MANILA, im September. Kurz nach Mitternacht beginnt die Modenschau in der "Cristal Discothek". Über der großen Bühne hängt ein Playboy-Bunny-Plakat, aus den Lautsprechern dröhnt Musik. Fünf junge Mädchen in Büstenhalter und Höschen tanzen im Takt. Sie bewegen sich langsam, mit starrem Gesicht blicken sie in den dunklen Saal, dorthin, wo die Männer sitzen. An den Bikinihöschen der Mädchen sind Nummern geheftet. Die Männer können eine Nummer wählen, dann gehört ihnen das Mädchen für eine Stunde. Oder für die ganze Nacht. An einem Tisch sitzen zwei Nonnen, Schwester Alma und Schwester Bibat. Statt Ordenskleidung tragen die beiden Schwestern T-Shirts und Hosen. Sie ziehen immer wieder durch die Bars der Stadt, um jungen Prostituierten Hilfe anzubieten, falls eines der Mädchen aussteigen möchte. "Die Mädchen werden auf älter gestylt, sind in Wirklichkeit aber noch sehr jung", sagt Schwester Alma. "Wir finden sie nicht nur in Bars, sondern sogar in Einkaufszentren."Nach Schätzungen von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, gibt es allein auf den Philippinen einhunderttausend Kinderprostituierte. Sie kommen aus den Slums der Großstädte oder vom Land. Ihre Eltern schicken sie als Dienstboten in die Stadt, dort gehen sie Zuhältern ins Netz. Die Freier kommen vor allem aus den reichen Ländern - aus Nordamerika, Australien, Europa und Japan. Allein aus Europa sollen es vierhunderttausend sein. Eine Lautsprecherstimme kündigt an, dass die Mädchen nun solo tanzen werden. Nummer 254 ist die Erste. Sie ist jetzt nackt, nur an den Füßen trägt sie hochhackige Sandalen. In aufreizender Pose lehnt sie sich gegen die Bühnenwand, spreizt die Beine. Offiziell sind die "Fashion-Models" alle über achtzehn Jahre alt. Das Beschäftigen von Minderjährigen ist auf den Philippinen verboten. Seit 1992 steht auf Kindesmissbrauch sogar die Todesstrafe. Abzuschrecken scheint das aber niemanden. "Die Polizei hält die Hand auf und drückt beide Augen zu", beklagt Pater Shay Cullen die Korruption im Land. Auch wenn der irische Pater einem anderen Orden angehört als die beiden Nonnen in Manila, so hat er doch das gleiche Ziel. 1974 gründete Cullen in der Hafenstadt Olongapo achtzig Kilometer nördlich von Manila das Kinderschutz-Zentrum Preda. Sexuell missbrauchte Kinder finden hier ein Zuhause, können wieder zur Schule gehen und sich durch eine Therapie von ihren Traumata befreien. Ein langer, schmerzhafter Prozess.Die 19-jährige Pia Corvera hat ihn durchlebt. Aufgewachsen ist sie in den Slums von Manila. Weil ihre Eltern das kleine Mädchen nicht haben wollten, nahm die Großmutter es notgedrungen bei sich auf. Doch Liebe wollte auch sie ihr nicht geben. "Ich erinnere mich nur an Schreie und Schläge", sagt Pia. Sie flüchtete in die Gemeinschaft von Straßenkindern. Eines der Kinder nahm sie irgendwann mit zu einem Zuhälter. Das war der Anfang. Im Preda-Zentrum, einer großen zweistöckigen Villa im Kolonialstil, leben zurzeit 34 Kinder. Das Haus liegt am Rande der Stadt auf einer Hügelkette an der Küstenstraße, die sich Richtung Norden schlängelt. Durch die Bäume kann man weit über die Subic Bay, die Bucht und den Freihafen blicken. Pater Cullens Kampf gegen den Sextourismus begann, als der heute 60-Jährige als junger Priester nach Olongapo kam. Er war schockiert darüber, wie amerikanische Marinesoldaten die Armut der Bevölkerung zu ihrem Vergnügen ausnutzten. "In den Krankenhäusern wurden selbst Neunjährige mit Geschlechtskrankheiten eingeliefert", sagt Pater Cullen. Er wurde aktiv, er initiierte Proteste und verklagte später sogar die amerikanische Regierung. Doch als deren Truppen 1991 abzogen, gab es keinen Grund zum Aufatmen: Nach den Soldaten kamen tausende von Sextouristen. Der Sextourismus gehört zu den lukrativsten Einkommensquellen im Bereich der organisierten Kriminalität. "Mir ging es damals nur darum, viel Geld zu verdienen", sagt zum Beispiel der ehemalige Zuhälter Rosito Villaflor. Er lockte Mädchen und Jungen mit Arbeitsangeboten in die Bars. "Wenn sie einmal drin waren, kamen sie nicht wieder raus. Wir drohten ihnen mit Schlägen. Wer sich noch immer nicht fügte, wurde ,zugeritten . Dann wussten sie auch gleich, was sie mit den Kunden tun sollten." Unter den Kunden seien immer sehr viele Ausländer gewesen, erinnert sich Rosito Villaflor. "Manche fragten ausdrücklich nach Kindern, die noch Jungfrau waren." Pia war gerade elf Jahre alt, Marlyn dreizehn, als sie an den deutschen Sextouristen Thomas Breuer vermietet wurden - für einen Tagespreis von umgerechnet neunzig Mark. Pater Cullen sorgte dafür, dass der Täter bis nach Deutschland verfolgt wurde. 