Aus Anlass des "Anonyma"-Films: über die sowjetischen Massenvergewaltigungen in Deutschland: Als die Russen kamen

Lange, sehr lange hat es gedauert, bis die Kriegsverbrechen der Roten Armee im Jahr 1945 ein Thema in Deutschland wurden. Die Angst, aus Tätern Opfer zu machen, hat viele davon abgehalten, sich dem Leiden der Frauen, Kinder und Alten beim Einmarsch der sowjetischen Truppen zuzuwenden. Da niemand ihre Erlebnisse hören wollte, blieben sie mit ihren traumatischen Erinnerungen allein. Max Färberböck hat in seinem Film "Anonyma" das Grauen erstmals auf die Leinwand gebracht (siehe Berliner Zeitung vom 22. Oktober).Der Film beruht auf dem Tagebuch der Journalistin Marta Hiller, das sie Ende der Fünfzigerjahre anonym veröffentlichte. Emotionslos beschreibt sie darin ihr Leben in Berlin zwischen dem 20. April und dem 22. Juni 1945. Als die ersten Sowjetsoldaten den Luftschutzkeller ihres Hauses betraten, wurde sie das erste Mal vergewaltigt. Noch am selben Tag missbrauchte sie erneut ein Rotarmist. Nachdem sie ein weiteres Mal brutal vergewaltigt wurde, stellte sie sich einem Offizier als Sexualobjekt zur Verfügung - um vor anderen Übergriffen geschützt zu werden.Als die Rote Armee Berlin eroberte, waren die deutschen Frauen Freiwild. Zwischen April und Juni 1945 wurden mindestens 100 000 Frauen und Mädchen vergewaltigt, viele von ihnen mehrfach. Schätzungsweise 10 000 Frauen kamen bei den Übergriffen oder in deren Folge ums Leben, etwa genauso viele wurden schwanger. Rund fünf Prozent aller Neugeborenen in der ersten Hälfte des Jahres 1946 waren so- genannte Russenkinder.Die Ereignisse in Berlin waren nur der Schlusspunkt einer grausamen Erfahrung. Nach dem Überschreiten der deutschen Reichsgrenze ging die Rote Armee mit unvorstellbarer Brutalität gegen die Zivilbevölkerung vor. Zehntausende wurden willkürlich getötet, schätzungsweise zwei Millionen Frauen und Mädchen vergewaltigt, ein Großteil der Gebäude geplündert und verwüstet. Insgesamt starben etwa 2,5 Millionen Deutsche durch Flucht, Vertreibung oder Verschleppung.Die damaligen Exzesse sind in Deutschland lange Zeit verdrängt worden. Sie passten nicht zum Bild der Befreiung vom Nationalsozialismus. Der hohe Blutzoll, den die Sowjetunion entrichtet hatte, verbot es, über deren Kriegsverbrechen zu sprechen. Dabei stand an ihrer Spitze ein skrupelloser Diktator, der auch im eigenen Land Millionen Unschuldige ermorden ließ.Die Massenvergewaltigungen werden oft bis heute als spontane Vergeltung für die deutschen Verbrechen in Russland erklärt - und damit indirekt gerechtfertigt. Dabei wird übersehen, dass es sich nicht um vereinzelte Exzesse traumatisierter Soldaten handelte. In Wirklichkeit handelte es sich um systematisch verübte Verbrechen, für die die damalige sowjetische Führung die Verantwortung trägt.Der Gedanke an Vergeltung war den Rotarmisten regelrecht eingepflanzt worden. Insbesondere der Schriftsteller Ilja Ehrenburg schrieb laufend Texte für die Front, in denen die Soldaten zu grausamer Rache aufgefordert wurden: "Wenn du nicht im Laufe eines Tages wenigstens einen Deutschen getötet hast, so ist es für dich ein verlorener Tag gewesen", heißt es in einem seiner rund 3 000 Aufrufe und Artikel. "Töte den Deutschen! - dieses bittet dich deine greise Mutter. Töte den Deutschen! - dieses bitten dich deine Kinder. Töte den Deutschen! - so ruft die Heimaterde. Versäume nichts! Versieh dich nicht! Töte!"Kaum anders klangen die militärischen Direktiven. Am Tag des Angriffs auf Ostpreußen befahl Marschall Tschernjakowski: "Zweitausend Kilometer sind wir marschiert und haben die Vernichtung all dessen gesehen, was wir in zwanzig Jahren aufgebaut haben. Nun stehen wir vor der Höhle, aus der heraus die faschistischen Angreifer uns angegriffen haben. Wir bleiben erst stehen, nachdem wir sie gesäubert haben. Gnade gibt es nicht - für niemanden, wie es auch keine Gnade für uns gegeben hat. . Das Land der Faschisten muss zur Wüste werden."Die sowjetische Führung zog damit die Lehren aus dem militärischen Desaster beim Überfall der Wehrmacht 1941. Hunderttausende Rotarmisten hatten sich damals ergeben, so dass bis Jahresende mehr als zwei Millionen in Gefangenschaft waren. Nach den Jahren des stalinistischen Terrors hatten nicht wenige die Wehrmacht als Befreier begrüßt.Statt an sozialistische Überzeugungen appellierte die Frontpropaganda deshalb an den Patriotismus der Soldaten: Mütterchen Russland und die Frauen und Kinder zu Hause mussten vor den brandschatzenden und mordenden Deutschen geschützt werden. Als sie endlich herausgedrängt waren, bedurfte es eines neuen Ziels, um die abgekämpften Soldaten zu motivieren. Die Aussicht auf Rache an den "Fritzen" sollte sie bis nach Berlin tragen.