Die junge Frau lässt die Hüften kreisen und macht ein paar Salsa-Schritte. Das Publikum johlt. Dicht gedrängt sitzen die Zuschauer auf den Stufen des Amphitheaters im Mauerpark in Prenzlauer Berg, Sonne im Gesicht, Pappbecher mit Kaffee in den Händen. Hunderte sind es. Die Frau greift zum Mikrofon und singt: "Living la vida loca". Schräg. Neben ihr steht Joe Hatchiban mit einer Kamera, ihm gehört das orangefarbene Lastenfahrrad mit Lautsprecher und Laptop, von dem die Karaoke-Songs abgespielt werden. Joe Hatchiban feuert sie an: "Yeah!"Auf der anderen Seite der Wiese, hinter dem Bauzaun, ist Flohmarkt. Dort steht Juan de Chamié. Der Applaus aus dem Amphitheater weht herüber. Von seinem Stand aus sieht de Chamié nur die Mauer oben auf dem Hang. "Vor zwanzig Jahren noch gab es hier den Kommunismus", sagt er auf Englisch. "Und schau uns jetzt an! Die Geschichte ist nicht aufzuhalten." An ihm vorbei schiebt sich die Menge aus jungen Touristen mit großen Sonnenbrillen, Studenten mit Pony-Frisuren und jungen Familien.Seit 15 Jahren gibt es den Mauerpark, dessen Zentrum die langgestreckte Wiese zwischen Bernauer Straße im Süden und Gleimstraße im Norden ist. Es gibt ein Birkenwäldchen, einen Kinderspielplatz, einen Trommelplatz, einen Street-Basketballplatz, das Amphitheater, auch ein Kinderbauernhof gehört dazu und ein Kletterfelsen.Verschüttete GeschichteÜber den Mauerpark gibt es viele Geschichten zu erzählen. Da ist die Geschichte von Joe Hatchiban, dem irischen Fahrradkurier, der seit März mit seiner Karaoke-Station fast jeden Sonntag dort gastiert. Da ist die Geschichte der Flohmarktverkäufer, die T-Shirts oder Retromöbelstücke verkaufen und so tun, als sei es ein Stück von Berlin. Und da ist die Geschichte, die den Ursprung des Parks begründet, die ein Stück deutsch-deutsche Geschichte ist, und von der nur noch wenige Überbleibsel zeugen. Wer sie sehen will, muss danach suchen.Unscheinbare Löcher in der Mitte der Pflastersteinstraße, die durch den Park führt, waren einmal Verankerungen für Zaunpfähle, Teile des breiten Streifens, der noch vor 20 Jahren Ost- von West-Berlin trennte. Die Mauer war ein breites Stück Land, mit Wachtürmen, Zäunen und einem Betonwall.Architekt Gustav Lange plante den Park Anfang der neunziger Jahre. Einen Freiraum wollte er schaffen, einen Park ohne Statussymbole: freier Blick, die Silhouette Berlins im Hintergrund statt üppiger Bepflanzung und mächtiger Denkmäler. Doch statt Berlin zusammenwachsen zu lassen, hat der Mauerpark neue Grenzen gezogen. In seiner jetzigen Form markiert der Flohmarkt am westlichen Parkrand die Grenze, zwischen Wedding und Prenzlauer Berg. Wer aus dem Brunnenviertel in den Mauerpark will, muss außen herum durch den düsteren, tropfenden Gleimtunnel oder über die Bernauer Straße laufen. Wo Ost und West eins werden sollten ist heute Brachland.Der ursprüngliche Plan sah anders aus. 14 Hektar groß sollte der Park sein. Das Areal des ehemaligen Weddinger Güterbahnhofs, das hinter dem Flohmarkt beginnt, sollte Teil des Parks werden. Doch Berlin hatte nicht genug Geld, die Flächen von Privateigentümern anzukaufen. Bis heute sind deshalb erst acht Hektar Mauerpark realisiert, auf ehemals Ost-Berliner Gebiet.Einer der dafür kämpft, dass sich das ändert, ist Alexander Puell. "Der Mauerpark ist übernutzt", sagt er. Puell spricht aus, was jeder Besucher an einem Sonntag sofort erkennt, wenn sein Blick auf die kahl-fleckige Rasenfläche fällt und auf Mülleimer, die voll gestopft sind mit Resten der Grillpartys. Puell, 34, trägt seine Haare zum Zopf gebunden und einen groben Wollpulli. Er sagt: "Mein Zuhause endet nicht an meiner Haustür." Er will Verantwortung übernehmen für den Kiez, in dem er wohnt. Puell ist Zweiter Vorsitzender des Vereins Freunde des Mauerparks. 