Im Laufe der Woche rücken die Abrissbagger in der Peter-Hille-Straße an. Die meisten der alten Fabrikgebäude des ehemaligen Pentacon-Werkes, die seit 1991 ungenutzt waren, kommen weg. Nur zwei Gebäude sollen stehen bleiben. Das bestätigte die Treuhand Liegenschaftsgesellschaft (TLG).Nicht nur mit alten Häusern wird aufgeräumt, sondern auch mit Hoffnungen: Der gemeinnützige Verein "Wohnen und Kultur in Köpenick" (Wokik) wollte auf dem 12 000 Quadratmeter großen Areal in Friedrichshagen ein alternatives Wohnprojekt aufbauen. Ähnlich der "Ufa-Fabrik" in Tempelhof oder der "Sargfabrik" in Wien sollte in Friedrichshagen Wohnen, Arbeiten und Kultur an einer Stelle angeboten werden. Doch die TLG hat andere Pläne - auf der Fläche nahe dem Müggelsee soll ein Wohngebiet mit hohem Standard entstehen. Kulturelle Tradition"Wir wollen gemeinschaftlich leben und zugleich ein Kulturtreff für alle sein", sagt Wolfgang Schnell, Stadtplaner und Vorstandsmitglied von Wokik. Mit etwa 30 weiteren Vereinsmitgliedern, darunter Architekten, Historiker und Künstler, hatte er der TLG ein Konzept für das Areal vorgelegt. "Wir möchten an frühere kulturelle Traditionen Friedrichshagens anknüpfen", sagt Schnell. Der grüne Ortsteil am Rand Berlins hatte um die Jahrhundertwende viele Künstler angezogen: Schriftsteller wie Wilhelm Bölsche oder Erich Mühsam lebten dort, Dramatiker wie Gerhart Hauptmann und August Strindberg waren zu Gast, der Schauspieler Heinrich George spielte im Naturtheater.Die Fabrikgebäude schienen für die alternative Wohngemeinschaft wie geschaffen: Lofts in den großen Fabrikhallen sollten eine Heimat für Alte und Junge, Familien und Singles werden. Die Hallen entlang der Emrichstraße hätten Ateliers werden können, ein Fabrik-Anbau zum Restaurant, und das Pförtnerhäuschen war als allgemeiner Treffpunkt gedacht.Doch die Treuhand konnte den Wunsch des gemeinnützigen Vereins nach einem Preisnachlass nicht erfüllen. "Wir müssen streng nach Verkehrswert verkaufen und haben auch schon Interessenten für das Gelände", sagt TLG-Sprecherin Sabine Pentrop. Vielleicht entwickle die TLG das Wohngebiet sogar selbst. Nahe dem Müggelsee gelegen ist Friedrichshagen ein begehrter Ort für Wohnungsbau-Investoren.Die TLG hat dem Verein inzwischen ein anderes Gelände angeboten: Eine alte Industriefläche nahe dem Wasserwerk, die schon lange leer steht und für die sich kein Investor findet. Doch auch hier müsste der Verkehrswert bezahlt werden. Im Bezirksamt ist man von der Idee des alternativen Wohn- und Kulturprojektes angetan. Baustadtrat Oliver Scholz (CDU) bot Hilfe bei der Suche nach Alternativstandorten an. Dem Verein schlägt er vor, mit dem Wohnen-und-Kultur-Projekt nach Oberschöneweide oder in die Köpenicker Altstadt zu ziehen. "Dorthin würde eine solche Mischung gut passen", sagt er.PENTACON "Filius" und "Muck" // 1898 wurde in der Wilhelmstraße eine Metallwarenfabrik gegründet, die Lautsprecher produzierte.Im Zweiten Weltkrieg war das Werk Rüstungsfabrik, 1946 wurde es unter sowjetische Verwaltung gestellt.Ab 1954 produzierte die Firma für die Filmtechnik. Hergestellt wurden zum Beispiel der Kleinbildwerfer "Filius" und der Projektor "Muck".Ende der 60er-Jahre wurde der Betrieb Werkteil des VEB Pentacon Dresden. 1991 wurde der Betrieb geschlossen.