Den Kommunismus malte sich Karl Marx als Reich der Hobbys aus. Die Gesellschaft werde es dem einzelnen Menschen ermöglichen, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, mittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden". Nun schickt sich der Kapitalismus an, das Marxsche Ideal ohne Revolution selbst zu verwirklichen. Vom Joch eines lebenslänglich wie eine Strafe verhängten Berufs wird man fast automatisch befreit in die Arbeitslosigkeit.Sozialwissenschaftler und Politologen versuchen seit langem, dem Ende der klassischen Arbeitsbiografien etwas Positives abzugewinnen. Der marxistische Traum vom nicht entfremdeten Arbeiten taucht im soziologischen Entwurf der Bastelbiografie wieder auf. Nach diesem Konzept soll jeder zum flexiblen, abenteuerlustigen Unternehmer seines Lebens werden und kurzfristig die Jobs ergreifen, wie sie gerade fallen. Das klassische Modell des Lebenslaufs mit der Dreiteilung Ausbildung, Arbeit, Ruhestand wird sich demnach auflösen; die Bildung wird über die ganze Lebenszeit ausgedehnt als permanente Anpassung an den technologischen Wandel. Die Phasen freier Zeit zwischen den losen Jobs, den "Projekten", wie die Berufsfuturologie sie nennt, könnte man dazu nutzen, mit Nachbarn in gleicher Lage die verwahrloste Grünanlage herzurichten, die Jugend im Fußball zu trainieren oder die Schule der Kinder neu anzustreichen. Statt schon mittags vor dem Fernseher zu sitzen, könnte man in Leihbibliotheken all die schönen Bücher lesen, zu denen der Lohnknecht nicht kommt; Fachliteratur wartet dort nur darauf, ihre Leser für den nächsten Job zu qualifizieren. Protest gegen die Heiße Tasse"Patchwork-Biografien" heißen in der Soziologie solche Lebenslauf-Muster, nach dem englischen Wort für Flickwerk. Vom Ende emsig gebauter Karrieren läßt sich leicht schwärmen, wenn wenn man selber eine geradlinige Professorenlaufbahn zurückgelegt hat. Bei der dreitägigen Konferenz des Berliner Wissenschaftskollegs zu Vergangenheit und Zukunft der Arbeit gab es viel Patchwork-Euphorie, aber auch beträchtliche Skepsis. Für die sogenannte "Bürgerarbeit", die unbezahlte, nur durch soziale Anerkennung abgegoltene ehrenamtliche Tätigkeit "gibt es kein Vorbild im genetischen Pool der Industriegesellschaft", meinte der Soziologe Claus Offe. Für eine lange Übergangszeit bleibe die Mehrheit der Menschen auch dann von der Erwerbsarbeit geprägt, wenn sie sie nicht mehr ausüben. Ihr Zeitverständnis sei derart vom Regiment der Lohnarbeit geprägt, daß Freizeit zum tragischen Geschenk werde. Entfremdete Arbeit, sagte der Anthropologe Christopher Hann, schaffe auch entfremdete Arbeitslose. Die Kreativität, Zeit nicht als Langeweile und Armut nicht als Elend zu erleben, brächten nicht viele Menschen auf. Zur ästhetischen Belebung der Konferenz hatten die Berliner Künstler Jutta Sartory und Ingo Kratisch in einem Nebenraum einen Eßtisch mit "antikem" Geschirr und Besteck aus ihrem Besitz ausgestellt. Der lange Tisch war für ein Mahl mit acht Gästen einladend gedeckt und mit zwei Flaschen roten Clos de Torriba, Jahrgang 1996, versehen ein Denkmal wahrer Lebensart nach Art der Toskana-Fraktion, ein stiller Protest gegen die Heiße Tasse von Unox. Ingo Kratisch hatte das beschädigte Geschirr in Trödelläden gesammelt und die Scharten des Porzellans wie ein Zahnarzt mit Silber plombiert. Der liebevoll gedeckte Tisch und die sorgfältig restaurierten, eigentlich wertlosen Objekte illustrieren einen Begriff von Arbeit, der sich mit der kapitalistischen Rationalität nicht deckt und die Würde beharrlicher Mühe als Voraussetzung geglückten Privatlebens darstellt.Der Tisch illustrierte aber auch die Tendenz der Konferenz, den Lebensstil des akademischen Milieus auf die gesamte Gesellschaft zu projizieren. Beredter noch als die Vorträge zeigte er, wie sehr die kritischen Intellektuellen in Deutschland heute auf sich selbst fixiert sind und es vermutlich immer waren: die Arbeiterfilme, die Ingo Kratisch in den frühen siebziger Jahren drehte, fanden ihre Resonanz fast ausschließlich unter Studenten.Den Künstler zum Vorbild künftiger Arbeitsbiografien zu erheben, wie es Günther Schmid in einem Vortrag tat, geht an den Lebensansprüchen der Mehrheit ebenso vorbei wie an den Ansprüchen der Kunst. Das Ideal vom neuen Lebenskünstler endet in solchen Entwürfen bereits im biedermeierlichen Idyll, bevor es überhaupt verbreitete gesellschaftliche Realität geworden ist. Zu dieser Selbstbezüglichkeit paßte es, daß die Konferenz sich fast auschließlich auf den Arbeitsmarkt bezog. Das Scheitern des Sozialismus hat jede Systemalternative derart desavouiert, daß nicht einmal die Historiker, die sich während der Konferenz mit Themen wie Frauenarbeit beschäftigten, der Geschichte der DDR auch nur einen Gedanken widmeten. Auch die Arbeitsbedingungen, die Perspektive aus dem Innern der Betriebe, wurden kaum thematisiert. "Es herrscht hierzu eine bedrückende Stille auf der Konferenz", sagte der Sozialwissenschaftler und einstige Gewerkschafter Ravi Ahuja. VagabundengesellschaftSo war es am Ende dem britischen Philosophen John Gray vorbehalten, das Thema der Arbeit mit dem des Eigentums auf dem Weltmarkt zu verkoppeln, während der amerikanische Soziologe Richard Sennett die Erosion des Gemeinwesens durch die Flexibilisierung der Arbeit darstellte. Mit leiser Stimme schlug er die Zuhörer in Bann und vergällte den Fortschrittsoptimismus durch düstere Prophezeiungen: Ausgerechnet jene Ökonomie verspreche die größte Zukunft, die die soziale Bindung zwischen den Menschen zerstöre. Die Arbeit in kurzfristig angeheuerten Teams entsolidarisiere die Menschen und vermindere die Wahrnehmung gesellschaftlicher Zusammenhänge des Wettbewerbs. Da die neuen Jobjäger sich als vagabundierende Kleinstunternehmer fühlten, können sie ihre Abhängigkeit zwar spüren, aber nicht erfassen. Kollektiver Widerstand ist in einer flexibilisierten Gesellschaft ebenso unmöglich wie die Wahrnehmung von Verantwortung durch die Firmenleitung. Leistungsprobleme werden nicht wie in langfristigen Lohnverhältnissen durch Kritik und Ermahnung gelöst, sondern durch Beendigung des Honorarvertrags. Dann kann man wieder fischen gehen und am Stammtisch kritisieren. Falls es dann noch Stammtische gibt.