MOSKAU, 1. Juli. Susanne Priesemann war sechs Jahre alt, als sie ihren Vater das letzte Mal sah. Am 31. August 1950 wurde Gerhard Priesemann in Schwerin von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet. "Von der Straße weg", erzählt seine Tochter. "Nachbarn haben uns später berichtet, er sei festgenommen und in einem Militärjeep weggebracht worden. Wir haben unseren Vater nie wieder gesehen." Neun Jahre lang erfuhr die Familie Priesemann nichts über seinen Verbleib. "Erst 1959 kam eine Dame vom Rat der Stadt Schwerin und sagte uns, Vater sei gestorben, wahrscheinlich 1953 und wahrscheinlich in der Sowjetunion. Meine Mutter bekam kurz darauf die Todeserklärung. Das war alles. Dann saß sie mit vier kleinen Kindern allein da."Was mit ihrem Vater geschehen war, erfuhr Susanne Priesemann erst nach der Wende. Zu DDR-Zeiten wurden Schicksale wie das der Familie Priesemann totgeschwiegen. "Anfang der 90er-Jahre haben wir uns an die Presse gewandt und nach und nach mehr über sein Schicksal erfahren. Zunächst war er in Schwerin inhaftiert. Das erzählten uns ehemalige Mithäftlinge meines Vaters. Dort hatte man ihm einen Stasispitzel in die Zelle gesetzt. Das muss ihm das Genick gebrochen haben", sagt Susanne Priesemann. Den Rest der Geschichte ihres Vaters erfuhr sie erst Ende der 90er-Jahre. Noch 1950 hatte man Gerhard Priesemann nach Moskau gebracht. Von einem sowjetischen Militärtribunal wurde er am 3. Februar 1951 zum Tode verurteilt und am 14. Mai 1951 erschossen.Neben den Fotos und Biografien tausender anderer russischer, polnischer, japanischer und österreichischer Opfer findet sich auch das Schicksal Gerhard Priesemanns in einem Buch, das die russische Menschenrechtsorganisation Memorial am Donnerstag vorstellte. Auf zehn Zeilen ist zu lesen, dass der Lehrer Gerhard Priesemann, 1911 in Rostock geboren, Mitglied der CDU, wohnhaft in Schwerin, Walter Rathenaustraße 16, verhaftet und "wegen Spionage" zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. "Rehabilitiert am 23. Juli 1993 durch den Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation."Gerhard Priesemann ist eines von mindestens tausend deutschen Opfern der sowjetischen Militärjustiz der Stalinära. Die meisten von ihnen waren DDR-Bürger, die zwischen 1950 und 1954 in Moskau hingerichtet wurden. Ihre Leichen wurden auf dem Donskoj-Friedhof in Moskau kremiert und beigesetzt. Seit Freitag erinnert ein Gedenkstein auf diesem Friedhof an sie.Ihr Schicksal sei eine Mahnung, "niemals wieder zuzulassen, dass im Namen selbstherrlicher Macht unschuldige Menschen vernichtet und in den Tod geschickt werden", sagte der Bundesratspräsident und brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck bei der Enthüllung des Gedenksteins. Potsdams Bürgermeister Jann Jakobs, der ebenfalls nach Moskau gereist war, erinnerte an Erwin Köhler, den im Dezember 1946 gewählten, ersten Potsdamer Bürgermeister nach dem Krieg. Auch Erwin Köhler und seine Frau Charlotte waren 1950 wegen "antisowjetischer Hetze" zum Tode verurteilt worden. Ihr Sohn, Jürgen Köhler, kann sich erinnern, wie sein Vater ihn damals mit kleinen Botschaften zu Bekannten der Familie in Potsdam geschickt hatte. Der Post oder dem Telefon traute Erwin Köhler nicht mehr. Erst aus den jetzt zugänglichen Verhörprotokollen erfuhr Jürgen Köhler, dass mit seinem Vater viele von dessen Bekannten beseitigt worden waren - fast die gesamte Potsdamer Elite, die sich einer Zusammenarbeit mit der SED verweigert hatte."Ich kannte doch fast alle von Kindesbeinen an", sagt Jürgen Köhler. Unmittelbar nach der Verhaftung seiner Eltern floh Jürgen Köhler nach Westdeutschland. Auch er nahm an der Gedenkfeier teil. Das Reden fiel ihm schwer. "Ich bin dankbar", sagte er. Dankbar dafür, "dass sich die neue Regierung Russlands viel Mühe gegeben hat, die zu Unrecht verurteilten Menschen zu rehabilitieren." Dies galt vor allem dem hochbetagten Leiter der von Putin eingesetzten Kommission zur Aufarbeitung der stalinistischen Repression, Alexander Jakowlew.Für alle Angehörigen, die am Vormittag auf den Donskoj-Friedhof gekommen waren, war es ein schwerer Gang. Susanne Priesemann und ihre Brüder standen zusammen und hielten ein Bild in den Händen, dass Gerhard Priesemann mit seiner Familie zeigt. Das letzte Photo, das Susanne Priesemann von ihrem Vater sah, war das Bild aus seiner "Strafakte". "Wie ein KZ-Häftling sieht er darauf aus", sagt sie. Es habe sie sehr geschmerzt.Ende der 90er-Jahre erhielt die Familie Priesemann das Todesurteil gegen ihren Vater. Als Urteilsbegründung war angegeben, er habe eine Schreibmaschine verliehen, mit der antisowjetische Propaganda vervielfältigt worden sei. Potsdams Bürgermeister Jakobs fasste zusammen, was die Angehörigen wohl am meisten schmerzt. "Die Opfer des Stalinismus, die hier begraben wurden, sind keinen heorischen Tod gestorben, es war ein grausamer, sinnloser und demütigender Tod." Zu wissen, wo ihr Vater begraben ist, ist für Susanne Priesemann dennoch einer Erleichterung. "Es ist ein Abschluss", sagt sie.------------------------------Foto: Auf dem Moskauer Donskoj-Friedhof legten Angehörige Blumen für deutsche Opfer des Stalinismus nieder. Anwesend war auch Matthias Platzeck.