Auf der Überholspur

Ein angetäuschtes Ja zu einem trickreichen Angebot - so ungefähr lässt sich das Manöver beschreiben, mit dem Israels früherer Premier, Benjamin Netanjahu, die Offerte seines Rivalen Ariel Scharon parierte, ihn zum Außenminister zu ernennen. Der Kandidat hatte als Bedingung an seine Zusage die Forderung nach Neuwahlen geknüpft. Doch Scharon will keine baldigen Neuwahlen. Und Netanjahu will nicht als Diener seines Konkurrenten dastehen. Beide haben aber gleichermaßen ein Problem, ihr jeweiliges Nein zu formulieren. Hätte sich Netanjahu dem Ruf des jetzigen israelischen Regierungschefs gänzlich verweigert, könnte ihm das im rechten Likud-Block als Kneifen in stürmischer Zeit ausgelegt werden. Ginge Scharon auf das Verlangen nach vorgezogenen Wahlen ein, riskierte er das Ende seiner eigenen Amtszeit. So gewiss allen Umfragen zufolge ein haushoher Sieg des rechten Likud über die linke Arbeitspartei scheint: Keinesfalls ausgemacht ist, wer künftiger Spitzenkandidat der Konservativen wäre. Noch liegt zwar Scharon (73) in der Gunst seiner Parteifreunde vorn. Aber der alerte und fast zwanzig Jahre jüngere "Bibi" Netanjahu versteht es wie kein anderer, die Likud-Basis für sich zu begeistern. Scharon versuchte es daher mit vorbeugenden Maßnahmen und ließ ausstreuen, sein Widersacher habe für einen Eintritt ins Kabinett Scharon auch politische Konditionen formuliert wie etwa die, PLO-Chef Yasser Arafat ins Exil zu jagen und eine prinzipielle Absage an einen Palästinenserstaat zu formulieren. Soll heißen: Der Mann verlangt Unmögliches, was nur Ärger mit den USA bringen würde.Doch Netanjahu befindet sich wieder in seiner bevorzugten Spur als Rechtsüberholer. Für seine rigiden Ansichten im Nahost-Konflikt ist er spätestens seit seiner ersten Amtszeit als Premier 1996 bis 1999 bekannt. Doch am Montag beeilte er sich mit einem Dementi: Um das Außenamt zu übernehmen, habe er sich von Scharon nur Neuwahlen, sonst gar nichts ausbedungen. Auch verstehe er, Netanjahu, nicht, was Scharon für ein Problem mit Neuwahlen habe, da es ohnehin anschließend eine Rechtskoalition mit guten Mehrheiten geben werde. Die könne die drängenden Wirtschaftsfragen tatkräftig anpacken.Keine Frage, "Bibi" ist ein cleverer Zug auf dem Weg zu einem Comeback geglückt - ganz gleich, ob er nun ins Kabinett geht oder nicht. Großenteils in den USA aufgewachsen und eines perfekten Englischs mächtig, erscheint er dem rechten Lager als idealer Außenministers - gerade in Zeiten, in denen Washington sich für eine neue Irak-Offensive rüstet. Mit diplomatischem Geschick hatte der gelernte Möbelhändler bereits im ersten Golfkrieg von 1991 die israelische Position international präsentiert. Damals war Netanjahu noch Israels Repräsentant bei der Uno. Wenige Jahre später bereits gelang ihm der Karrieresprung an die Spitze des Likud und schließlich in das Amt des Premiers. Als Interimsaußenminister könnte er erneut Popularität gewinnen und zugleich Neuwahlen forcieren. So hat Scharon seinen Widersacher, der ihn als Regierungschef beerben will, ungewollt in eine komfortable Lage gebracht.