Samstagnacht, kurz nach halb eins, Auguststraße. Vor dem letzten unrenovierten Haus wartet eine riesige Menschentraube auf Einlass. Hinter dem beschlagenen Fenster im ersten Stock zuckt rotes Licht. Schatten bewegen sich zu Musik, die man als Drum n Bass plus Jazz plus Bossa nova bezeichnen könnte. Oder so ähnlich. Das Handy macht sich bemerkbar, und Marcello spricht: "Gerade ist Janet Jackson aufgetaucht. Ich komme etwas später." Marcello ist Nachtlebenreporter des Stadtmagazins "(O30)" und hat sich für seinen Namen von Marcello Mastroianni und dem Film "La dolce vita" inspirieren lassen. Marcello, der mit aristokratischem Namen Markus von Wollank heißt, ist eine Nachtlebenerfindung. Manchmal heißt Marcello auch Marcella, aber heute, hat Markus am Telefon gesagt, geht er als Mann, weil er keine Lust auf drei Stunden Schminken hat. Ein Taxi hält, Auftritt Marcello: Er trägt eine grau-weiße Perücke, einen langen weißen Mantel, silberne Krawatte zu weißem Hemd und schwarze Stiefel. Marcello wirft einen Blick auf die Menschenmenge und sagt: "Gehen wir vorher in s 808, gleich um die Ecke." Das 808 hat erst im Dezember eröffnet und schwimmt innenarchitektonisch auf dem Kamm der Welle, vor allem die Lounge: holzverschalte Wände, indirektes Licht, zart vergoldete schmale Säulen, blaue Sessel. Und es gibt auch hier: ein Aquarium, das in die Wand eingelassen ist. Das 808 hat nur ein Problem. Es liegt in der Oranienburger Straße, in der Touristenmeile. Besitzer Bob Young, der früher das 90 Grad im Westen hatte, hat sich deshalb einen Trick einfallen lassen. Links Café-Betrieb für den Umsatz und die Touristen. Rechts die Lounge nur für Clubmitglieder. Kaum haben wir uns niedergelassen, stehen zwei Gläser Champagner auf dem Tischchen. "Vom Haus", sagt der Kellner, ein junger Mann auf Stöckelschuhen, der einen Hut mit seltsamer Tierapplikation trägt. Marcello steckt eine Zigarette in die silberne Spitze, und während er spricht, schaut er immer wieder zum Nachbartisch, an dem eine größere Gruppe junger Herren sitzt, darunter auch Guido Westerwelle: "Es juckt mich in den Fingern, Westerwelle abzuschießen, aber ein Prinzip meiner Kolumne lautet: keine Politiker." Marcello sagt: "Den Untergrund gibt es so gut wie nicht mehr. Die Leute sind älter geworden und haben keine Lust mehr auf Trash. Die wollen gepflegt ausgehen." Marcello versucht, das Berliner Nachtleben auf einen Begriff zu bringen: "Vor ein paar Jahren war das einfacher. Heute gibt es die junge Techno-Posse, es gibt die Lounge-Society, die Promi-Leute und die Kunst-Szene", und das meiste finde gegen anders lautende Behauptungen immer noch oder wieder in Mitte statt, obwohl: in diesen Tagen mache das so genannte 103, lange in Mitte, wieder in Kreuzberg auf. Marcello sagt: "Ecstasy spielt keine Rolle mehr. Die Droge heißt: gepflegt trinken", und er schaut dabei harmlos wie eine Gouvernante. Marcello sagt: "In Berlin kommt es auf den Mythos an, den jemand hat." Frank Kemm zum Beispiel vom Cibo Matto habe einen guten Mythos, Dimitri vom Tresor und dem Schwarzen Raben habe einen ganz beschissenen Mythos. Marcello sagt: "Was macht denn da der Türke mit dem Westerwelle." In diesem Moment steht Guido Westerwelle auf und geht, dafür ist der Raum plötzlich voller anderer Leute, alles Freunde von Marcello, die alle plötzlich mit am Tisch sitzen. Ein junger Mann, der einmal im Monat den "Kings Club" im WMF organisiert: "Die einzige richtige Glamour-Veranstaltung in Berlin, der Trend geht voll zum Glamour", sagt er. Eine junges Mädchen, das extremes Hessisch redet, ein etwas älterer Herr, der gleich seine Visitenkarte reicht: Generalvertreter für Heineken. Aha. Danke. Und Marcello im Zentrum, der alle unter seinen weiten Mantel nimmt und den Pressesprecher der Firma "Berlin bei Nacht" gibt, der von "wir" und "uns" spricht und Sätze sagt wie: "Berlin wird schicker, aber es ist immer noch kommunikativer als Westdeutschland." Plötzlich ist zwei Stunden später, und wir müssen jetzt weiter, auf die Party von Cookie in der Auguststraße. Ja, Cookie. Das ist auch so ein Name. Eigentlich DER Name im Moment. Auf jeden Fall hat Cookie einen extrem guten Mythos. Cookie heißt ein junger Amerikaner, der angeblich erst vierundzwanzig ist und als Kellner in Berlin angefangen hat. Während der Berlin-Biennale 1998 hatte er seinen ersten Club im Postfuhramt, danach kurze Zeit in der Kalkscheune und jetzt schon seit längerem an der Prenzlauer Allee. Als Klaus Biesenbach für die Ausstellung "Children of Berlin" kürzlich die so genannte Berliner Kunstwelt nach New York verfrachtete, da hatte er auch Cookie im Gepäck, der einen mobilen Club inszenierte. Als Kunst oder als Ausdruck des neuen Lebensgefühls oder, wie Marcello sagen würde, "als Kommunikationsraum der Lounge-Society". Vor ein paar Wochen hat Cookie seine erste ganz legale Bar aufgemacht, mit: einem Aquarium. Die Bar sieht aus wie eine lindgrüne Gummizelle, und ich habe inzwischen so viel gelernt, dass ich weder Namen noch Adresse dieses mythischen Ortes verrate. Zur Party von Cookie im unsanierten Haus sind tatsächlich Lifestylereporter aus Hamburg und München angereist. Sie begegnen sich im Treppenhaus, nicken kurz und werden vom Strom der Menschen gleich weitergeschoben. Hinter mir behauptet der Heineken-Vertreter begeistert: "Das ist ja wie das alte Berlin! Und das neue Berlin zugleich!" Marcello sieht für einen Augenblick aus wie ein frierendes Albino-Reh und sagt: "Zu voll hier." >