AHLBECK/SWINEMÜNDE. Es sind nur 1 400 Meter neue Eisenbahngleise, aber ihr Symbolwert ist kaum zu überschätzen. Deshalb ist Herbert Gellhorn aus Berlin-Treptow auch am Samstag früh um acht Uhr schon in den Zug nach Heringsdorf gestiegen. Der 80-jährige Herr wollte unbedingt dabei sein, wenn die Eisenbahn auf der Ostseeinsel Usedom zurück in die Zukunft fährt. Von Ahlbeck auf der deutschen nach Swinemünde auf der polnischen Seite der Grenze.Es ist mittags um eins, und Herbert Gellhorn steht zwischen 150 geladenen Gästen auf der Wiese am Bahnhof Ahlbeck-Grenze. Sekt wird gereicht, ein Büfett ist angerichtet. Hundert Meter weiter fängt Polen an.Anschluss an die MetropoleAn diesem Ort mitten im Wald stoppte bislang die bummlige Usedomer Bäderbahn (UBB), ein Tochterunternehmens der Deutschen Bahn, auf ihrem Weg von Wolgast durch die Badeorte. Wer sich Swinemünde angucken wollte, musste aussteigen und sich auf der polnischen Seite ins Taxi oder Pferdefuhrwerk setzen. Die östlich gelegene Hafenstadt gehört seit 1945 zu Polen, während der größere Teil der Insel ein Teil Mecklenburg-Vorpommerns ist. In Swinemünde, polnisch Swinoujscie, leben rund 45 000, im deutschen Teil der Insel nur 30 000 Menschen.Seit dem Wegfall der Grenzkontrollen im Dezember 2007 können Pkw den Übergang auf der Straße passieren. Am Sonnabend sollte nun der erste Zug seit 60 Jahren wieder vom "Kaiserbad" Ahlbeck in die ehemalige Inselhauptstadt fahren.Das Mikrofon steht auf dem Bahnsteig, die Honoratioren aus Deutschland und Polen sprechen von einem Traum, der wahr geworden sei, von gemeinsamen Interessen, von Verkehrsplänen, die seit Jahren hin- und hergewendet wurden. Fast erwartet man das Wort Willy Brandts, das "nun zusammenwächst, was zusammengehört".Mindestens verkehrstechnisch trifft dies zu. Die Schienen zwischen Ahlbeck und Swinemünde waren mit der Grenzziehung nach dem Krieg gekappt worden. "Ab Sonntag werden täglich 30 Züge zwischen beiden Städten unterwegs sein und die Menschen in unserer Region verbinden", sagt nun der Chef der Bäderbahn, Jörgen Boße, Die Finanzierung der 2,3 Millionen Euro teuren Strecke hatte zu 90 Prozent die EU übernommen. Bei der Bahn erwartet man mit dem Anschluss an die polnische Inselmetropole einen Zuwachs an Fahrgästen, in den deutschen Bädern erhofft man sich eine Abnahme des Individualverkehrs."Warum nur spricht keiner über die Geschwindigkeit?", brummelt Herbert Gellhorn aus Berlin. Der alte Herr ist in Swinemünde aufgewachsen und nach dem Krieg nach Berlin gezogen. Damals nannte man Usedom die "Badewanne Berlins". "Heute musste ich viereinhalb Stunden von Berlin hierher fahren, das ist doch irre", sagt Gellhorn. "In meiner Jugend brauchte der Dampfzug keine zwei Stunden."Aber damals fuhr die Bahn auch eine andere Strecke. Hinter Pasewalk, wo es heute nur Richtung Stralsund weitergeht, zweigte ein Gleis nach Ducherow ab, dann führte eine Brücke über den Peenestrom nach Usedom, Swinemünde, Heringsdorf. Wie es scheint, zielt der eisenbahnhistorische Brückenschlag an diesem Tag auch auf eine Renaissance der alten Ostseebahn."Ich wünsche mir, dass wir in den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts wieder genauso schnell sind wie in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts", sagt der Chef der Bäderbahn. Ähnlich sagen es die anderen Redner. Alles sei nun möglich, denn die grenzüberschreitende Bahnverlängerung stelle eine bisher einzigartige Maßnahme bei der EU-Osterweiterung da. In diesem Moment scheint es, als ob die Herren vor allem ein Signal aussenden wollen: Die Badewannenbahn nach Berlin kann kommen.In einer Stunde ans MeerDie Berliner nannten sie in den dreißiger Jahren auch "Strohwitwerexpress", weil arbeitende Männer ihre urlaubenden Familien tagsüber an der Ostsee besuchen und abends wieder zurückfahren konnten. Nach dem Mauerfall von 1989 wurden Gutachten zur Wiederinbetriebnahme der Strecke erstellt, wonach man heute in nur einer Stunde vom Berliner Hauptbahnhof Swinemünde erreichen könnte. Zudem existiert die alte Trasse noch."Das Vorhaben wäre schnell und unkompliziert machbar", sagt Pfarrer Friedrich von Kymmel, Sprecher des Vereins der Usedomer Eisenbahnfreunde. Doch bisher vereitele eine Koalition aus Bahnvorstand, Schweriner und Bundespolitikern die Berliner Ostseebahn. "Der Bahn ist die Investition zu teuer, und in Schwerin hat man Angst, dass die Häfen Wismar, Rostock und Stralsund unter der Konkurrenz von Swinemünde leiden würden."Ein umstrittenes Gutachten ergab im vergangenen Jahr, dass die Strecke angeblich "nicht wirtschaftlich" wäre. Aber es könnte sein, dass die Verlängerung der Bäderbahn nun wieder Schwung in die Sache bringt. "Wir wollen die Wiederbelebung der alten Strecke nach Berlin", so sagt es auch Swinemündes Stadtpräsident Janusz Zmurkiewicz.Dann pfeifen der Stadtpräsident und Otto Ebnet, der Verkehrsminister aus Schwerin, gemeinsam das Signal für die Abfahrt des ersten Zuges von Ahlbeck nach Swinemünde. Herbert Gellhorn betrachtet die Szene nachdenklich und sagt: "Sie sollten an die Geschwindigkeit denken. Die Geschwindigkeit ist entscheidend."------------------------------Ohne umzusteigenDie Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin werden mit der Bahnverlängerung an die polnische Inselmetropole Swinemünde angeschlossen.Die Bäderbahn erhofft sich neue Fahrgäste - Touristen, Pendler, Käufer. Bisher mussten sie an der Grenze in Bus, Taxi oder Pferdekutsche umsteigen.Für Berlin könnte die Verlängerung heißen, dass die Ostseebahn wieder kommt. Studien halten eine Stunde Fahrtzeit ab Hauptbahnhof für möglich.------------------------------Foto: Seit dem Wochenende fährt die Usedomer Bäderbahn nach Polen.