Das mexikanische Parlament hat Ende letzter Woche den zapatistischen Rebellen ein neues Verhandlungsangebot unterbreitet. Vor Ort im Bundesstaat Chiapas halten sich Hoffnung und Skepsis die Waage.Josefina weiß nicht recht, was sie von der Nachricht aus der Hauptstadt halten soll. Zu viel Widersprüchliches hat sie in den letzten vier Wochen in ihrer Volksküche gehört. "Die Luftwaffe soll mehrere Dörfer bombardiert haben. Ob es wohl stimmt?", fragt sie zweifelnd. Fest steht hingegen, daß Zehntausende Familien in den Dschungel geflüchtet sind, als plötzlich das Militär anrückte. Und noch etwas steht für Josefina felsenfest: "Die kriegen die Zapatisten nie. Der Indio läuft schnell und kennt tausend Wege." Auf der Suche nach Informationen versuche ich bei der "Rebellenregierung" mein Glück, die von unabhängigen Bauernverbänden ausgerufen wurde, um gegen Wahlbetrug der Staatspartei PRI zu protestieren. Als Hauptquartier "beschlagnahmten" sie das Gebäude der ehemaligen Regierungsbehörde für Indiofragen. Ein paar Bauern schieben Wache. Sie durchsuchen mich nach Waffen, dann lassen sie mich herein.Drinnen ist der Fußboden dick mit duftenden Kiefernnadeln ausgestreut, in der Ecke brennen Kerzen unter einem Bild der Jungfrau von Guadalupe. Keine Chance, heute ein Interview zu bekommen, permanente Krisensitzung, wird mir erklärt. Ich bleibe trotzdem und bin schon im Gespräch mit Pedro Gomez, Kaffeepflücker von der Finca "Prusia" - Preußen -, den seine Dorfgemeinschaft hergeschickt hat. "50 000 Soldaten hat die Armee im Laufe eines Jahres nach Chiapas verlegt, ein Drittel ihrer Gesamtstärke. Da sage mir noch einer, es gehe ausschließlich um die Zapatisten." Die Plantage, auf der Pedro Gomez arbeitet, gehört einem Herrn Max Folke von Knopp, Sproß deutscher Kolonisten, die Ende des letzten Jahrhunderts unter der Diktatur von Porfirio Diaz ins Land kamen. Eine der reichsten Pflanzungen in der Gegend, weiß Pedro zu berichten.Ja, die Deutschen, wirtschaften können die eben, sage ich. Pedro holt eine Blechmarke aus der Hosentasche. "Germania" steht darauf und der Name von Herrn von Knopps Großvater. Auch sonst ist alles noch wie vor hundert Jahren unter Don Porfirio: Vier Peso, zwei Mark umgerechnet, bekommt ein Tagelöhner bei Herrn von Knopp - ein Viertel des gesetzlichen Mindestlohns. Die Frauen allerdings nur die Hälfte und die Kinder nur die Hälfte der Hälfte. Pesos sind es ja auch gar nicht, diese Blechmarken, und einkaufen kann man damit nur in den Läden, die dem Patron gehören. "Und für Aufwiegler gibt es auch ein Gefängnis auf der Finca", berichtet Pedro. Se or von Knopp wohnt zur Zeit nicht auf seinem Anwesen. Seine Landarbeiter, die sich in der "Bauernunion Francisco Villa" zusammengeschlossen haben, haben eines Nachts die Wachposten überrumpelt und die Finca besetzt. "Deshalb und nicht wegen der Zapatisten haben sich in Chiapas heute an jeder Straßenecke 20 Soldaten mit einem Maschinengewehr eingegraben." Damit Herr von Knopp und die anderen Patrone ihre Fincas endlich wieder auf "Vordermann" bringen können. Abends, im Hotel, fragt mich ein deutscher Tourist, ob ich ihm nicht ein gutes Buch über die aktuelle Situation in Chiapas empfehlen könne. "Die Rebellion der Gehenkten", sage ich, "von B.Traven. Erschienen 1936. Vermutlich das Aktuellste, was Sie kriegen können." +++

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.