Überall in Deutschland durften sich die Rotarmisten an den Besitztümern des Feindes befriedigen. Dafür hielten sie auch und gerade die deutschen Frauen. Die Vergewaltigungen fanden nicht heimlich, sondern vielfach im Beisein von Vorgesetzten oder Kameraden statt. Als sich Marta Hiller beim Kommandanten beschwerte, gab dieser zur Antwort: "Ach was, es hat Ihnen bestimmt nicht geschadet. Unsere Männer sind alle gesund." Nach einiger Zeit wurden die Vergewaltigungen dann im Regelfall verboten.Die Militärs rechtfertigten die Gewalttaten sogar öffentlich. In einem Interview erklärte der damalige Vizechef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, Marschall Sokolowski, im Juni 1945: "Jeder unserer Soldaten hat Dutzende seiner Kameraden verloren. Jeder von ihnen hat seine persönliche Rechnung mit den Deutschen zu begleichen, und im ersten Rausch des Sieges empfanden unsere Soldaten eine gewisse Genugtuung, wenn sie es den Frauen dieses ,Herrenvolks' zeigen konnten."Das Einverständnis damit reichte bis zu Stalin. Wie der jugoslawische KP-Funktionär Milovan Djilas berichtete, kommentierte der sowjetische Diktator Beschwerden über die Verbrechen der Roten Armee auf dem Balkan, mit den Worten: "Kann er es nicht verstehen, wenn ein Soldat, der Tausende von Kilometern durch (Fortsetzung auf Seite 28) (Fortsetzung von Seite 27) Blut und Feuer und Tod gegangen ist, an einer Frau seine Freude hat oder eine Kleinigkeit mitgehen lässt?" Anschließend küsste er demonstrativ Djilas' Frau und sagte, er mache diese Geste der Zuneigung auch auf die Gefahr hin, dass man ihn nun der Vergewaltigung beschuldige.Offiziere, die den Gewalttaten entgegentraten, wurden oft sogar bestraft. Ein General belehrte damals den Schriftsteller Lew Kopelew, dass keinerlei Anlass bestehe, Deutsche zu bemitleiden. "Soll es ihnen eine Lehre sein." Auch sein Vorgesetzter verwahrte sich gegen "alle Arten von Humanitätsduselei". Anfang April 1945 wurde Kopelew verhaftet und wegen "Propagierung des bürgerlichen Humanismus" und "Mitleid mit dem Feind" zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt.Militärisch kontraproduktivMilitärisch waren die Massenvergewaltigungen kontraproduktiv. Die Angst vor den Russen verlängerte den Widerstandswillen der Deutschen. Während die Alliierten im Westen leicht vorankamen, stieß die Rote Armee im Osten trotz mehrfacher Überlegenheit auf verbissene Gegenwehr. Auch politisch lag es nicht im Interesse Moskaus, die Bewohner der Sowjetischen Besatzungszone durch sinnlosen Terror gegen sich aufzubringen.Noch während des Vormarsches auf Berlin wurde die Hasspropaganda deshalb gestoppt. Am 11. April 1945 wies der Chef der Propaganda-Abteilung der KPdSU, Georgi Alexandrow, die Racheparolen zurück. "Wollte man sich Ehrenburgs Standpunkt anschließen", so schrieb er in der Prawda, "müsste man daraus schließen, dass die gesamte Bevölkerung Deutschlands das Schicksal der Hitlerclique teilen soll." Auch Stalin erklärte den Soldaten in einer Botschaft, dass "die grausame Behandlung der deutschen Bevölkerung nicht nützlich für uns ist, weil sie den Widerstandsgeist der deutschen Wehrmacht stärkt".Am 20. April gab das sowjetische Oberkommando den Befehlshabern an den Fronten die Weisung, die Gewalttaten einzudämmen. "Fordern Sie, die Haltung gegenüber den Deutschen zu ändern", hieß es in der Direktive. "Die harte Behandlung der Deutschen ruft bei ihnen Furcht hervor und zwingt sie, hartnäckigen Widerstand zu leisten, statt sich gefangen zu geben."Aber der neue Kurs zeigte wenig Wirkungen. Bei den Soldaten hatte sich bereits eine Art Gewohnheitsrecht herausgebildet. Ab Herbst 1945 gingen die Kommandanten deshalb dazu über, Vergewaltiger zu bestrafen - wenn die Frau ums Leben gekommen war, sogar durch standrechtliche Erschießung. Doch nur selten gelang es, die Täter dingfest zu machen.Erst ab Sommer 1947 unternahmen die Sowjets ernsthafte Anstrengungen, die Truppendisziplin wiederherzustellen. Dabei ging es weniger um den Schutz der Deutschen als darum, die Soldaten besser abzuschirmen. Die Spannungen zwischen Ost und West hatten in Moskau zu einer panischen Furcht vor Spionen geführt. Die Rotarmisten durften sich deshalb nur noch mit Genehmigung außerhalb ihrer Standorte aufhalten. Ab Januar 1948 waren sämtliche inoffiziellen Kontakte nach draußen verboten.1949 wurden die Strafen für Vergewaltigungen in der Sowjetunion massiv verschärft. Den in Deutschland stationierten Soldaten sagte man, dass das Gesetz auch auf sie Anwendung fände. Danach kam es in der DDR nur noch ganz vereinzelt zu Übergriffen auf Frauen durch die bis zu 500 000 im Lande stationierten Rotarmisten.Hubertus Knabe ist Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschön- hausen und Autor des Buches "Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland" (List Verlag, München 2008. 388 S., 9,95 Euro).------------------------------"Die grausame Behandlung der deutschen Bevölkerung ist nicht nützlich für uns." Stalin, 1946------------------------------Foto: April 1945 in Trebbin, Kreis Potsdam: Ein sowjetischer Soldat teilt in einem Laden Brotrationen an deutsche Frauen aus.