Schmerz, Angst, Verlassenwerden solche Emotionen lasten schwer auf der Seele. Da braucht es schon tausend traurige Geigen, um die bitteren Momente des Lebens zu versüßen. Trost und Zuspruch bieten Reime wie diese: "Ich will dich unter Tage, will dich über Nacht. Egal, wie ich mich quäle, du bist für mich gemacht." Solche Zeilen finden sich zahllose auf dem gerade erschienenen Album von Rosenstolz, das keinen treffenderen Titel als "Zucker" tragen könnte.Zum siebten Mal haben Sängerin Anna R. und Keyboarder Peter Plate des Lebens bittere Süße auf eine Langspielplatte gepreßt. Zum siebten Mal präsentieren sie ein gutes Dutzend Minidramen, denen ein recht unverkrampftes Verhältnis zum Kitsch zueigen ist. Zum siebten Mal stecken sie ihre Spielwiese ab zwischen Pop und Pomp, zwischen Schlager und Chanson. Zum ersten Mal fühlen sie sich nicht mehr dem Erfolgsdruck und der Beweisnot ausgesetzt, wie Songschreiber Peter Plate feststellt: "Das letzte Album war viel erfolgreicher, als wir uns das je gedacht hatten, und deshalb sind wir jetzt nicht vom Ehrgeiz zersetzt."Erfolg reduziert sich für das Duo nicht auf die Menge verkaufter Tonträger oder Konzertkarten auch wenn sie stolz darauf sind, in beiden Kategorien zur obersten deutschen Liga zu gehören. Die Suche nach Erfolg war für die beiden immer auch die Suche nach Anerkennung. Und so haben sie in den letzten Jahren nichts unversucht gelassen, um die erhoffte Breitwand-Zuneigung zu finden. Rosenstolz haben ihr Leben in einem Buch und ihre achtjährige Karriere in einer Greatest-Hits-Kollektion aufgerollt. Sie haben unendlich oft zu erklären versucht, daß sie "mondänen Pop" und keine Schlager schreiben dennoch bildeten sie beim Schlager-Grandprix die Antithese zu Guildo Horn: Während der auf Gerüsten turnende Meister jeden Ernst verweigerte, bliesen Rosenstolz mit ihrem Wettbewerbstitel "Herzensschöner" das große Halali zum Angriff auf die Tränendrüsen.Was sollen sie auch anderes tun? Anna und Peter sind nun einmal so nahe am Kitsch gebaut. Für sie ist der Mond in dramatischen Momenten eben rot und aus Zucker. Für sie sind Scherben das Symbol des Schmerzes. Sie haben acht Jahre lang gearbeitet, um ihre Musik zu etablieren, um Skepsis und Häme zu trotzen, die ihnen entgegenschlugen, wie sich Peter Plate erinnert: "Anläßlich unseres dritten Albums hat eine Zeitung geschrieben, dies sei die schlechteste Musik aller Zeiten." Rosenstolz haben diesen Tiefschlag überlebt und für die Beharrlichkeit in der Durchsetzung ihres Stils gebührt ihnen Respekt.Auch auf "Zucker" stellt das Duo Gefühle in jener Art dar, die kalte Schauer und warme Zuneigung verursachen kann. Die Themen in der Reihenfolge ihres Auftretens lauten: Begehren, Leidenschaft und Selbstaufgabe, Angst, Verlangen, tiefgehendes Verlangen, wilder Sex, Ausgeliefertsein aufgrund wilden Verlangens, Sex in der Nacht vor dem Abschied, Sex Karriere Selbstfindung. Damit bleiben sich Rosenstolz ebenso treu wie mit ihrem sehr eigenen Gebrauch von Reimen und Grammatik, wie einige Zeilen aus dem Lied "Schlange" beweisen: "Du kamst als wildes Tier vorbei. Du fraßt mich beinah auf. Ich zeigte meine Schlangenhaut und daß ich dir nicht glaub."Die Bilder sollen griffig sein, nicht filigran. Sie sollen in drei Minuten eine Geschichte erzählen. Wer wie Rosenstolz mit seinen Texten ein Identifikationsangebot an ein großes Publikum macht, verwendet nur Symbole, die sich schon nach dem ersten Hören entschlüsseln lassen. Das Album thematisiert auch Ängste, im Geliebtwerden schwingt das Wissen um die Ablehnung mit. Das ist der überraschende Aspekt einer Platte, die musikalisch wenig Neues zu bieten hat. Rosenstolz bedienen sich der Songmodelle, die sie auf ihren vorhergehenden Platten erfolgreich formuliert haben. Da gibt es den exaltierten, jauchzenden Popsong und die streichergeschwängerten Balladen. Da trällert Anna R. manchmal grandios im Belcanto herum oder begibt sich in die Tiefen ihrer Trauer. Die Keyboards geben den Ton an, auf Strophe folgt Refrain, auf angedeutete Experimente folgt eine Ballade in alter Form.Wer den naiven Charme der frühen Alben schätzt, auf den wirkt "Zucker" wie eine perfekte Produktion, der die Individualität abhanden gekommen ist. Sicher, Rosenstolz wurden noch nie so viel gehört wie jetzt, aus diesem Erfolg aber eine kreative Formel machen zu wollen, ist ein gewagtes, wenn nicht halsbrecherisches Unterfangen. So gerät das, was gehaltvoller Zucker sein will, leider manchmal zum lauen Süßstoff.