Auch wenn es Streit gibt - mit seinen Moschee-Bauten kommt der Islam in Deutschland an: Minarette zwischen Kirchtürmen

Vor neun Jahren führte die Berliner Verwaltung eine Umfrage unter den in der Stadt ansässigen Moschee-Vereinen durch. Die Antworten waren verheerend. 90 Prozent der islamischen Gemeinden gaben an, völlig abgeschottet vor sich hin zu arbeiten. Sie hatten keinen oder nur sehr wenig Kontakt zu öffentlichen Einrichtungen; die spärliche Kommunikation wurde überdies als schlecht bis sehr schlecht bewertet. Moscheen waren offenbar genau das, was bis heute viele mit Schrecken in ihnen sehen: ein Ort der Abgrenzung, ein Biotop, das die heimatlichen Traditionen künstlich am Leben zu erhalten sucht und so Integration verhindert.Bei einer ähnlichen Umfrage im letzten Jahr, ergab sich ein stark verändertes Bild. 80 Prozent der Moschee-Vereine teilten nun mit, dass sie mit Polizeidienststellen, Schulen, Bezirksbürgermeistern und Integrationsbeauftragten zusammenarbeiten, dass sie sich als Ansprechpartner für Integrations- und Bildungspolitik sowie für Kriminalprävention verstehen. Moschee-Vereine bieten Deutsch- und EDV-Kurse an, Nachhilfeunterricht und Familienhilfe.Zwischen 1998 und 2006 liegen der 11. September 2001 und ein neues Staatsbürgerrecht in Deutschland. Inzwischen haben die Deutschen verstanden, dass sie in einem Einwanderungsland leben, und den Muslimen wurde klar, dass sie in Deutschland bleiben werden. Längst haben die Moschee-Vereine begonnen, sich zur deutschen Gesellschaft hin zu öffnen. Eine neue, in Deutschland geborene Generation hat Leitungsfunktionen übernommen. Abgeschlossen ist der Umwandlungsprozess noch lange nicht, aber es ist schon sehr viel passiert.Bei dem Streit, der jetzt um den Bau einer Großmoschee mit einer 17 Meter hohen Kuppel und zwei 55 Meter hohen Minaretten im Kölner Stadtteil Ehrenfeld tobt, scheint man diese Veränderungen kaum zur Kenntnis zu nehmen. Die Kölner Bürger formulieren ähnliche Proteste wie sie zuletzt auch bei den geplanten Moschee-Bauten in Berlin-Heinersdorf und München-Sendling zu hören waren. Es geht darum, Kritik und Ängste ernst zu nehmen und einen Dialog der Aufklärung und Annäherung zu initiieren.Dann gibt es aber noch die Fraktion jener Islamkritiker, die einerseits die Integration der Muslime fordern, aber gleichzeitig wünschen, dass diese im Hinterhof, in der Unsichtbarkeit verbleiben. Nachdem sich die Aufregungen über die unglücklichen Auslassungen des 84-jährigen Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Ralph Giordano gerade gelegt hatten - Giordano hatte die geplante Moschee als Zeichen für eine gescheiterte Integration gewertet und mit Burkas und Ehrenmorden in Zusammenhang gebracht - tritt ihm nun die Soziologin und Islamkritikerin Necla Kelek zur Seite.In einem ganzseitigen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stellt Kelek den geplanten Großbau des türkisch-islamischen Dachverbands DITIB in Frage, weil solche Moscheen "Keimzellen einer Gegengesellschaft" seien, die nicht der Integration dienten. Kelek unterstreicht noch einmal Giordanos Äußerung. Ähnlich wie das Kopftuch solle mit einer solchen Moschee vor allem ein sichtbares Zeichen der Abgrenzung gesetzt werden. An Gebetsräumen in "stillgelegten Fabriketagen" kann Kelek nichts Diskriminierendes finden, schließlich sei die Ur-Moschee des Propheten auch sein Wohnhaus gewesen. Aber wie könne man, fragt Kelek, die Errichtung eines Ortes befürworten, an dem sich die Männer der Gemeinde zu Gebet und Geschäft versammeln, während die Frauen in ihre