Bereits im März 2009 und dann erneut und detaillierter am 1. Dezember 2009 hat Präsident Obama das Scheitern der Afghanistan-Politik eingeräumt und grundlegende konzeptionelle Korrekturen angekündigt: 1.Terrorismus-Bekämpfung, nicht Demokratie-Aufbau; 2. keine Verengung auf Afghanistan, sondern Ausweitung auf Pakistan; 3. politische Lösungen für die Region durch Teilnahme aller Regionalmächte, auch des Iran. 4. keine Gleichsetzung von Taliban und El Kaida samt Gesprächsangebot an die Taliban; 5. Beginn des militärischen Rückzugs in der Mitte des Jahres 2011.Damit machte Obama die gleichfalls angekündigte erneute Verstärkung der amerikanischen Truppen in Afghanistan zu einem vorübergehend notwendigen Element einer Abzugsstrategie. Niemand kann heute mit Gewissheit vorhersagen, ob dieses Konzept aufgeht. Doch die deutsche Außen-und Sicherheitspolitik sollte Obamas Kurskorrektur als Chance zur notwendigen Umkehr begreifen und nutzen und bei der Londoner Afghanistan-Konferenz entsprechend agieren. Es gilt dem internationalen Terrorismus das Handwerk zu legen. Und Afghanistan beim Aufbau einer neuen inneren Ordnung zu helfen. Und es geht nicht darum, Afghanistan zu regieren.Um mit Terroristen fertig zu werden, werden Terrorismus-Spezialisten benötigt. Diese Anti-Terror-Kräfte müssen befugt sein, in dem Raum zu agieren, in dem das Problem auftritt, also regional, nicht lokal. Gemessen daran ist das deutsche Engagement in Afghanistan völlig falsch aufgestellt: zu viele Soldaten, zu wenig Anti-Terror, viel zu lokal, überdies durch operative Vorgaben des Parlaments unbeweglich.Für den Um- und Aufbau Afghanistans muss der Grundsatz gelten: Afghanistan ist zuerst die Verantwortung der Afghanen. Sie müssen ihre eigene Ordnung finden und sie gemäß ihrer kulturellen Eigenheiten leben - nicht aber veranlasst werden, unsere Rezepte anzuwenden. Inhalt und Ausmaß der Hilfe, die von der internationalen Staatengemeinschaft dazu geleistet werden kann, muss sich am afghanischen Bedarf messen, nicht an dem der helfenden Staaten.Aus den Hauptzielen - Terrorismus regional bekämpfen; Sicherheit in Afghanistan herstellen - ergeben sich drei unmittelbare Konsequenzen: 1. Aufbauhilfe für die öffentliche Versorgungs-Infrastruktur sollte nur noch in dem Maße erfolgen, wie sie durch afghanische Kräfte geschützt werden kann. Ohne derartigen Zwang zur Selbsthilfe entsteht kein nachhaltiger Aufbau, gegründet auf Eigenverantwortung. 2. Der Abzug der Interventionsstreitkräfte muss terminiert und begleitet werden von einer deutlich größeren Aufbau-Hilfe für afghanische Polizei und nationale Streitkräfte. Eine sofortige wesentliche finanzielle Entlastung ist also nicht zu erwarten. 3. Deutschland muss neu bestimmen, in welchem geografischen Raum und personellen Umfang eine Mitwirkung an der Terrorismus-Bekämpfung den deutschen Interessen sowie den Pflichten in der EU und in der Atlantischen Allianz entspricht.Als Hauptantreiber eines internationalen Engagements in Afghanistan muss Deutschland ganz besonders darauf achten, dass die bewährten Grundsätze deutscher Außen- und Sicherheitspolitik eingehalten werden: keine Alleingänge oder Sonderwege; keine Überraschungen oder überstürzten Handlungen; keine innenpolitischen Opportunismen zu Lasten außenpolitischer Solidität.------------------------------Foto: Walther Stützle, Publizist, Honorarprofessor in Potsdam