Aufgewachsen in Neukölln, ausgebildet in Kairo - Ferid Heider ist der jüngste Imam Deutschlands und für manche eine Art Popstar: Fest im Glauben, locker im Umgang

BERLIN. In der Caféteria des Islamischen Kulturzentrums in Berlin-Neukölln ist es Ferid Heider schon nach wenigen Minuten zu laut. Wie auch in Restaurants und Cafés der arabischen Länder üblich, läuft hier der Fernseher pausenlos. Das stört den 29-Jährigen, schließlich will der Imam, wohl der jüngste in Deutschland überhaupt, über Gott und den Koran sprechen, über seinen Glauben. Dazu braucht er die Ruhe des zu dieser Stunde leeren Gebetsraumes zwei Etagen höher. Dort ist sein unmittelbarer Arbeitsplatz. Aber eigentlich wird das gesamte Leben des Imam von der Religion bestimmt.Das war längst nicht immer so. Als Jugendlicher tobte Ferid Heider durch die Straßen seines Viertels in Neukölln, er hörte Techno, rauchte hin und wieder Haschisch. Das Weltliche war seine Welt. Die zehnte Klasse des Gymnasiums schaffte er gerade so. Sein irakischer Vater, "er ist nicht besonders religiös", wie Heider sagt, wollte aber, dass sein Sohn die Sprache seines Herkunftlandes ordentlich lernt und schickte ihn für ein Jahr auf eine Schule aus dem Umkreis der Al-Azhar-Universität in Kairo. Wenn Heider sagt, das sei "die bekannteste Uni in der islamischen Welt", ist sein Stolz nicht zu überhören. Das Jahr verging, dann noch eines und am Ende waren es fünf Jahre, die er in Ägypten verbrachte. Ferid Heider fühlte sich mehr und mehr hineingezogen in die islamische Welt. In Ägypten hat er die Religion entdeckt, die ihn bis heute nicht loslässt.Zurück in Berlin leistete er zunächst seinen Zivildienst als Altenpfleger, bevor er für vier weitere Jahre an einem arabischen Institut in Frankreich zum Imam ausgebildet wurde. Heute studiert er im zweiten Semester an der Freien Universität in Berlin im Fach Arabistik. Seine Mutter, eine polnischstämmige Katholikin, habe keine Probleme damit, dass er sich bei der Wahl zwischen den beiden Weltreligionen nicht für die ihre entschied, erzählt er: "Ihre Vorstellungen von Gott stehen dem Islam sehr nahe." Heider wäre froh, wenn sie Muslimin würde, denn "man findet sein Heil nur im Islam", findet er, aber letztlich sei es eine Gewissensfrage, die jeder selbst entscheiden müsse.Trotz seiner dezenten dunklen Kleidung ist Heider nicht sofort als streng gläubiger Muslim zu erkennen. Anders als im Islam die Regel, reicht er Frauen zur Begrüßung die Hand. Heider gibt sich locker, gerade, wenn es um Religion geht. Der junge Imam, das merkt man deutlich, möchte mit Vorurteilen aufräumen. Denn erst Anfang dieses Monats hat es Streit gegeben um ihn, um sein islamisches Zentrum, seine Gemeinde - wieder einmal. Es geht um einen von der Berliner Schulbehörde nicht autorisierten, dennoch bekannt gewordenen Entwurf einer Lehrer-Handreichung zum Umgang mit muslimischen Schülern. Auf acht von insgesamt hundert Seiten ist ein Interview mit dem jungen Imam zu lesen. Allein diese Tatsache genügte dem Berliner Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu, selbst türkischer Herkunft, dem Senat "Blauäugigkeit" vorzuwerfen. Mutlu nennt Heider einen Repräsentanten des politischen Islam und spricht von einer Nähe zu diversen radikalen Sekten des Islam - Heider sei einer der Letzten, den er zum Thema Islam konsultieren würde. Heiders Gesprächspartner, der Wissenschaftler Stephan Rosiny, verteidigt indes sein Herangehen damit, dass Ferid Heider eine "wichtige Persönlichkeit mit großem Einfluss" sei. Seine Kritiker sehen in ihm schlicht einen Islam-Popstar.Die Diskussionen um Heider