis auf die Philippinen füllen "Whitening"-oder "Fairness"-Produkte die Regale von Apotheken und Kosmetikläden: Gesichts- und Körpercremes, Seifen, Lotionen, Pillen, alle mit bleichender Wirkung. Es ist ein riesiger Markt für die Kosmetikkonzerne.Dass auch Männer ihren Teint bleichen, ist noch eine relativ junge Erscheinung - doch mit enormem Potenzial, wie es scheint: Nach einer Studie der Wirtschaftsberatung Ernst & Young verzeichnen solche Kosmetikprodukte für Männer in Schwellenländern eine jährliche Wachstumsrate von fast 150 Prozent. Auch der Hersteller Beiersdorf wollte davon profitieren. "Die mehr als 500 Millionen indischen Männer sind ein unglaubliches, bisher unerschlossenes Potenzial", erklärte ein Unternehmens-Manager, als der Konzern vor drei Jahren auf dem indischen Markt die ersten Nivea-Bleichprodukte für Männer herausbrachte. Mittlerweile seien sie in ganz Asien zum Verkauftshit geworden, erklärt Beiersdorf. Die spezielle Creme sei nötig, weil Männerhaut mehr Schichten habe und deshalb schwerer zu bleichen sei. Ganz abgesehen davon, wolle man Männern die Verlegenheit ersparen, Cremes für Frauen benutzen zu müssen.Selektiver HeiratsmarktInder sind von "fair skin" geradezu besessen. Dunkle Haut ist ein soziales Stigma, gilt als hässlich. Rajesh Kumar Baghat hat sein Leben lang darunter gelitten, dass er fast so dunkel ist wie Schwarzafrikaner. Dabei sieht der 43-Jährige aus wie eine Mischung aus Gandhi und Harry Belafonte. "Darkie" nannte ihn seine Familie, die aus dem indischen Bundesstaat Bihar stammt. Die Eltern und Brüder Rajeshs hatten viel hellere Haut als er, und so fühlte er sich schon als Kind wie ein Außenseiter, fast wie ein Kranker. "Meine Großmutter gab mir einmal die Woche ein Stück weiße Seife und sagte, ,schrubb' dich richtig damit ab, vielleicht wirst du ein bisschen heller'", erzählt Rajesh bitter. Der Computerspezialist lebt mittlerweile im britischen Cardiff und fühlt sich dort viel freier und selbstbewusster. Bleichcremes benutzt er keine. "Ausgerechnet hier in Wales habe ich zum ersten Mal Leute getroffen, für die meine Hautfarbe keine Rolle spielt", sagt Rajesh. Indien dagegen sei das rassistischste Land, das er kenne.Besonders hart geht es auf dem indischen Heiratsmarkt zu. In den Anzeigen in Zeitungen oder im Internet, mit denen junge Inder - oder noch häufiger ihre Eltern für sie - den passenden Partner suchen, ist das Wort "fair", hellhäutig, ein Muss. Frauen wie Männer schmücken sich mit diesem Attribut, auch wenn es oft nicht der Wahrheit entspricht.Shalini Bharat, Sozio-Psychologin am Tanta Institut für Sozialwissenschaften in Bombay, glaubt, dass die indische Obsession in der Geschichte des Landes begründet ist: "Indiens Herrscher waren immer hellhäutig, ob die Arier in den ersten Jahrhunderten oder später die Europäer. Hellhäutigkeit wird gleichgesetzt mit Überlegenheit, Macht und Einfluss."Es ist nicht nur ein Erbe der britischen Kolonialzeit. Die indische Schauspielerin Rani Moorthy, die in dem Theaterstück "Shades of Brown" - Schattierungen von Braun - über die Hautfarben-Problematik auftrat, sagte in einem Interview: "In dieser fünftausend Jahre alten Kultur ist der Gedanke tief verwurzelt, dass hohe Ideale, Adel und hohe Kasten mit heller Haut verbunden werden. Dunkle Haut bedeutet geringen sozialen Status und eine niedrige Kaste." Und sie wird mit harter Arbeit auf dem Feld in Verbindung gebracht.Bleichcremes und -seifen haben in Indien inzwischen einen Anteil von 60 Prozent an allen Hautpflegeprodukten. Die Branche macht Umsätze von 200 Millionen Dollar pro Jahr. Und in den etwa 60 000 indischen Schönheitssalons werden "Whitening"-Packungen angeboten oder wird die Haut mit kleinen Sandgebläsen behandelt. Auch