Für Lob ist Hans-Olaf Henkel, früherer Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und designierter Präsident der Wissensschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V., nicht gerade zugänglich. Freundliche Worte, die ihm gelten, perlen meist an seinem starren Gesicht ab wie Regentropfen auf einem gut imprägnierten Mantel. Am Mittwochvormittag war Henkel von der Freien Universität Berlin (FU) eingeladen, auf der Immatrikulationsfeier zum Sommersemester den Festvortrag zu halten. Als ihn der Präsident der FU, Peter Gaehtgens, in schmeichelhafter Anspielung auf ein Wort Franz Josef Strauss , ein Mitglied im Verein zur deutlichen Aussprache nannte, verrieten seine Gesichtszüge kein Zeichen der Zustimmung.Es konnte zu diesem Zeitpunkt aber auch noch niemand ahnen, dass Henkel im Laufe der Veranstaltung zur Märtyrerfigur dieses nicht eingetragenen Vereins werden würde: Denn um deutliche Aussprache war Henkel in seiner Rede nicht verlegen, seine Worte aber gingen in einem 30-minütigen Pfeifkonzert und unter monoton-brachialen Zwischenrufen unter, während eine Hand voll Studenten im gut besuchten Auditorium Maximum des Henry-Ford-Baus Transparente entrollte und nur durch Sicherheitskräfte am Erstürmen der Bühn e gehindert werden konnte.AdrenalinschubFür Lob mag Henkel nicht zugänglich sein, Widerstand aber fordert ihn heraus, und als der dumpfe Mob jedes seiner Worte niederschrie und -pfiff, da kam Leben in seine Gesichtszüge, man spürte förmlich den Adrenalinschub, der die Kämpfernatur in ihm auf den Plan rief, und voller Standhaftigkeit zog er seine Rede durch - nicht bereit, vor dem inszenierten Tumult einiger weniger zu kapitulieren und auch nur auf eine Minute seiner Redezeit zu verzichten. Schließlich konnte der moralische Impetus seiner Rede zum Thema "Freiheit oder Gleichheit" nicht eindrucksvoller überhöht werden als durch die reflexhaften Krawalle, die anschaulich demonstrierten, dass man für die Freiheit kämpfen muss, während sich die Gleichheit in ihrem ferngesteuerten Gleichschritt der holzschnittartigen Parolen ("Gebt Henkel den Nobelpreis für Sozialdarwinismus" forderte ein Plakat) selbst richtete.Dass seine pointierten Ansichten für viele ein Ärgernis sind, weiß Henkel. Da er aber nichts mehr verachtet als Stillstand und Bequemlichkeit und nichts mehr schätzt, als für seine Überzeugungen (ganz gleich, ob Auflösung des Reformstaus oder "Amnesty International", bei denen er seit langem Mitglied ist und an welche er seine Gagen für Fernsehauftritte regelmäßig überweist) zu kämpfen, schien er als Einziger nicht unglücklich. Wie Siegfried im Drachenblut badete er in dieser konfrontativen Situation. Unverzagt hielt er einen schönen bibliophilen Band mit Reden Thomas Manns in die Höhe, obwohl niemand mehr das Thomas-Mann-Zitat verstehen konnte.Henkel also schien es nicht zu irritieren, dass die feierliche Begrüßung der Erstsemester erfolgreich gesprengt wurde. Das ging dem Publikum anders. Es musste mit ansehen, wie eine kleine Minderheit von etwa zwanzig Studenten durch schieren Terror einer Mehrheit ihren Willen aufzwängte. Verzweifelt versuchten die Besucher, durch gezielten Applaus für Henkel und die Veranstaltung die "volonté génerale" zu veranschaulichen, doch arbeitete dies akustisch naturgemäß nur den Störenfrieden in die Hände. Der eigentlich längst zu einer blutleeren Phrase verkommene Ausdruck von der "ohnmächtigen Wut" konnte augenblicklich von jedem nacherlebt werden.Wir fragten nachher einen Demonstranten, eine junge Studentin, ob sie ihre Aktion als Erfolg sehe. Durchaus, befand sie, und nach ihrer Legitimation befragt erklärte sie: "Er durfte reden, wir nicht." Das stimmt allerdings nicht. Denn noch vor Henkels Festvortrag hielt auch das Asta-Mitglied Marek Schauer eine Rede. Er nahm kein Blatt vor den Mund und attackierte Henkel in scharfen Worten als Repräsentanten des Neoliberalismus, als Fürsprecher von Studiengebühren und als Gefahr für die Solidarität der Gesellschaft. Schauer nutzte seine Rede auch, um den RCDS (den Ring christlich-demokratischer Studenten) abzustrafen, weil dieser gerichtlich gegen das von den Asten sehr eigenwillig interpretierte allgemeinpolitische Mandat vorgegangen ist: Reaktionäre Studenten versuchten, so Schauer, dem Asta per Verwaltungsgericht einen Maulkorb zu verpassen.Dass es effektivere Maulkörbe gibt als den Rechtsweg, war dem Publikum zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht klar. Nach dem Debakel fragten wir Schauer, ob er die Aktion begrüße? Nein, antwortete er, der Asta der FU distanziere sich davon. Die Frage, warum er, der doch zuvor so couragiert gesprochen hat, nicht das Wort ergriffen habe, um den Demonstranten mitzuteilen, dass sie keinen allgemeinen studentischen Willen vollstreckten, ließ ihn ratlos.Die SahnetorteAllein Peter Gaehtgens musste immer wieder auf die Bühne, um vergeblich für seine Universität zu reklamieren, dass sie ein Ort freier Rede sei. In seiner eigenen Begrüßung hatte Gaehtgens den Präsidenten der Stanford Universität, Gerhard Casper, zitiert, der auf einer Immatrikulationsfeier seiner Universität die Studenten daran erinnerte, dass sie in Stanford als Individuen, nicht als Gruppe aufgenommen worden seien. An der Immatrikulationsfeier der FU trug der eingepeitschte Kleingruppengeist den Sieg davon. Als Henkel das Audimax verließ, stürzte im Gewühle des Foyers ein Student mit einer Sahnetorte auf ihn zu, die den wackeren Mann nur dank der Hilfe der Sicherheitskräfte nicht direkt ins Gesicht traf. Aufrufe zur Gewaltlosigkeit klingen stets bieder. Wo aber Gewalt angewendet wird, wächst der Biederkeit eigene Würde zu."Sie sagen, sie wollen mich nicht anhören? Dann gehen Sie doch einfach. " Hans-Olaf Henkel INGE KUNDEL-SARO Studenten mit der Maske Hans-Olaf Henkels vor dem Gesicht werfen Geldscheine mit dem Konterfei ihres Erzfeindes.