beziehen sich zumeist darauf, dass das ein wenig versteckt in einem Hinterhof gelegene islamische Kulturzentrum in der Grauzone zwischen konservativ-orthodox und fundamentalistisch angesiedelt ist.Das hatte auch den Verfassungsschutz misstrauisch gemacht. Dieser geht in seinen Berichten davon aus, dass sich in Heiders Zentrum Anhänger der in Ägypten gegründeten umstrittenen Muslimbruderschaft treffen - eine Gruppierung, die der radikalen Hamas nahe stehen soll und die die Trennung von Staat und Religion strikt ablehnt.Der Imam räumt ein, persönlich Beter von der ebenfalls in Neukölln gelegenen Al-Nur-Moschee zu kennen. Die Sicherheitsbehörden sehen in der Al-Nur-Moschee einen von zwei Berliner Treffpunkten sehr radikaler Islamisten. In den Jahren 2003 und 2005 gab es in den Räumen Polizeirazzien, weil Ermittler dort Terrorverdächtige vermuteten. "Eine problematische Einrichtung", wie der Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky sagt. Offizielle Kontakte der umstrittenen Moschee mit dem islamischen Kulturzentrum existieren indes wohl nicht.Oder doch? "Mehr als immer wieder verneinen kann man nicht", sagt Heider. Traurig und unsäglich findet er es, dass seine Person und das Zentrum regelmäßig mit der Muslimbruderschaft und anderen radikalen Gruppen in Verbindung gebracht werde. Der Imam klingt tatsächlich nicht besonders radikal, wenn er seine Ansichten äußert. Gerade beteiligt sich seine Moschee an einer neu gegründeten Initiative gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde. Schon immer sei sein Zentrum dagegen gewesen, aber nicht in dieser Deutlichkeit und nicht mit einer direkten Kampagne. Den Besuchern der Moscheen soll gesagt werden, dass Zwangsheiraten zwar nicht nur ein islamisches Problem seien, sie aber eben auch nicht gut geheißen werden. Mitgetragen wird die Aufklärungsaktion von erzkonservativen Organisationen wie der Islamischen Föderation und Milli Görus gemeinsam mit der traditionellen Union der Religionsanstalten aus der Türkei. Es ist eine bisher einmalige Zusammenarbeit, die sich auf fünf europäische Städte erstreckt. In diesem Herbst werden erste Diskussionen und Seminare zum Thema angeboten.Um dem Misstrauen der Behörden gegenüber seinem islamischen Kulturzentrum zu begegnen, lädt Ferid Heider regelmäßig Polizisten zu Vorträgen ein. Sie können verstehen, was er sagt, denn in den Veranstaltungen wird oft deutsch gesprochen. Weil die Zahl deutschsprachiger Muslime stetig steigt, hält Ferid Heider im Gottesdienst, bei dem er zum Freitagsgebet bis zu achthundert Gläubige um sich schart, die erste Hälfte der Predigt auf deutsch und nur den zweiten Teil auf arabisch. Wer nicht mitkommt, erhält über Kopfhörer eine Simultanübersetzung. In zehn Jahren, sagt Ferid Heider, wird die deutsche Sprache in den Moscheen noch viel wichtiger werden. Zum einen wegen der nachwachsenden dritten und vierten Generation der Zuwandererfamilien, zum anderen wegen der wachsenden Zahl an Konvertiten.Imam Heider sagt, dass er Missverständnisse auf jeden Fall vermeiden möchte. Aber dauernd gibt es neue Missverständnisse, die er ausräumen muss. Am liebsten würde er einfach nur seinen Glauben erklären und von Gott erzählen, "meinem Schöpfer, dem ich Dankbarkeit zeigen möchte."Dieser Gott habe ihn mit Gaben überhäuft und ihm alles geschenkt, sagt er, einschließlich einer Frau und einer inzwischen zweieinhalbjährigen Tochter. Seine Frau kommt aus einer türkischen Familie. Der Islam gebe zudem konkrete Antworten: sich an die Gebote zu halten, sich von Verboten fern zu halten. Ganz einfach also. Der Gottesdienst umfasse das ganze