Drei Millionen Kinder arbeiten in Brasilien für ihr Überleben, 16 000 allein in der Sisalregion Retirolandia, etwa 300 Kilometer entfernt von der Metropole Salvador. Velucio und seine Geschwister gehören zu ihnen.Fliegen mögen Sisal. In dichten Schwaden schwirren sie über der riesigen Plantage Fazenda Contado im steppentrockenen Nordosten Brasiliens. Selbst wenn die Temperatur gegen Mittag über der baumlosen roten Erde auf 40 Grad Celsius klettert, werden die Fliegen nicht müde. Sie krabbeln in die Hosenbeine, die Ohren, die Augen. Dort wo Velucio arbeitet, summt die Plage besonders laut, denn der Zehnjährige schneidet mit einem scharfen Messer Blatt um Blatt vom Strunk der Agave. Jeder Schnitt hinterläßt eine feuchte Fläche, aus der der Saft tritt, der Fliegen offenbar zum Irrsinn treibt. Der Junge mit dem Körperbau eines Siebenjährigen scheucht die lästigen Insekten nicht weg, er hat keine Hand frei. Wie eine Maschine bewegt er sich zwischen den spitzen, armlangen Blättern der Agavenpflanzen: Schnitt, Wurf, Schnitt, Wurf, Schnitt, Wurf. Seit fünf Jahren, sein halbes Leben, tut Velucio kaum etwas anderes. Von morgens um acht bis 17 Uhr. Montags bis Freitag. Voller Narben Sein Bruder Joselino ist gerade fünf geworden und hilft ihm. Ein paar Reihen weiter arbeiten drei Schwestern und der Bruder, irgendwo schneidet auch der Vater. Wäre die jüngste der Familie, Katiane, nicht erst zwei, käme auch die Mutter schneiden. Die Arbeit zwischen den Pflanzen hat Velucio sichtbar gezeichnet. Eine dicke Narbe geht über die linke Hand. "Geschnitten", sagt er. Die Arme und Beine überzieht ein Streifenmuster feiner Narben von tiefen Kratzern der nadelspitzen Blätter. Eigentlich müßte Velucio in die Schule gehen. Das schreibt das brasilianische Gesetz vor. "Ich lerne ja auch", behauptet der Junge und wischt sich zwei Fliegen aus dem Mund. Doch bei genauerem Nachfragen findet sich in seinem Tagesablauf keine Lücke, in der er den je halbstündigen Weg zur Schule und vier Stunden Unterricht unterbringen könnte. Um sechs, noch vor Sonnenaufgang, steht die Familie auf. Velucio holt Wasser aus dem Tümpel - fast eine Stunde braucht er, um den Zehnlitereimer in die Lehmhütte der Eltern zu schleppen. Dann gibt es eine Schüssel Brei aus Maniokmehl. "Und dann gehe ich schneiden", sagt er. Bis wann? "Bis zum Abend", sagt er. Und die Schule? Verlegen setzt er die Klinge an die nächste Sisalstaude. Immerhin bestätigt seine Lehrerin, daß er in der Schule gemeldet ist und daß er manchmal sogar kommt. "Aber eher zum Ausruhen", sagt die junge, verhärmte Frau im Blümchenkleid. Wenn Velucio nicht arbeitet, hat er nichts zu essen. Er arbeitet für nichts anderes als seine tägliche Schüssel Maniokbrei. So wie alle anderen Familienmitglieder auch. Sie arbeiten im Akkord. Bezahlt wird nach geschnittener Sisalmenge. Wenn alle mitarbeiten, kommt die Familie auf ein Wocheneinkommen von 15 brasilianischen Reais, etwa 22 Mark. Knapp 70 Reais pro Monat. Der Mindestlohn für einen Arbeiter liegt in Brasilien eigentlich bei 110 Reais. Doch das ist reine Theorie. Die eigentlichen Herren Brasiliens, Besitzer riesiger Fazendas, kümmert kein Mindestlohn, den Staat ebensowenig. Und auch nicht die Geschäftsleute, die Sisalstricke, Läufer oder Teppiche vor allem in Europa spottbillig verkaufen und trotzdem einen guten Schnitt machen. Velucios Vater allein könnte niemals die Familie auch nur einmal am Tag füttern, selbst wenn er bis zum Umfallen auf der Plantage seines Patrons schuftete. Wie fast alle Sisalarbeiter ist der hagere Vater nur 1,50 groß. Seine von 15 Schwangerschaften gezeichnete Frau mißt noch ein paar Zentimeter weniger. Brasilianische Wissenschaftler haben festgestellt, daß generationenlange Schinderei bei extrem schlechter Ernährung die Menschen zu Zwergen macht. Unter Velucios Vorfahren gab es, soweit die Familienerinnerung reicht, nur Sisalarbeiter. Elend als nicht abzuwerfendes Erbe. Traumwelt Stadt Gern würden die Eltern ihre Kinder zur Schule gehen lassen, "aber es geht einfach nicht", sagt er. Und schließlich: "Dann leben die Kinder eben wie wir." Die Kinder widersprechen nicht in Anwesenheit des Vaters. Aber die größte Schwester, die 12jährige Velucia, hat längst beschlossen, abzuhauen. "Ich will in die Stadt", flüstert sie der Fremden zu. Sie war als einzige der Familie sogar schon mal in einer Stadt, der Hauptstadt sogar. Ein zerfetzter Zeitungsausschnitt beweist es: Velucia in nassen Kleidern im Swimmingpool eines Nobelhotels von Brasilia. Der Präsident hatte sie und noch ein paar Dutzend andere Landarbeiterkinder zur Dekoration eines Kongresses einfliegen lassen und ihnen T-Shirt und Basecap geschenkt. Gutgekleidete Leute redeten über Kinderarbeit, strichen Velucia übers Haar. Und dann war sie wieder in der Lehmhütte. Vom Leben Tausender Mädchen mit der Brutalität der Straße, mit Männern, die sie für ein paar Pfennige benutzen, hat ihr in Brasilia niemand erzählt. Ihr Entschluß ist unumstößlich. Velucio dagegen zögert noch. +++