bei Barbieren und Friseuren gehört eine Bleichbehandlung für Frauen wie Männer mittlerweile zum Standard-Angebot.Zielgruppe der Kosmetikindustrie ist vor allem die neue Mittelschicht, die sich in den Städten des boomenden Subkontinents entwickelt hat. Vikram Mall, leitender Angestellter einer Telekommunikationsfirma in Delhi, erzählt, dass viele seiner Freunde und Bekannten Whitening-Produkte im Badezimmer stehen haben. "Für indische Männer gehört der Gebrauch von Bleichcremes inzwischen zur täglichen Routine", sagt Mall. "Aber natürlich spricht keiner darüber." Aber auch die ärmeren Inder wollen helle Haut, in der Hoffnung, dass ihre Träume von einem gut bezahlten Arbeitsplatz und Erfolg bei den Frauen dann endlich wahr werden. Weil die üblichen Packungsgrößen der Bleichcremes für viele zu teuer sind, haben einige Firmen Mini-Versionen auf den Markt gebracht.Dabei enthalten viele Produkte gesundheitsschädigende Stoffe, die in europäischen Ländern verboten sind, wie etwa Quecksilber oder Hydrochinon, das in Deutschland nur in Haarfärbemitteln in geringer Konzentration eingesetzt werden darf, weil es im Verdacht steht, krebserregend zu sein. In manchen Cremes wurde auch schon Blei gefunden. Grundprinzip aller Produkte ist es, dass sie die Produktion des Hautfarbstoffs Melanin bremsen. Außerdem wird die oberste Hautschicht gepeelt.Gib auf, wenn du dunkel bistDie Haut wird auf Dauer anfälliger für Hautkrebs, weil der natürliche Schutzmechanismus gegen die Sonne geschwächt ist. Langzeitstudien in Afrika haben zudem gezeigt, dass Hydrochinon eine Hautkrankheit namens Ochronosis verursachen kann. Die Haut wird dann dicker und dunkler, mit gelblichen Schwellungen und graubraunen Verdickungen. Und die Einnahme von Pillen mit Bleichwirkung kann Leberkrebs verursachen.Nicht nur deshalb kämpft Nikki Duggal, Künstlerin und Designerin aus Delhi, gegen Whitening-Produkte. "Weiß bedeutet Wohlstand. Weiß ist jemand, der reich genug ist, um nie in der Sonne arbeiten zu müssen - das hat die Mehrzahl der Inder verinnerlicht", sagt sie. "Und die traurige Botschaft dabei ist: wenn du dunkel bist, kannst du sowieso aufgeben." Aus Protest gegen dieses rassistische Gedankendiktat in den Köpfen ihrer Landsleute hat Nikki Duggal T-Shirts entworfen, die das Ganze einfach umdrehen: "Black is beautiful" oder "Fair And Ugly" steht darauf - "schwarz ist schön" oder "hellhäutig und hässlich". Bis jetzt tragen nur sehr, sehr wenige Inder ihre T-Shirts.------------------------------Jahrtausendealte KastenordnungDas Kastensystem in Indien entwickelte sich, nachdem um 2000 v. Chr. die Arier in den Norden des indischen Subkontinents vordrangen. Die ursprünglich indogermanischen Hirtenstämme hatten sich seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. von den Steppen westlich des Urals ausgebreitet und sich dabei in einen indischen und einen iranischen Zweig gespalten.In Indien stießen die Eroberer auf die einheimische Bevölkerung der Drawiden, die sie unterwarfen oder in den Süden des Landes verdrängten. Die Drawiden, wesentlich dunkelhäutiger als die Arier, wurden von ihnen als minderwertig angesehen. Es bildete sich das Kastensystem heraus, in dem die Arier dem Kriegeradel, die Drawiden den unteren Kasten angehörten. Bis heute sind die Menschen im Süden Indiens wesentlich dunkelhäutiger.------------------------------Foto: Schönheitsbehandlung: Dieser Kunde bekommt eine Aufhellungs-Packung bei einem Friseur in Delhi. Dass die Bleichkosmetika schädliche Substanzen enthalten, wissen die meisten Nutzer nicht - oder sie nehmen es hin.Foto: Spezielle Bleichcremes für Männer gibt es in Indien jede Menge und sie werden massiv beworben.

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