Als einer der größten deutschen Friedhöfe wurde der Stahnsdorfer Südwestkirchhof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg zur letzten Ruhestätte vieler bekannter Persönlichkeiten des Berliner Lebens. Dabei entwickelte er sich zu einer Sammlung von berühmten Beispielen der Grabmalkunst des 20. Jahrhunderts. Durch den Mauerbau geriet der von Louis Meyer (1877-1955) entworfene, 206 Hektar große Friedhof in eine ungünstige Randlage und verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die Folgen sind bis heute spürbar: Immer noch fehlt die 1961 stillgelegte und anschließend überbaute S-Bahn; das dem Friedhofseingang direkt gegenüber liegende Bahnhofsgebäude war 1976 gesprengt worden. Die Anlage hat sich renaturiert, doch die Bahnsteige sind unter dem Bewuchs noch heute vorhanden. Eine geplante Wiederanbindung der Station an das S-Bahnnetz von Teltow steht noch aus. Bis dahin müssen Besucher, die ohne Auto kommen, den Umweg über Potsdam und einen längeren Fußmarsch von der Bushaltestelle in Kauf nehmen. Aber der Weg lohnt, weil der Stahnsdorfer Waldfriedhof eine großartige Verbindung von Garten- und Friedhofskunst, Architektur und Plastik darstellt. Der am 28. März 1909 geweihte Friedhof sollte nicht nur Begräbnisplatz sein, sondern ein geradezu lebensreformerischer Ort zum Spazieren und zum Naturgenuss. Brunnen, Unterstellhäuschen und Grabmale bilden reizvolle Blickpunkte und unterstreichen die verschiedenen Landschaftsformen Heide, Wald und Park, deren Rhythmus geprägt wird von effektvoll angelegten Straßen, Wegen und Plätzen. Architektonischer Höhepunkt ist die Kapelle, errichtet 1908-11 durch Gustav Werner (1859-1917), der sie den Vorbildern mittelalterlicher norwegischer Stabholzkirchen nachempfand. Ihre Innenausstattung mitsamt der farbigen Fenster mit Jugendstilornamenten ist noch original erhalten. Das Grab Gustav Werners, der auch den Stahnsdorfer S-Bahnhof entworfen hat, befindet sich gleich am Kapellenvorplatz.Der Südwestkirchhof ist nach der am 1. Juli 1908 eröffneten Anlage in Ahrensfelde der zweite Zentralfriedhof der Berliner Stadtsynode, deren Mitgliedsgemeinden Gräberfelder zugewiesen bekommen. Dank seines reizvollen Erscheinungsbildes stieg Stahnsdorf zum Berliner Prominentenfriedhof auf. Es finden sich hier Gräber der Komponisten Engelbert Humperdinck (1854-1921) und Hugo Distler (1908-42), des Malers Lovis Corinth (1858-1925) und des Stummfilmregisseurs F. W. Murnau (1888-1931) ebenso wie das von Heinrich Zille (1858-1929). Auch Elisabeth Baronin von Ardenne (1853-1952), geborene Freiin und Edle von Plotho, die Großmutter des Wissenschaftlers Manfred Baron von Ardenne und Vorbild für Fontanes Effie Briest, hat hier ihre letzte Ruhestätte. Weitere bekannte Namen sind Siegfried Jacobsohn (1881-1926), Begründer der "Weltbühne", sowie Edmund Rumpler (1872-1940), Flugzeugkonstrukteur.Doch die naturromantischen Intentionen Louis Meyers ließen sich in der Realität nicht immer umsetzen: Zu groß waren die Ansprüche wohlhabender Familien nach repräsentativen Grabstätten. Und so entstanden überdimensionierte Erbbegräbnisse, welche die Ruhe und entspannte Gelassenheit des Friedhofs stören. Doch es gab auch künstlerisch wertvolle Ausnahmen darunter. Zu den interessantesten und bekanntesten gehört zweifellos die Grabstätte der Kaufmannsfamilie Wissinger, geschaffen 1922/23 nach einem von Entwurf Max Tauts (1884-1967). Über Sockelplatten aus Lavatuffstein erheben sich acht Eisenbetonpfeiler, verbunden durch gotische Spitzbögen. Der Kritiker Wolfgang Pehnt gab eine faszinierende Beschreibung dieses Werkes: "Es verbindet zwei Lieblingsmotive Max Tauts: das Geschiebe kristalliner Schollen im Sockelbereich und die im Bogenscheitel gebrochene Folge von Baldachinen. Man denkt an gotisierende Rippengewölbe, deren Kappen nicht geschlossen, sondern offen gelassen wurden. Zu