Hoch oben über Mittenwald liegt noch der Schnee vom vergangenen Jahr. Es sind bescheidene Reste. In engen, dunklen Felsnischen an der steilen Nordwand des Karwendelgebirges überdauern sie. Die Chancen stehen gut, daß der Neuschnee alles bald wieder gnädig zudeckt.Unten im Tal, in dem achteinhalbtausend Einwohner zählenden Mittenwald, bereiten sie die bevorstehende Urlaubersaison vor. Sie wissen, daß sie sich anstrengen müssen. Selbst hier in den Alpen. Die ganz fetten Zeiten sind vorbei, als Mittenwald fast eine Million Übernachtungen im Jahr zählte. "Den auswärtigen Leuten sitzt das Geld nicht mehr so locker im Portemonnaie", sagt Walter Schunk von der Kurverwaltung bedauernd.Da käme den Mittenwaldern jede Aufmerksamkeit der Medien recht. Vorausgesetzt die Schlagzeilen sind freundlich. Leider sind sie gerade nicht so gut. Der Ort ist ins Gerede gekommen. Ohne eigene Schuld, wie die Einwohner einhellig finden. "Ach, wegen dem Kübler sind Sie da", sagt Frau Faltamayer von Faltamayers Lebensmittelgeschäft in der Bahnhofsstraße seufzend. "Was haben die Leut' bloß gegen den Kübler?" fragt sie, "30 Jahr' konnten wir in Ruh' und Frieden mit dem Kübler sein' Namen leben." Hakenkreuz, Ritterkreuz In der Mittenwalder Kaserne, die seit 1965 seinen Namen trägt, kann man die Biographie des Generals der Gebirgstruppen studieren. Sie hängt in einem Kasten am Gebäude des Standortältesten. Das Foto über dem Text ist etwas ausgeblichen. Dennoch läßt sich das Hakenkreuz an der Uniform noch erkennen. Und auch das Ritterkreuz. Das verlieh ihm der Führer wegen seines Engagements beim Überfall auf Polen. In dem Text unter dem Bild heißt es: "Auszeichnung als DivKdr bei der Schlacht um Lemberg."Über das Ende des Generals teilt der Text lapidar mit: "Anfang 1947 Tod während der Kriegsgefangenschaft." Zuvor hatte ein jugoslawisches Militärgericht den deutschen General wegen Kriegsverbrechen im adriatischen Küstenland zum Tode verurteilt."Wer weiß, ob das überhaupt Kriegsverbrechen waren", sagt ein Rekrut auf dem Kasernenflur, "Kübler hat doch bloß für sein Land gekämpft, für seine Truppe." In Jugoslawien? "Na ja, doch Mann!" Eigentlich darf der junge Kerl gar nichts sagen. Die Angehörigen der Kaserne haben seit kurzem Sprechverbot. Aus Bonn kam die Order, direkt vom Bundesverteidigungsministerium. Volker Rühe hatte angekündigt, die Namensgebung der Kübler- wie der Dietl-Kaserne im benachbarten Füssen zu prüfen. Solange sollen die Leute gefälligst schweigen.Ziemlich irritierend, denn im Bundestag hatte Volker Rühe "eine fundierte und verantwortungsvolle Diskussion vor Ort" angekündigt, in der Kaserne wie in der Gemeinde. "Gab es nun eine Diskussion?" "Nein", sagt der Rekrut. "Wir wurden zusammengerufen. Dann las der Standortälteste uns etwas vor aus einem Papier über Kübler. Angeblich soll Kübler ja schärfer gewesen sein als die SS. Zum Schluß sagte der Standortälteste noch, jetzt solle sich jeder seine eigene Meinung bilden. Das war's."Auch für Oberstleutnant Glagow, jenen Standortältesten, gilt das Sprechverbot gegenüber der Öffentlichkeit. Wieso eigentlich, der Name einer Kaserne ist kein militärisches Geheimnis? "Es ist eben ein heißes politisches Eisen", sagt Glagow. Schließlich begibt sich der Kasernenchef doch aufs Eis: "Wie ich das sehe, wollten die Politiker 1965 mit der Namensgebung ein Zeichen setzen für die damalige Generation. Es war eine politische Entscheidung, keine militärische. Und so wird es heute wieder sein." Da denke sich jeder, was er will. Betretenes Schweigen Alles was heute über General Kübler bekannt ist, war im Prinzip bereits zur Zeit der Namensgebung der Mittenwalder Kaserne