1999 entstand der Verein aus einer Bürgerinitiative, die sich aus der Angst heraus gegründet hatte, dass der Mauerpark in Teilen bebaut werden würde. Eine berechtigte Angst - damals wie heute.Puell ist nicht der einzige, der den Mauerpark gerne größer hätte. Das will auch der Senat. Der Mauerpark wurde mit Hilfe der Allianz-Umweltstiftung gestaltet, die dafür 2,3 Millionen Euro gab. Das Land hat sich zugleich verpflichtet, dass der Mauerpark bis 2010 mindestens zehn Hektar groß ist. Ansonsten muss der Senat das Stiftungsgeld an die Allianz zurückzahlen. Größer soll er also werden, der Mauerpark. Die Frage ist nur: wie? "Wenn schon gebaut wird, dann muss das zum Park passen", sagt Alexander Puell. Also argumentieren die Freunde des Mauerparks für Jugendeinrichtungen, in die all diejenigen gehen könnten, die nachmittags im Park abhängen und sich "ihr Bier reinpfeifen", wie Puell sagt. "Hier darf einfach keine Tankstelle hingebaut werden und auch kein Baumarkt." Oder womöglich neue Stadtvillen. Die würden zwar vermutlich die Wohngegend um den Mauerpark aufwerten. "Aber das widerspricht doch dem egalitären Prinzip, das sich Architekt Lange einmal ausgedacht hat", sagt Puell. "Da entstehen doch nur wieder neue Mauern, in den Köpfen."Umstrittener Grundstücks-DealDie Fläche, um die es geht, gehört dem Immobilienunternehmen Vivico. Und auch die ehemalige Tochter der Bahn will, dass auf dem Gelände etwas passiert, denn derzeit gilt es als Grünfläche und darf nicht bebaut werden. Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) schlägt deshalb einen Grundstücks-Deal vor. Dafür, dass die Vivico Teile des strittigen Geländes hergibt, soll sie auf den restlichen Flächen Baurecht erhalten. Die Verhandlungen stehen kurz vor dem Abschluss. "Aber viel findet hinter verschlossenen Türen statt", sagt Mauerparkfreund Puell.Baustadtrat Gothe hingegen weiß inzwischen zumindest ziemlich genau, wie groß der Mauerpark in Zukunft sein wird. "Der Park wird fünf Hektar zusätzliche Fläche erhalten", sagt er. Die neue Parkfläche soll parallel zum derzeitigen Mauerpark angelegt werden. Westlich davon wird es für die Vivico neue Bauflächen geben. Und an der Lortzingstraße soll endlich ein großzügig gestalteter Eingang von Weddinger Seite aus in den Park führen. Mit den neuen Plänen wären Puells Sorgen unberechtigt und die Mauer wird vielleicht endgültig verschwunden sein.Nach bisherigen Plänen soll der Mauerpark-Flohmarkt erhalten bleiben. Die Erinnerung an den Todesstreifen ist mit dem Gras, das darüber wuchs, verblasst. "Da denkt man kaum noch dran", sagt Christian Kaiser, der wenige Meter von Juan de Chamiés T-Shirt-Stand steht. Kaiser, grauer Drei-Tage-Bart über roten Wangen, ist West-Berliner und verkauft das neue Berlin, süß und in Gläsern. Denn seine Honigsorten bringen das zusammen, was Berlin ausmacht: Honig aus Brandenburg, verfeinert mit Feigen vom türkischen Markt am Maybachufer, vietnamesischer Tamarinde aus dem Dong Xuan Center in Lichtenberg oder spanischem Rosmarin. Kaiser lässt sich inspirieren von den jungen Europäern, die sich mittlerweile im Mauerpark treffen, und vom Lebensgefühl der jungen Kreativen. "Hier merkt man, dass es noch etwas Gutes gibt im Leben", sagt Kaiser, "dass noch etwas möglich ist."------------------------------"Hier merkt man, dass noch etwas möglich ist im Leben der Stadt." Christian Kaiser, Honighändler------------------------------Foto: Der Park ist sein Vorgarten: Alexander Puell, Zweiter Vorsitzender des Vereins Freunde des Mauerparks, will einen Park nach den ursprünglichen Plänen des Architekten Gustav Lange - einen Park für alle, mit Freiräumen und ohne Mauern.------------------------------Foto: Der Flohmarkt, noch außerhalb des Mauerpark-Geländes, ist längst zum Markenzeichen des Parks avanciert.------------------------------Foto: Spaziergang über die deutsch-deutsche Grenze. Nach 20 Jahren erinnert auf den ersten Blick kaum mehr etwas an die Mauer, Überbleibsel muss man suchen.