Vor genau zwanzig Jahren leitete Gorbatschow in der Sowjetunion seine Reformen ein. Erstmals seit Chruschtschow wurde das Leichentuch des Stalinismus wieder ein wenig gelüftet. Inspiriert von den damaligen historischen Debatten machte sich der alte "Lefty" Ken Loach umgehend daran, einen Film über möglichst alle Katastrophen und Hoffnungen der Linken im 20. Jahrhundert zu drehen. Er wählte dafür ein deutsches Sujet und nannte das Projekt "Fatherland".Erzählt wird darin die Geschichte von Klaus Drittemann (!), der als aufmüpfiger Liedermacher aus der DDR nach West-Berlin abgeschoben wird und dort einen Neubeginn versucht. Das Geschäftsgebaren im "real existierenden Kapitalismus" widert ihn bald an. Statt einen lukrativen Plattenvertrag zu unterschreiben, macht er sich auf die Suche nach seinem Vater, der im Juni 1953 den gleichen Weg von Ost nach West gegangen war. Bei der Recherche muss er einen rapiden Verfall des mythischen Heldenbilds konstatieren, das er sich von seinem Erzeuger gemacht hat. Die Begegnung von Vater und Sohn geht gar nicht gut aus.Spanienkrieg, NKWD, Zweiter Weltkrieg, Gestapo, Holocaust, CIA, Stasi, 17. Juni 1953, die Zerschlagung des Prager Frühlings - kein Topos der politischen Katastrophengeschichte wird ausgelassen und mit der fiktiven Biografie Klaus Drittemanns verwoben. Inhaltlich erweist sich "Fatherland" als hoffnungslos überladen; jede Dramaturgie musste an der Fülle des Materials scheitern. Aber auch wenn der Film zu den schwächeren Arbeiten Ken Loachs gehört, so ist es doch wunderbar, dass es ihn jetzt gibt - wenigstens auf DVD. Obwohl als deutsche Koproduktion realisiert, gelangte der Film nie auf hiesige Leinwände; er war zwanzig Jahre öffentlich nicht vorhanden.Größter Trumpf des Films ist sein Hauptdarsteller Gerulf Pannach (1948 - 1998), der für die Renft-Combo einige ihrer schönsten Lieder schrieb (u. a. "Zwischen Liebe und Zorn", "Der Apfeltraum" oder "Als ich wie ein Vogel war"). Pannach spielt in "Fatherland" faktisch sich selbst, allerdings zehn Jahre zeitversetzt. Er wurde mit Jürgen Fuchs und Christian "Kuno" Kunert bereits im November 1976 auf dem Alexanderplatz verhaftet und ein Jahr später in den Westen abgeschoben. Wie die durch ihn im Film verkörperte Figur fand auch Pannach sich in den neuen gesellschaftlichen Bedingungen nicht wirklich zurecht; nach anfänglichen Erfolgen arbeitete er als Tontechniker, Kellner und Straßenkehrer."Fatherland" will Gerulf Pannach natürlich ein filmisches Denkmal setzen - das tut er auch würdig, doch der Film weist weitere Vorzüge auf. Erstaunlich authentisch wirken die ersten, in der DDR spielenden Szenen: vom Interieur der Fabriken und Büros bis hin zu sprachlichen Feinheiten. Nach dem Wechsel nach West-Berlin gibt es eine wundervolle Szene, in der Pannach / Drittemann auf die Mauer-Aussichtsplattform an der Eberswalder Straße klettert und lange in Richtung seiner verlorenen Heimat blickt: die Oderberger und die Schwedter Straße, ein "Klub der Volkssolidarität", ein schäbiger Gemüseladen, Passanten und Polizisten, dazu Musik von Pannach & Kunert. Im späteren Verlauf lässt "Fatherland" ungeachtet aller Polemik zumindest etwas ahnen von der Vergeblichkeit der Utopien und der universellen Menschenverachtung aller Geheimdienste dieser Welt. "Ich sing den Blues in Rot!" wird dieser resignativen Stimmung im Abspann trotzig entgegengeschmettert. Das mag naiv sein. Aber man hört es gern.------------------------------Fatherland Großbritannien/Deutschland 1986. Regie: Ken Loach. Drehbuch: Trevor Griffiths. Kamera: Chris Menges. Musik: Gerulf Pannach, Christian Kunert. Darsteller: Gerulf Pannach (Klaus Drittemann), Sigfrit Steiner (sein Vater), Fabienne Babe, Christine Rose, Hans Peter Hallwachs. 105 Minuten. Farbe. Bildformat: 4:3. Deutsch, Französisch und Englisch mit englischen Untertiteln (nicht ausblendbar), keine Extras. Film Four/Cinema Club CCD 30138.Zu beziehen über: www.moviemail- online.co.uk (inkl. Verpackung und Transport ca. 15 Euro)------------------------------Fotos : Der Brite Ken Loach erkannte die DDR in ihrem Wesen.Gerulf Pannach als Klaus Drittemann.