HOREZU, 21. Januar. Die Bergarbeiter stehen im Nebel dicht zusammen. Auf Befehl ihres Führers Miron Cozma dürfen sie die Flaschen, die sie austrinken, nicht wegwerfen. Glasflaschen sind unverzichtbar beim Bau von Molotowcocktails.Knapp 200 Kilometer sind die marschierenden Bergleute aus dem Schiltal noch von Bukarest entfernt. Vier Straßensperren aus Betonfertigteilen trennen am Donnerstag mittag bei Horezu die mittlerweile etwa 25 000 Kumpel und die Spezialeinheiten des Innenministeriums. Die Regierungstruppen, etwa 7 000 Mann, sind mit Schlagstöcken, Schilden, Helmen und Tränengas ausgerüstet. Über Planspiele zum Einsatz von Schußwaffen wollen sich die Offiziere nicht äußern.Am frühen Nachmittag kommt es an der ersten Straßensperre in Costesti zur Konfrontation. 500 Gendarmen werden eingekesselt und ihrer Schlagstöcke, Schilder und Helme beraubt. Tränengas hängt in der Luft, Steine fliegen. Einheimische stellen sich auf die Seite der Bergleute, diese nehmen Mitglieder der Regierungstruppen als Geiseln und überwinden die Barrikaden. Über 60 Menschen werden verletzt.Von Horezu aus versucht Cozma, seine Leute auf den Weg in die nächstgrößere Stadt Rimnicu Vilcea zu bringen. Von dort könnte es über die Berge nach Pitesti gehen. Eine andere denkbare Route führt über Craiova wiederum nach Pitesti. Von dort ist Bukarest relativ schnell über die Autobahn zu erreichen.Das Ziel bleibtVor der gewaltsamen Auseinandersetzung konzentrierte sich das taktische Geplänkel beider Seiten auf Rimnicu Vilcea. Der frühere Bergbauingenieur Cozma hatte von Premierminister Radu Vasile gefordert, zu Verhandlungen in die Stadt zu kommen. Vasile lehnte ab und setzte um die Mittagszeit eine Delegation unter Arbeitsminister Alexandru Athanasiu in Marsch. Wenig später teilt die Führung des Protestmarsches mit, daß sie Gespräche unter diesen Voraussetzungen ablehnt. So heißt das Ziel weiter Bukarest. An der Entschlossenheit von Cozma kann niemand zweifeln. Die Hinweise verdichten sich, daß er zehn- bis 18jährige Kinder in seinem Troß als lebende Schutzschilde mitführt.In Rumänien gilt die Lage mittlerweile als dramatisch. Die großen Fernsehsender berichten live rund um die Uhr. "Ziua" kommt am Donnerstag in Anspielung auf die Sondertruppen mit der Schlagzeile: "Rumänien in den Händen der Generale." Wäre die Führung des Landes, eine Koalition aus mehreren sich bekämpfenden Parteien, sensibler mit dem Thema der Zechenschließungen umgegangen, stünde sie heute wohl stärker da, kommentieren politische Beobachter.Der Marsch der Minenarbeiter erinnert hier viele Menschen an jene Aktionen von Anfang der 90er Jahre und an die Dezemberrevolution von 1989 gegen den Diktator Ceausescu. Das Land erlebt seine größte Krise seit damals. Trotzdem, oder deswegen, verbindet die Bevölkerung durchaus Hoffnungen mit den jetzigen Ereignissen. Zwar werden in Bukarest schon die Rollos vor den Schaufenstern verstärkt, die teuersten Auslagen in Sicherheit gebracht und auch die privaten Autos. Draußen aber, am Rande des Marsches, jubeln viele Leute dem Protestzug zu. Die Kumpel bekommen Feuerholz, Essen und Decken. Das Fernsehen zeigte einen Mann, der ihnen zurief: "Durch euch hoffen wir zu einem besseren Leben zu kommen." Daß es kaum noch um den Streik geht, auch nicht um die ursprünglichen Forderungen, sondern eher um einen Staatsstreich, das scheint in diesem Moment keine Rolle zu spielen. Die meisten Rumänen leben heute materiell unter viel schlechteren Bedingungen als am Ende der Ceausescu-Ära.Miron Cozma jedenfalls steht bereit, die Führung zu übernehmen oder wenigstens eine führende Position. Das Schiltal ist ihm zu eng geworden. Er ist einer der stellvertretenden Vorsitzenden der extrem nationalistischen Großrumänien-Partei (PRM) von Ceausescus ehemaligem Hofpoeten Corneliu Vadim Tudor. Die allgemeine Verschlechterung der Wirtschaftslage hat der PRM in den letzten Monaten zu einem Höhenflug verholfen. Auch die oppositionellen Sozialisten des früheren Präsidenten Ion Iliescu wollen von der Machtprobe mit den Bergarbeitern profitieren und drängen auf vorzeitige Neuwahlen. Innenminister Gavril Dejeu ist bereits zurückgetreten. Präsident Constantinescu, der gern den rumänischen Vaclav Havel darstellen würde, hat zu einer Sondersitzung des Parlaments aufgefordert. Ob das noch einen Sinn hat, werden die nächsten Tage zeigen. Schon jetzt überlegt der Präsident, den Ausnahmezustand auszurufen. Bergarbeiter aus anderen Regionen Rumäniens wollen sich dem Marsch der Männer aus dem Schiltal anschließen.