Das neue Album von Britney Spears heißt "Circus". Wie passend, denkt man. Weckt doch der Name Erinnerungen an die Eskapaden, die das Leben des Popstars im vergangenen Jahr bestimmten. Doch schon im Booklet legt Spears eine andere Deutung nahe. Sie verkleidet sich als die Charaktere, die sie in einem Zirkus gerne spielen würde: eine Trapezkünstlerin, eine Seiltänzerin, eine Vagabundin. Ihre Lieblingsrolle ist allerdings der Zirkusdirektor: "Wenn ich mit der Peitsche knalle / muss jeder traben", heißt es denn auch im titelgebenden Lied "Circus".Damit initiiert sie sich als selbstbestimmte Künstlerin. So heißt es in dem Lied weiter: "Ich mag den Rücksitz nicht, muss erste sein / Ich bin der Anführer / Ich habe das Sagen". Zeilen wie diese, die Autonomie ausdrücken sollen, klingen schon bald nach den gebetsmühlenartigen Durchhalteparolen eines schlechten Selbstmanagement-Ratgebers. Auch die schnellen Beats, die Energie und Bewegung vortäuschen, sind so stampfend und eintönig, dass sie an Arbeit statt an durchtanzte Clubnächte erinnern.Um die Vorstellung von Spears als Zirkusdirektor ad absurdum zu führen, reicht ein kurzer Blick in den Alltag des Popstars. Zur Zeit reist sie mit ihrem Vater im Gepäck durch Deutschland, um für ihr Album zu werben. Seit einem Gerichtsurteil Ende Oktober ist Jamie Spears der dauerhafte Vormund der bald 27-Jährigen und verwaltet ihr Vermögen. In dieser Rolle machte er nicht nur durch einfühlsame Vorschläge auf sich aufmerksam: So bot er etwa dem Ex-Mann von Britney, Kevin Federline, Geld dafür, seine Tochter erneut zu heiraten. Der erzwungene Beistand des Vaters fällt auch hinter jegliche Erkenntnisse der Psychoanalyse zurück, indem er das Kind an die Wurzel seines Unglücks fesselt: die Familie. Das kann nicht gut gehen, denkt man, und das geht auch nicht gut.Dabei hat Manager Larry Rudolph auf erfolgversprechende Produzenten wie Bloodshy & Avant zurückgegriffen, die einst den Spears-Hit "Toxic" schrieben. Doch an die Erfolge alter Tage können sie nicht anknüpfen. Ihr Lied "Unusual you" ist so ermüdend einfältig, das es schwer fällt, es zu Ende zu hören. Das gesamte Werk legt die Vermutung nahe, die Produzenten hätten sich den kleinsten gemeinsamen Nenner des populären Geschmacks vorgestellt. Viele Songs erinnern daher auch an Madonnas jüngstes Album "Hard Candy" - Schützenfestmusik für die Clubgeneration.Zu einigen Stücken lässt sich dennoch ganz gut tanzen. Die Single-Auskopplung "Womanizer" beginnt mit Raumschiff-Enterprise-ähnlichen Klängen und saugt den Zuhörer im Refrain in einen Stakkato-Beat ein. Auch "If you seek Amy" (vom "Baby one more time"-Produzenten Max Martin) ist ein toller Disko-Hit geworden. Dazu klingt Spears Stimme voller, tiefer und, ja!, gereifter. Das kann allerdings auch daran liegen, dass sie sich zum Singen diesmal nachweislich ins Studio begeben hat. In dem Lied besingt Spears übrigens nicht Amy Winehouse sondern ihr abgelegtes Alter Ego, das sich unverantwortlicher Weise mit Tequila abschießt. Und noch in einer zweiten, fundamentalen Hinsicht unterscheidet sich Britney von Amy: Während bei Winehouse der Zusammenbruch das System ist, gilt er bei Spears als Störung, die bereinigt werden muss.Dabei funktioniert der Mythos von der Rückkehr der verloren geglaubten Tochter eigentlich ganz gut - andererseits aber auch wieder nicht. Denn der Preis für die zurückeroberte Figur, die gewachsenen Haare, die weggeschminkten Augenringe und die Beteuerung, jetzt immer früh ins Bett zu gehen, ist die Entkerntheit, die nackte Langeweile der Musik. In der Rückkehr zur bürgerlichen Existenz fällt Spears hinter ihre eigene Geschichte zurück und bleibt dort liegen.In der Mitte des Album-Booklets ist ein Clown abgebildet. Doch anders als bei den anderen Zirkusfiguren spielt ihn Spears nicht selbst, sondern ein kleiner Junge. Dabei verhält es sich im wirklichen Leben genau umgekehrt: Das Einzige, was sie ist, ist der Clown.Britney Spears: Circus (Sony Music)------------------------------Foto: Bitte nicht wieder abstürzen: Britney Spears als Seiltänzerin.

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