Kiew - Petro Poroschenko ist erst seit sechs Wochen im Amt. In dieser kurzen Zeit hat der ukrainische Präsident Ausnahmesituationen politisch managen müssen, mit denen andere Staatschefs in sechs Jahren nicht konfrontiert werden. Am Sonntag verschafft sich Poroschenko Luft, indem er seinen Gegnern ein „doppeltes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vorwirft. Zunächst hätten die prorussischen Separatisten im Osten des Landes eine Passagiermaschine abgeschossen. „Nun vergehen sie sich an den Leichen der Opfer“, erklärt der Präsident drei Tage nach der Tragödie von Flug MH 17.

Separatisten bedrohen Internationale Experten

Tatsächlich können oder wollen die kremltreuen Kämpfer, die das Geschehen an der Absturzstelle kontrollieren, einen menschenwürdigen Umgang mit den Toten nicht gewährleisten. Erst recht zeigen sie kein Interesse daran, schnell eine unabhängige Untersuchung der Katastrophe zu ermöglichen, wie sie weltweit gefordert wird – auch vom russischen Präsidenten Wladimir Putin. Stattdessen schaffen sie am Wochenende Wrackteile fort, transportieren auf eigene Faust Leichen ab, feuern in die Luft und bedrohen internationale Experten, darunter die Beobachter der OSZE.

„Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet“, sagt der Sprecher der OSZE-Mission, Michael Bociurkiw. „Dutzende schwer bewaffnete Kämpfer beobachten jeden unserer Schritte.“ In Kühlwaggons bringen sie Leichen von der Fundstelle in die nahe Stadt Tores und verhindern eine professionelle Beweisaufnahme. Nach einem dreitägigen Verwirrspiel um die Flugschreiber der Boeing 777 erklären die Separatisten zudem, sie hätten die Geräte nach Donezk gebracht. Manipulationen sind damit Tür und Tor geöffnet. Nach Angaben der Rettungskräfte wurden bis Sonntag bereits 219 Leichen gefunden.

Aufklärung ist unklar

An die ursprünglich angekündigte Waffenruhe halten sich die Milizen offenbar nicht. Nach ukrainischen Medienberichten nehmen Einheiten der Separatisten am Sonntag die Flughäfen von Donezk und Lugansk unter Beschuss. Vor diesem Hintergrund wird immer fraglicher, ob die Geschehnisse rund um Flug MH 17 jemals vollständig aufgeklärt werden können.

Der Stand der Ermittlungen ist am Sonntagabend allerdings noch annähernd derselbe wie am Freitag. Fast alle Indizien sprechen dafür, dass die Separatisten die Boeing mit 298 Menschen an Bord mit russischen Boden-Luft-Raketen abgeschossen haben. Nicht zuletzt US-Geheimdienste sind sich nach Auswertung von Satelliten- und Radaraufnahmen in ihrer Einschätzung sicher. Dennoch stützt sich die Beweisführung vorerst lediglich auf starke Indizien.

Vorwürfe gegen Russland

Dennoch hat die US-Regierung Russland am Sonntag eine Mitverantwortung am Absturz zugewiesen. Es sei „ziemlich klar“, dass das gegen Flug MH17 eingesetzte Abschusssystem „von Russland in die Hände der Separatisten gelangte“, sagte US-Außenminister John Kerry. Die Washington Post berichtete, dass US-Geheimdienste vor gut einer Woche Hinweise darauf erhalten haben, dass die Boden-Luft-Raketen den prorussischen Rebellen zur Verfügung gestellt worden seien.

Auch der Nationale Sicherheitsrat der Ukraine (SNBO) teilte am Sonntag mit, dass die Rebellen über die nötigen modernen Waffen verfügen. Und warf Russland vor, die Separatisten weiter mit schweren Waffen zu versorgen. Überprüfbar sind diese Angaben nicht. (mit dpa, AFP)