Wohnungen verbannt bleiben? Sollte sich die deutsche Gesellschaft nicht widersetzen, wenn ein Ort geschaffen wird, der den Männern vorbehalten bleibt und zu dem gläubigen Frauen der Zutritt verwehrt wird?Das wäre eine berechtigte Frage, tatsächlich passiert hier aber etwas ganz Anderes: Eine renommierte Islamwissenschaftlerin, die auch wegen ihrer Biografie als moralische Instanz angesehen ist, schürt Ängste und Vorurteile wider das eigene, bessere Wissen. Keleks vor zwei Jahren zum Bestseller avanciertes Sachbuch "Die fremde Braut" hat mit dazu beigetragen, dass die Missstände in der deutsch-türkischen Migrantengesellschaft publik wurden. In diesem Buch zeichnet Kelek ein ganz anderes Bild vom Moschee-Leben. Für viele, gerade für die Frauen mit schrecklichen Schicksalen - den Importbräuten, die in der Türkei "gekauft" und in Deutschland von Ehemann und Schwiegereltern geknechtet werden - ist laut Kelek die Moschee der einzige Ort, wohin sie sich ohne Ehemann begeben dürfen. Durch die Vermittlung einer Hamburger Hodscha, die diesen unglücklichen Frauen helfen wollte, hat Kelek überhaupt von jenen Schicksalen erfahren. Die Autorin hielt auch damals Moscheen für Orte, die Integration verhindern, aber sehr fair gibt sie weiter, was Frauen ihr erzählten: Dass sie ihr Unglück in ihrer Ohnmacht an ihren Kindern ausgelassen und sie schrecklich geschlagen haben, dass sie im Glauben Trost und Halt gefunden haben und die Kraft, sich in ihren Familien besser durchzusetzen.Wahr ist, dass in den Moscheen Geschlechtertrennung herrscht, dass die Räume der Männer in der Regel größer und besser ausgestattet sind. Aber dass Frauen keinen Zugang zu Moscheen haben, ist schlicht falsch. Schon 1998 verfügten von den 51 befragten Berliner Moschee-Vereinen 36 über Räume für Frauen. Bei anderen teilten sich Männer und Frauen die Räume im Zeittakt - nur bei einer pakistanischen Gemeinde war die Moschee tatsächlich nicht für Frauen vorgesehen.Muslimische Frauen sind selbstständig organisiert und in den Gemeinden aktiv. Aber sie werden nach wie vor marginalisiert. Die Imame der DITIB, die jetzt in Köln baut, kommen aus der Türkei. Sie lernen zwar inzwischen, mit Unterstützung des Goethe-Instituts, vorher Deutsch. Aber dass man bei der DITIB stolz darauf ist, dass die Imame jetzt statt vier Jahre auch acht Jahre in Deutschland bleiben können, muss man hinterfragen. Warum strebt man nicht das Selbstverständlichste, einen dauerhaften Umzug nach Deutschland an? Oder die Gestaltung des Koranunterrichts: Welchen Schaden richtet man an, wenn man Kindern, die mit dem Deutschen nicht zurechtkommen, auch noch die arabische Sprache lehren will?Kompetente, unbequeme Kritiker werden gebraucht. Sie müssen sich allerdings entscheiden, ob sie die Ankunft des Islam in Deutschland unterstützen oder verhindern wollen. Fest steht: Der Islam in Deutschland verändert sich und das nicht nur innerhalb der Vereine. Die Muslime kommen heraus aus dem Schatten der Hinterhöfe und werden zu einem sichtbaren, greifbaren Teil der deutschen Gesellschaft. Dort, wo es bereits Moscheen gibt, ähneln sich die Berichte: An die Stelle der Ängste tritt ein nachbarschaftliches Verhältnis; Schüler-, Senioren- und andere Gruppen besuchen Führungen, und in ihren Prospekten werben die Städte recht gern mit Bildern, die ein Minarett in ihrer Skyline aufweisen.------------------------------Die Muslime kommen heraus aus dem Schatten der Hinterhöfe.------------------------------Foto: Ensemble der Kulturen: Fathi-Moschee, Lebensmittelgeschäft und Altglascontainer in Essen-Katernberg.