Leben, nicht nur das Beten fünf Mal am Tag. Ein Muslim dürfe beispielsweise nicht über andere lästern und nicht über moralisch verpönte Themen reden.Dazu gehöre, nicht über Frauen schlecht zu sprechen und sich keine Filme anzuschauen, die "nicht in Ordnung" seien. Wenn es um solche Fragen geht, redet Heider sehr schnell, vielleicht aus Routine, vielleicht auch, um Zwischenfragen zu vermeiden. Man merkt, dass er gern die Themen vorgeben möchte. Wenn der Name des Propheten Mohammed fällt, schiebt er den für Muslime obligatorischen Satz "Der Friede sei mit ihm" ein, mitunter fällt aber auch der schlichte Berliner Satz "Ich sage mal ganz ehrlich."Der Imam fühlt sich als ein Bürger des Westens, auch was seine Religionsausübung betrifft: "Wir können hier unsere Religion freier als in arabischen Ländern leben." In islamischen Staaten könnten nicht so ohne weiteres Vereine gegründet werden. Ferid Heider widerspricht jedoch Thesen, wonach es im Islam, im Gegensatz zu den anderen Weltreligionen, nie Reformbewegungen gegeben habe. Der Imam zählt aus dem 19. und 18. Jahrhundert unter anderem Jemal Ad-Din el Afghani und Mohammed Abdu auf.Überhaupt klingen seine Interpretationen des Islam ziemlich versöhnlich. Jeder Mensch, Mann und Frau, dürfe einen Gottesdienst leiten. Dafür, dass Frauen nur vor Frauen auftreten, hat er eine simple Erklärung. Das hängt mit der Körperhaltung der Frau beim Verneigen zum Gebet zusammen. Dieser Anblick wäre den Männern nicht sehr zuträglich. "Zwischen den Geschlechtern sollte es eine gewisse Distanz geben - besonders in Gottesdiensten", sagt der Imam. Bei der Scharia, dem islamischen Recht, würden manche nur daran denken, dass dem Delinquenten die Hand abgehackt werde. Tatsächlich bedeute Scharia "Weg zur Quelle", hin zu Gott, und stehe seiner Ansicht nach also keineswegs im Widerspruch zum Grundgesetz. Der Koran lasse sogar die Gewissensfreiheit zu.Heider vertritt hier die Position des Deutschen Islamforums. In einigen arabischen Ländern wird die Scharia so ausgelegt, dass Frauen wegen Ehebruchs hingerichtet werden. Zur Stellung der Frau im Islam sagt der Imam: "Ein ganz großes Problem, es ist nicht gerade so, wie es sein sollte." Vieles sei über die Jahrhunderte verwurzelt. Oft habe es der Hodscha, der Vorbeter in Moscheen, selbst nicht anders gelernt.Nur in der Kopftuchfrage bleibt der junge Imam hart. Nicht eine Spur weicht Heider davon ab, dass "Haare und Hals" bei einer Frau obligatorisch zu bedecken seien. "Das lässt sich aus den Koranversen belegen, relativ eindeutig". Natürlich weiß er von jungen Mädchen, die sich nach dem Verlassen des Elternhauses an der nächsten Ecke das Kopftuch abmachen. Er kontert: "Es gibt aber auch Familien, in denen es genau umgekehrt ist."Oft hat es der Imam mit ganz praktischen Problemen zu tun. Am gestrigen Montag hat der Fastenmonat Ramadan mit seinen strengen Regeln begonnen, in diesem Jahr besonders früh und ausgerechnet zum Schulbeginn. "Da muss man Kompromisse finden", meint Heider. Für ihn bedeutet das, dass Eltern ihre Sieben- oder Achtjährigen nicht unbedingt zum Fasten verpflichten sollten, wohl aber Kinder von der Pubertät aufwärts. Eine andere Möglichkeit wäre es, bis zum Nachmittag auszuhalten oder nur an den Wochenenden mit den Eltern zu fasten. Nichts, sagt der Imam, dürfe mit Zwang geschehen.------------------------------"Wir können hier unsere Religion freier als in arabischen Staaten leben." Ferid Heider------------------------------Foto: Der Imam Ferid Heider an seinem Arbeitsplatz: der Gebetsraum im Islamischen Kultur- und Erziehungszentrum in Berlin-Neukölln.