KAZRIN. Zwei blitzende Sudkessel, zwei blankpolierte Alubottiche und eine Zapfanlage, die schlicht aussieht, aber voller Hightech steckt. Ein deutscher Braumeister mit dem schönen Namen Starkmeth, deutsche Armaturen, die Bier nach dem deutschen Reinheitsgebot brauen, und dennoch - man befindet sich nicht in Deutschland, sondern mitten auf den politisch umstrittenen Golanhöhen.Angefangen hat alles 2006, kurz nachdem der zweite Libanon-Krieg endete. Zwei israelische Geschäftsleute hatten sich seit längerem in den Kopf gesetzt, in Israel deutsches Bier zu brauen. Sie kauften in Deutschland eine kleine Anlage und engagierten den deutschen Braumeister Nikolaus Starkmeth. Der sollte eigentlich nur den Aufbau überwachen, die Produktion anlaufen lassen und anschließend das Traditionshandwerk einem angelernten Gehilfen übergeben. Von dem Gehilfen ist heute nicht mehr die Rede und von einem kurzen Aufenthalt auch nicht.Man muss kein Bierliebhaber sein, um hier der Verführung des Weißbiers zu erliegen, dessen natürliche Trübung durch die gleißende Mittelmeersonne noch besser zur Geltung kommt. Nach dem ersten Schluck meint man im Englischen Garten in München zu sitzen und nicht in Kazrin, einer Kleinstadt mit knapp 7 000 Einwohnern unweit der syrischen Grenze, in einer der am dünnsten besiedelten Regionen Israels. Bekannt geworden ist das Plateau nicht nur durch die verzwickte politische Lage, sondern auch durch seinen goldfarbenen Wein. Nun bemüht sich Starkmeth, auf den Golanhöhen auch seinem Bier zum Durchbruch zu verhelfen.Das beste Wasser der WeltUm die in Bierfragen etwas unbedarften Israelis nicht allzu sehr zu verwirren, braut er nur vier Biere. Außer dem Weißbier bietet er in der Brauereigaststätte ein helles Pilsener an, dazu noch ein rötliches altfränkisches Bier sowie ein schwarzes Doppelbock, von dem die Gäste trotz der drückenden Hitze die Fässer nur so leer trinken. Die Zutaten bezieht Starkmeth aus dem Biermutterland, und zusammen mit dem "besten Wasser der Welt", das ihm hier zur Verfügung steht, ist für höchste Qualität gesorgt. Zwar hatten die Investoren anfangs andere Vorstellungen vom Biersortiment und vom deutschen Reinheitsgebot als der 54-jährige Deutsche, aber der nur auf der Basis mündlicher Vereinbarungen arbeitende Starkmeth konnte sich letztlich durchsetzen.Die bayrische Gelassenheit liegt ihm im Blut und strahlt auf seine Mitmenschen aus. "Es gibt nicht viel Besseres als gutes Bier, gute Musik und gutes Essen. Und wenn man das mit seinem Beruf verknüpfen kann, hat man den schönsten Job überhaupt", sagt er. Dabei hat Starkmeth erst spät seinen Traumberuf gefunden. Bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr war er Kameramann bei internationalen Filmproduktionen, dann befand er, dass das viele Reisen ihm nicht gut tut. Er wollte sich irgendwo niederlassen, einem "ehrlichen" Handwerk nachgehen. Mehr durch Zufall wurde er dann Braumeister. Rund vier Jahre hielt er es in Glonn bei München mit dieser Arbeit aus, dann bekam er die Möglichkeit, ähnliche Zehn-Hektoliter-Brauereien überall dort zu montieren, wo Hopfen und Malz für Liebhaber noch nicht verloren sind. In Osteuropa, Korea und Japan war er aktiv, bis es ihn in das Gebiet am See Genezareth verschlug.Israel hat es Starkmeth angetan. "Mit der Mentalität der Menschen in Fernost bin ich nicht so zurecht gekommen, aber hier in Israel sind die Leute irgendwie offener. Jeder Israeli hat eine Geschichte, die meisten waren mal für längere Zeit im Ausland, und ich meine damit keine Sauftouren zum Ballermann in Palma de Mallorca."Bodenständigkeit, Ehrlichkeit und Einfachheit sind Prinzipien, die ihm etwas bedeuten. Die politische Großwetterlage interessiert ihn nicht sonderlich, und wenn man ihn fragt, ob er keine Angst davor habe, seinen Betrieb schließen zu müssen, wenn Israel das Gebiet vielleicht einmal an Syrien abtreten sollte, sagt er, dass es in Deutschland wahrscheinlicher sei, eine Brauerei wegen der explodierenden Strompreise schließen zu müssen. Und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu, dass er bei Friedensgesprächen gern sein Bier als offizielles Tischgetränk servieren würde.Fehden mit dem RabbinerStarkmeth ist zwar zuallererst Brauer, aber ein bisschen um das Essen kümmern muss er sich auch. Deswegen hat er nicht wenige Fehden mit dem örtlichen Rabbinat ausfechten müssen: Würste à la Germania dürfen hier zum Beispiel kein Schwein enthalten, dem Sauerkraut darf keine Butter und dem Kartoffelpüree keine Milch beigegeben werden. Das Essen muss woanders gekocht und darf nicht mit dem Besteck der Brauerei serviert werden, damit es überhaupt das Prädikat "koscher" führen kann. Und eine Woche im Jahr muss er den gesamten Betrieb ruhen lassen, weil man zu Pessach überhaupt nichts Gesäuertes verwenden darf. Das aber findet er gut. "Von solchen Feiertagen müsste es mehr geben" meint er, "das passt zu meiner Philosophie."Nikolaus Starkmeth möchte es ruhig angehen lassen, ohne Hetze, ohne Jagd nach dem großen Geld. Eine kleine Pause hat noch niemandem geschadet, findet er. Und denkt danach doch schon wieder über eine neue kleine Brauerei nach, diesmal vielleicht in der Altstadt von Yaffa.------------------------------Im Krieg erobertDie Golanhöhen sind ein Hochplateau zwischen dem See Genezareth und der syrischen Hauptstadt Damaskus. Sie gehören eigentlich zu Syrien, sind aber seit dem Sechstagekrieg 1967 von Israel besetzt.Die Stadt Kazrin, in der die deutsche Brauerei steht, wurde erst 1977 gegründet. Inzwischen hat sie etwa 7 000 Einwohner und ist Verwaltungshauptstadt des Golan. In Kazrin befindet sich auch die international bekannte Weinkellerei Golan Heights Winery.------------------------------Foto: Gebraut nach deutschem Reinheitsgebot: Für das Hefeweizen vom Golan gibt es die passenden Gläser.Foto: Der Braumeister Nikolaus Starkmeth und sein frisch gezapftes Produkt