ihren Fußpunkten hin verjüngen sich die sehnig-skulpturalen Stützen. Oben, an den Stützenköpfen, treiben sie knos-penartige Ausblühungen hervor, die - da sie oberhalb des Kämpferpunktes liegen - eher wie Häupter denn wie Kapitelle wirken. Die kleinen dreieckigen Verdachungen über ihnen erscheinen wie Kapuzen, die Bogenstücke wie ausgebreitet Arme, so dass die ganze Anlage anthropomorphe Züge annimmt." Von Anfang an hatte es um das expressionistische Grabmal Differenzen gegeben: So konnte die vorgesehene starke Farbigkeit der Anlage nicht ausgeführt werden, und auch die ursprüngliche, mit einer Plastik versehene Grabplatte musste auf Drängen der Synode 1923 gegen eine neutrale ausgetauscht werden.Von anderer künstlerischer Intention und mit 1 100 Quadratmeter die größte Anlage des Südwestkirchhofes ist das Erbbegräbnis der Familie Siemens, das 1919 erworben und drei Jahre später von Franz Seeck gestaltet wurde. Durch ein schmiedeeisernes Tor in der Kalksteinmauer betritt man einen efeubewachsenen Innenhof, dessen Stirnseite das vom alten Luisenfriedhof in Westend hierher verlegte Grab des Firmengründers Werner von Siemens einnimmt, verziert mit einem Porträtmedaillon.Gegenüber der Siemens-Anlage hat die seit 1902 bestehende Schwedische Victoriagemeinde Berlins ihren am 1. Dezember 1923 eingeweihten Friedhof. Errichtet worden ist er nach dem Entwurf des selbst aus Schweden stammenden Berliner Architekten Alfred Grenander (1863-1931). Er unterrichtete seit 1897 Architektur an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in der Prinz-Albrecht-Straße, war von 1901 an Professor und hatte sich einen Namen gemacht vornehmlich als Hausarchitekt der Berliner Hoch- und Untergrundbahngesellschaft. Man betritt durch ein im Vergleich zu Siemens bescheidenes schmiedeeisernes Tor eine dem Geländeanstieg folgende axialsymmetrische Anlage, die bekrönt wird von einem antiken Rundtempel, Grabmal für den schwedischen Gesandten Hans Henrik Freiherr von Essen (1873-1923). Vor dem Rundtempel liegen die Gräberfelder, deren Steine Grenander, um der Anlage einen geschlossenen Charakter zu verleihen, ebenfalls selbst entwarf. Er wählte sechs Grundformen, vom einfachen, hochkant stehenden Quader bis zu einem kronenartig gezackten, sich nach unten verjüngenden Modell.Während beim Grabmal Wissinger eindeutig der künstlerische Ausdruck Vorrang vor der Zweckmäßigkeit hat, halten sich beim Erbbegräbnis der Familie Siemens beide die Waage. Grenanders Schwedenblock dagegen ist in seiner künstlerischen Zurücknahme fast ein reiner Zweckbau von strenger Schönheit. In der souveränen Beherrschung des antiken Stiles zeigt sich Grenanders Meisterschaft, mit unaufdringlichen Mitteln und strenger Zweckorientiertheit größte Wirkung zu erzielen.Doch allmählich verfallen die Gebäude und Grabmäler. Zwar wird das Siemens-Grab von der Firma Siemens gepflegt, und auch die schwedische Victoria-Gemeinde kümmert sich wieder um ihren Friedhof. Doch viele der großen Familiengräber, darunter auch das der Wissingers, sind in schlechtem Zustand. Um den Friedhof zu retten, wurde Anfang dieses Jahres der Förderverein Südwestkirchhof Stahnsdorf e. V. gegründet, der die Kultur- und Baugeschichte des Ortes erforscht und Geld für Sanierungen sammelt. So besteht Hoffnung, dass nicht nur das Gedenken der Toten, sondern auch das baukünstlerischen Erbe gepflegt wird. Kontaktadresse des Fördervereins in der Friedhofsverwaltung, Bahnhofstraße, 14532 Stahnsdorf. Telefon 03329-61 41 06.Die hohen Ansprüche wohlhabender Familien ließen repräsentative Grabstätten entstehen, die nicht immer mit der Ruhe des Friedhofs harmonieren.Gotisierende Rippengewölbe, die sich wie menschliche Arme gen Himmel strecken: die Grabstätte Wissinger von Max Taut in Stahnsdorf.Das Mausoleum der Industriellen- Familie Caspary auf dem Stahnsdorfer Friedhof, errichtet 1911.