Auf der Jagd nach dem verlorenen Glück: Doris Dörries Episodenfilm "Bin ich schön?": Die große Wolke

Dieser Film ist wie sein schönstes Bild. Das zeigt eine Hand, dahinter den Himmel, darin eine Wolke. Natürlich ist die Wolke sehr weit von der Kamera entfernt und die Hand sehr nah dran. Aber so, wie beides zusammen fotografiert ist, scheint die Wolke einen Augenblick lang glücklich aufgehoben in der leicht gekrümmten Handfläche zu schweben etwas Großes, Unfaßbares, für eine klitzekleine Weile faßbar, auf menschliches Maß gebracht, und doch nicht verkleinert. Doris Dörries neuer Film "Bin ich schön?" handelt von der Liebe und vom Tod, vom Glück und vom Unglück, vom Älterwerden und Jungbleiben, überhaupt von ziemlich vielem, was das menschliche Leben im Innersten zusammenhält oder es auseinanderbrechen läßt. Es spielen eine Menge Figuren mit, denen verschiedene Dinge zustoßen, die nicht unbedingt viel miteinander zu tun haben. Aber am Ende paßt doch alles zueinander, sind alle Einzeldramen verbunden und schweben glücklich aufgehoben in diesen zwei Stunden Film.Die Geschichten aus "Bin ich schön?" gibt es schon länger. Sie entstammen Doris Dörries gleichnamigem, fraglos schönem Erzählungsband aus dem Jahr 1994. Dort stehen sie nebeneinander, dazwischen noch eine Reihe anderer Stücke. Doris Dörrie hat manche Geschichten ganz übertragen, manche nur in Bruchstücken, hat manchmal nur einzelne Ideen oder Sätze verwendet. Manches ist ganz neu. Als zuschauender Leser mag man bedauern, daß von diesem oder jenem Gedanken, der so wunderbar geschrieben stand, nun nichts mehr zu sehen ist. Als lesender Zuschauer muß man staunen, wie geschickt und unverkrampft die Teile nun zu einem weiten Bogen zusammengefügt sind. Nicht alles ist gelungen. Mal stört eine Figur, mal eine Stimme aus dem Off, mal hakt ein Übergang. Aber alle kleinen Mängel können der großen Kraft des Ganzen nichts anhaben.Die Karwoche in Südspanien und in Süddeutschland. Hier geht es auf eine Hochzeit zu, dort auf die Prozessionen der Semana Santa beides Ereignisse, in denen das Leben sich für einen Moment zusammenschnürt und man zurückblicken mag oder voraus. Linda (Franka Potente) trampt durch Andalusien. Einen Augenblick lang lag eine Wolke in ihrer Hand, jetzt wirft sie ihre letzten Habseligkeiten aus dem Autofenster und will ein neues Leben beginnen, ohne die Ängste der Vergangenheit. Klaus (Steffen Wink) wird später die Reste von Lindas früherem Leben finden und sie ihr zurückbringen, zwischen zwei Sehnsuchts-Telefonaten mit seiner Ex-Freundin Franziska (Anica Dobra), die in München friert und sich von süßen südlichen Phantasien die Entscheidung zur Vernunftehe nicht mehr ausreden lassen will.So geht es fast in jeder Geschichte, die Doris Dörrie zeigt. Die Vergangenheit stachelt in der Gegenwart herum und macht sie madig. Früher war zwar nicht alles besser, aber das Glück war größer bzw. der Traum vom Glück weil er noch in der Zukunft lag. Jetzt scheint er verweht mit der Zeit, und wenn er sich zurückmeldet, verursacht er eher Schmerzen als wohlige Schauer. Oft hat der Schmerz zu tun mit dem Verlust des Geliebten. Juan (Dietmar Schönherr) ist seine deutsche Frau gestorben nach 40 Ehejahren, jetzt fährt er nach Deutschland, um ihre Asche im grünen Wald zu begraben, den sie so vermißt hat. Elke (Maria Schrader) hat ihren Freund kurz vor der Hochzeit im Meer verloren und trauert noch immer. "Das Schlimmste ist, daß das Gehirn so langsam ist", erzählt sie Franziska, als die ihr Brautkleid herzeigt.Vor zwei Jahren ist, sehr plötzlich, Helge Weindler gestorben, Doris Dörries Mann und Kameramann. Da hatten die Dreharbeiten zu "Bin ich schön?" gerade begonnen. Jetzt glaubt man die Spuren dieses Todesfalls an vielen Stellen des Films zu spüren. Wahrscheinlich sind es aber nicht die Toten-Geschichten selbst, in denen der Verlust am stärksten nachhallt, sondern es ist dieser besonders entspannte, lichte Ernst, der "Bin ich schön?" bestimmt. Auf dem Merkzettel "Für Linda, gegen die Angst", den Klaus zufällig findet, steht unter anderem "Wenn du einatmest, atme ein; wenn du ausatmest, atme aus". Die Meditationsformel scheint plötzlich auch etwas über Dörries Erzählrhythmus zu verraten; elegant schwenkt sie von Geschichte zu Geschichte, dann wartet sie wieder, bis eine Figur ganz klar, ganz groß geworden ist.Uwe Ochsenknecht, Gottfried John, Joachim Krol, Senta Berger, Otto Sander oder Gisela Schneeberger erspielen sich alle innerhalb einer Sequenz ihre Rolle so souverän, wie man es selten sieht im deutschen Kino. Es gibt auch schwächere Darsteller, und Dietmar Schönherr wirkt als Spanier keinen Augenblick überzeugend. Aber inmitten der wunderbaren Wechselfälle dieses Films verzeiht man das, bevor man irgend verstimmt sein kann. Wie weit Doris Dörrie gekommen und wie weit man ihr gefolgt ist, zeigt sich gegen Schluß, als Franka Potente plötzlich (wie die alten Spanier) die Madonnenfigur auf dem Prozessionswagen in einer Art klassischem Flamencogesang um Hilfe bittet auf deutsch. Unter dieser Szene tut sich die Schlucht des Kitsches besonders breit auf, aber Doris Dörrie setzt einfach mutig darüber hinweg, ohne abzustürzen.Es ist ein weiter Weg von "Männer" bis zu "Bin ich schön?", von der planen Beziehungsklamotte zur doppelbödig-weisen Weltkomödie. Während das Gros der deutschen Konfektions-Regisseure immer noch dem "Männer"-Modell nacheifert, steuert Dörrie mittlerweile der "Short-Cuts"-Liga entgegen. Robert Altmans vollkommene Balance, auch seine tragische Tiefe erreicht sie nicht, vom makellosen Ensemble zu schweigen. Aber sie fordert den Vergleich heraus ohne Schaden für ihr eigenes Werk. Das ist schon eine Menge.