ROM. Plötzlich ging alles sehr schnell. Vor ein paar Tagen noch hatte Giancarlo Galdiolo mit Freunden Fußball gespielt. Dann bemerkten seine Kinder, dass der Vater immer unruhiger wurde. Wenige Monate später, im März 2010, war der ehemalige Verteidiger und Publikumsliebling des AC Florenz dann schon ein anderer Mensch. Er brachte kein Wort mehr hervor, konnte sich kaum noch bewegen. Heute ist Galdiolo, 61, nach zehn Schritten todmüde. Vier üppige Mahlzeiten am Tag nützen nichts. Galdiolo nimmt trotzdem ab.Die Ärzte diagnostizierten eine "Frontotemporale Demenz", eine seltene Krankheit, bei der sich die Persönlichkeit drastisch verändert, Geist und Körper rapide abbauen. Galdiolos Kinder wandten sich an die Öffentlichkeit, um Hilfe für ihren Vater zu bekommen. Bald war die Rede vom "Fluch der Fiorentina". Denn Galdiolo, der zwischen 1970 und 1980 für den AC Florenz 229 Mal in der Serie A spielte, ist nicht der einzige ehemalige Fußballer dieses Vereins, der unter mysteriösen Umständen erkrankte.Fünf Spieler aus den Siebzigerjahren sind teilweise schwer krank. Drei Spieler aus dieser Zeit sind bereits verstorben. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Florenz im Fall Galdiolo. Staatsanwalt Luigi Bocciolini glaubt, dass systematisches Doping der wahre Grund für den vermeintlichen Fluch ist. Bocciolini führte schon die Ermittlungen im Fall Bruno Beatrice. Beatrice, zwischen 1973 und 1976 Teamkollege Galdiolos, starb 1987 mit 39 Jahren an Leukämie. "Er ist mit Schaum vor dem Mund gestorben", erzählte seine Witwe. "Er war ein veränderter Mensch. Das Einzige, was ihm von damals geblieben ist, waren die Einstiche am linken Arm."Die Ermittlungen Bocciolinis hatten ergeben, dass Doping in der Serie A damals auch mangels entsprechender Gesetzgebung an der Tagesordnung war. Die Spieler wurden unter anderem mit Wachstumshormonen vollgepumpt. Beatrice, so Bocciolinis These, sei an Leukämie erkrankt, weil eine harmlose Schambeinverletzung mit einer intensiven Röntgenbehandlung geheilt werden sollte. Der Fall, in dem unter anderem gegen den früheren Trainer Carlo Mazzone wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt wurde, musste im Jahre 2009 wegen Verjährung eingestellt werden.Auch die anderen Todesopfer spielten mit Galdiolo Anfang der Siebzigerjahre zusammen. Nello Saltutti erlag 2003 im Alter von 56 Jahren einem Infarkt, Ugo Ferrante starb 2004 an einem Tumor. Er war nur 59 Jahre alt geworden. Über fünf andere ehemalige Spieler wurden schwere, unterschiedliche Leiden wie Tumore, Herzrhythmusstörungen, ein Gehirnabszess und eine Nierenerkrankung bekannt."Es gibt wissenschaftlich gesehen keine zwingende Kausalität zwischen dem Doping und den spezifischen Krankheiten dieser Spieler", sagt der angesehene Dopingexperte und Prozess-Gutachter Dario D'Ottavia. Die Situation sei anders zu beurteilen, wenn etwa alle Spieler an derselben Krankheit erkrankt wären. Nur im Fall Beatrice sieht D'Ottavia den Nachweis gegeben. Den "Fluch der Fiorentina" erklärt D'Ottavia mit "Zufall". "Wenn Doping der Grund ist, müssten doch viel mehr Mannschaften betroffen sein", sagt er.Wie Schlachtvieh behandeltTatsächlich gibt es seltsame Krankheitsfälle auch bei ehemaligen Spielern der Vereine aus Como, Bologna, Mailand und Cesena. Auffällig viele leiden an der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) oder sind an ihr verstorben. Unter den Experten gibt es keinen Zweifel, dass in der Serie A gedopt wurde. Erst im Jahr 2007 stellten die Richter des Kassationshofs in Rom fest, dass die medizinische Abteilung sowie das Management von Juventus Turin ihre Spieler zwischen 1994 und 1998 nach einem "kriminellen Plan" systematisch dopten. "Sie haben uns vollgepumpt und wie Schlachtvieh behandelt", sagt auch der ehemalige Milan-Stürmer Carlo Petrini, heute 62. Er hat zwei Tumore und ist fast blind. "Das Problem ist, dass keiner sprechen, sehen oder auch nur nachdenken will."Staatsanwalt Bocciolini will Galdiolo nun nach seinen Erfahrungen befragen. Das wird angesichts dessen Gesundheitszustands kaum möglich sein. Galdiolos Sohn Alessandro, selbst ein Halbprofi, wurde neulich gefragt, ob der Vater während seiner Karriere gedopt worden sei. "Nein, im Gegenteil", antwortete der Sohn. "Er forderte mich auf, niemals irgendetwas zu nehmen."------------------------------Foto: Ein Dopingopfer? Giancarlo Galdiolo ist heute nach zehn Schritten todmüde.