bekannt. Sein Beiname als "Bluthund vom Lemberg" zum Beispiel. Oder seine Forderung während des Überfalls auf die Sowjetunion, als eine Vergeltungsmaßnahme sämtliche gefangenen Oberbefehlshaber, Kommandeure und Stabsoffiziere der Roten Armee zu erschießen. An den Fakten liegt es nicht. Militärforscher der Bundeswehr erstellten zwei Studien über das Wirken des Generals. In der jüngsten heißt es: Im Kampf gegen die jugoslawischen Partisanen zeichnete sich Kübler durch "überzogene Härte und Brutalität" aus. Er ließ Frauen und Kinder hinrichten.Auch im Rathaus von Mittenwald ist die Studie bekannt. Dennoch löst die Frage nach der Umbenennung erst einmal betretenes Schweigen aus. "Wir haben von Herrn Rühe keine Aufforderung erhalten, unsere Meinung zu äußern", sagt Bürgermeister Hans Neuner. "Und wir werden uns nicht erklären. Da kann der Minister lange warten." Mit der Beibehaltung des Namens Kübler für die Kaserne könnte Hans Neuner durchaus weiterleben.Das könnte Barbara Rauch nicht. Dennoch unterstützt die Sozialdemokratin den Bürgermeister bei seiner Vogel-Strauß-Politik. Freilich aus ganz anderen Gründen. Die Geschichtslehrerin und Stadträtin der SPD: "Ich fürchte, wenn es zu einer Befragung der Gemeindevertreter käme, wäre eine Mehrheit gegen die Umbenennung." Barbara Rauch ärgert sich über das Schwarze-Peter-Spiel des Verteidigungsministers. "Mittenwald wurde auch nicht gefragt, als die Kaserne den Namen Kübler erhielt", argumentiert sie. Solle Rühe doch selbst entscheiden. Er müsse es ohnehin. "Man stelle sich bloß vor: Teile der Bosnien-Truppe der Bundeswehr kommen aus dieser Kaserne, die den Namen Kübler trägt, der wegen Kriegsverbrechen in Jugoslawien zum Tode verurteilt wurde."Von der Bevölkerung Mittenwalds erhält Volker Rühe kaum "Entscheidungshilfe". Seit Monaten wird die Regionalzeitung mit Leserbriefen pro oder kontra Beibehaltung des Namens Kübler bombardiert. Die meisten sind pro, und manche sind "ganz schlimm", findet ein Redakteur des Blattes. Da wird Kübler weiterhin als "große soldatische Persönlichkeit unseres Volkes" gefeiert, werden sein "Mut und seine Ritterlichkeit" hervorgehoben. Der Bösewicht Kritiker werden als "bösartige Hetzer und Verleumder" beschimpft, die in "unchristlicher Weise" die Bundeswehr "degradieren". Letzteres zielt auf den Vertreter von Pax Christi, Jakob Knab, der mit seinem Buch "Falsche Glorie" in diesem Frühsommer die erneute Auseinandersetzung um das Traditionsverständnis der Bundeswehr in Gang setzte. Dabei hatte Jakob Knab ein durchaus differenziertes Bild der Bundeswehr gezeichnet, in dem auch die Männer des 20. Juli und andere ihren Platz haben. Dennoch gilt er in Mittenwald als Bösewicht.Auch der Standortälteste Glagow ist nicht gut auf Jakob Knab zu sprechen. Weil der die ganze Namens-Debatte angezettelt habe. Aus seinem Bücherregal holt Glagow, sozusagen als Beweis, das Buch von Knab. Dazu einen offenen Brief des katholischen Friedensbewegten an ihn, Glagow. Darin verweist Knab prophylaktisch auf weitere dubiose Traditionen im Ort. "Der will wohl halb Mittenwald in die rechtsextreme Ecke schieben", schnarrt der Oberstleutnant und findet das ziemlich ungerecht.Am Ausgang der Kaserne - direkt gegenüber der biographischen Würdigung General Küblers - hängt ein Gedicht zur Erbauung beim Abschied: "Einst waren sie tapfere Soldaten, / zur See, in der Luft, und am Land. / Vergessen sind heut all die Taten, / die sie vollbrachten fürs Vaterland. / Wie hat sich die Welt doch verschoben, / was Heldenmut war, ist verpönt. / Was einst das Herz hat bewogen, / wird heute verachtet, verhöhnt." +++

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