1996 flogen Pia und Marlyn nach Iserlohn und brachten ihren Peiniger durch ihre Zeugenaussagen ins Gefängnis. Ein bislang einzigartiger Fall."Auf den Philippinen streiten Politiker oft ab, dass es Kinderprostitution überhaupt gibt", sagt Pater Cullen. Mit versteckter Videokamera macht er deshalb Aufnahmen in den Bars. Vor sechs Monaten half er mit, dass neun Clubs in Angeles City geschlossen wurden. Die Stadt, eine Autostunde von Manila entfernt, gilt als Mekka der Sextouristen. Die Besitzer der Clubs, ein Amerikaner und ein Australier, wurden verhaftet, zusammen mit ihren Zuhältern. "Dafür mussten wir viel Druck auf die Bundespolizei ausüben", sagt Pater Cullen. "Normalerweise hätten die Bars Bestechungsgelder an die örtliche Polizei bezahlt - und nichts wäre passiert." Die sechs Kinder, die bei der Razzia in Angeles City aus den Clubs befreit wurden, leben seither im Preda-Zentrum. Doch manche sehen das gar nicht als Befreiung. "Viele Kinder wollen gar nicht aus den Clubs gerettet werden", sagt die Sozialarbeiterin Mary David. Für diese Kinder, die zuvor oft auf der Straße lebten, seien die "Mama-Sans", die Puffmütter, und die "Papa-Sans" eine Art Familienersatz. In der traditionellen philippinischen Gesellschaft würden Kinder noch zum unbedingten Gehorsam gegenüber Erwachsenen erzogen. Im Preda-Zentrum sollen sie nun lernen, auch Nein zu sagen.Sein hartnäckiges Engagement brachte Pater Cullen viele Feinde ein, vor allem in der Sex-Mafia. Er erhielt schon mehrfach Morddrohungen. Mit Gegenanzeigen versuchte man, ihn zu diskreditieren. Hauptdrahtzieher ist ein Deutscher, der in Olongapo lebt und gute Kontake zu den lokalen Politikern hat. Alle Verfahren gegen Pater Cullen wurden jedoch wieder eingestellt. Er erhielt mehrere internationale Menschenrechtspreise, unter anderem von der Stadt Weimar. Deutsche Politiker haben ihn für den diesjährigen Friedensnobelpreis vorgeschlagen.Nur Betroffenheit zu äußern, war auch den beiden "Tatort"-Fernsehkommissaren Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär zu wenig. Nach der 1998 ausgestrahlten Tatort-Folge "Manila", in der sie einen deutschen Kinderschänder überführen, entschlossen sich die beiden Schauspieler zu einer Initiative. Mit Regisseur Niki Stein, der Filmcrew und einigen Journalisten gründeten sie den Verein "Tatort - Straßen dieser Welt" mit Sitz in Köln. Er unterstützt unter anderem das Studium der inzwischen 21-jährigen Marlyn. Ihr Schicksal war Vorlage für das Tatort-Drehbuch.Pia, das andere Mädchen, ist heute eine Symbolfigur für den Kampf gegen Kinder-Sextourismus. Sie steht auch im Mittelpunkt der "Aktion Schutzengel", mit der das katholische Hilfswerk "missio" in Aachen die Arbeit von Pater Cullen unterstützt. Die Kampagne soll die Menschen in Deutschland auf das Schicksal der Kinderprostituierten aufmerksam machen. Pia Corvera ist jetzt neunzehn Jahre alt, ein hübsches Mädchen, das nach all den Erlebnissen in ihrer Kindheit heute lieber Hosen statt Röcke trägt, die Haare sind kurz geschnitten. "Es ist besser ein Junge zu sein als ein Mädchen", sagt sie. In diesen Tagen ist Pia zusammen mit Pater Cullen wieder in Deutschland. Sie wird sogar in einer Fernsehshow auftreten - bei Johannes B. Kerner. Es ist das erste Mal, dass Pia seit dem Prozess vor sieben Jahren nach Deutschland zurückkehrt. Damals kam sie als Opfer. Heute sagt sie: "Ich komme als Anwältin aller Kinder, die erleben, was ich erlebt habe." Ihr Peiniger hatte damals ihre Beine an die Bettpfosten gebunden und sie dann mit einer Videokamera gefilmt. In der "Cristal Discothek" von Manila ist Pias Vergangenheit noch Realität. Die Mädchen tanzen jetzt wieder gemeinsam - und in Dessous. Einige von ihnen tragen keine Nummern mehr; sie sind bereits vergeben. Alle anderen sind noch zu haben. Nach der Show sitzen die Mädchen dicht gedrängt in einem Zimmer - durch ein Fenster freigegeben zur Beschau für diejenigen Männer, die sich in dieser Nacht noch nicht entschieden haben."Die Polizei hält die Hand auf und drückt beide Augen zu. " Pater Shay Cullen, Gründer des Kinderschutz-Zentrums Preda.AP/FERNANDO SEPE JR. Razzia im Rotlichtviertel von Angeles City, nördlich von Manila. Dass die Polizei eingreift, ist selten - oft zahlen die Sex-Bars Bestechungsgelder.