ALTUSRIED. Das Wort, mit dem alles seinen Anfang nahm, heißt Kreuzkruzifix, und damit ist bereits viel gesagt. Ein Kriminalroman, der auf diese Weise beginnt, wird nicht in London spielen und auch nicht in Venedig. Das fett gedruckte "Kreuzkruzifix!" wirkt wie ein Pfahl, der das Gelände absteckt: Wir reden hier über Bayern. Als Michael Kobr und Volker Klüpfel vor einigen Jahren mit diesem Fluch ihr erstes Buch eröffneten, konnten sie nicht ahnen, dass sie in diesem Moment die Glücksformel für sich gefunden hatten. Damals waren sie Amateure, heute sind sie das im Prinzip immer noch, allerdings sind sie jetzt die erfolgreichsten Amateure auf dem deutschen Buchmarkt.Fünf Romane um ihren rustikalen Kommissar Kluftinger sind inzwischen erschienen. Der jüngste heißt "Rauhnacht"und belegte auf Anhieb den ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste. Für den Literaturbetrieb zählt das in etwa soviel wie ein nationaler Meistertitel im Sport.Regionalkrimi, das klingt nach Regionalliga, nach unbespielbarem Boden, üblen Holzereien und kalten Nebelschwaden über dem Platz. Volker Klüpfel und Michael Kobr sind auf diesem Feld zu Hause und haben doch den Aufstieg geschafft.Reden wir also über Bayern, genauer das Allgäu, wo der Kluftinger wie auch seine Erfinder beheimatet sind. Seit Neuestem ist die Gegend zwischen Bodensee und Augsburg auf dem Luftweg zu erreichen. Der Flugplatz Memmingen, entstanden auf einem verlassenen Stützpunkt der Heeresfliegerkräfte, nennt sich weltläufig "Allgäu Airport". Das erste, was einem auffällt, wenn sich die Flugzeugtür öffnet, ist ein spezieller Geruch. Sehr ländlich, um es mal so zu sagen. Im Grunde riecht es hier flächendeckend nach Kuh mit all ihren finalen Produkten, womit die wichtigste Kraft des hiesigen Wirtschaftsstandortes genannt wäre. Neben den Kühen bringen hier nur noch die Touristen das Geld."Ah, Kluuuftinger"Auf dem Weg von Memmingen in Richtung Süden, ungefährt dort, wo zum ersten Mal das wunderbare Panorama der Alpen am Horizont auftaucht, liegt eingebettet in eine grüne Hügellandschaft Altusried, ein Marktflecken mit ein paar Tausend Einwohnern. Sechs von ihnen sitzen am Nachmittag im Gasthof Zum Rößle vor ihrem Weißbier. Als Volker Klüpfel und Michael Kobr die Stube betreten, blicken sie kurz auf, einer sagt "Ah, Kluuuftinger". Was wohl als Willkommensgruß gemeint ist. Man kennt sich. Klüpfel ist in Altusried aufgewachsen, seine Eltern wohnen nach wie vor im Ort. Er selbst ist nach Augsburg umgezogen. Kobr, der in Memmingen lebt, kommt auch ab und zu vorbei. Aber mehr als ein "Ah, Kluuuftinger" ist für sie nicht drin."Da lernen sie die Allgäuer gleich von ihrer heitersten Seite kennen", sagt Michael Kobr. Er ist sechsunddreißig Jahre alt und der Allgäuerischere der beiden. Zwischendurch spricht er immer mal wieder ein paar Sätze "dialektal", wie er das als Lehrer für Deutsch und Französisch nennt. "Man muss den Unterkiefer so weit vorschieben, dass es oben reinregnen kann", erklärt er seine Technik. Was dabei entsteht, ist eine Artikulation mit sehr vielen Zisch- und Schnauflauten. Volker Klüpfel, zwei Jahre älter als Kobr und Redakteur bei der Augsburger Allgemeinen, hat eine entscheidende Phase seiner Kindheit in Buxtehude verbracht. "So jung und schon a Preiß", haben sie im Dorf gesagt, als er wieder zurück war. Er spielt in dem Duo den hochdeutschen Part.Gerade kommen sie von einer Lesereise zurück, die sie zum ersten Mal kreuz und quer durchs ganze Land geführt hat. Von Erlangen über Erfurt, Leipzig, Berlin bis nach Hamburg, Hannover und weiter ins Westfälische. Meistens waren für sie Veranstaltungshallen gebucht. "Wir wussten vorher nicht, wie die Leute im Osten so drauf sind, ob sie wirklich was mit uns anfangen können", sagt Volker Klüpfel. "Ich weiß auch immer noch nicht, ob wir wirklich auf Verständnis gestoßen sind, aber es war eine gewisse Sympathie da." Das heißt, das Publikum hat getobt. Nur Berlin war schwierig, was wohl daran lag, dass sie an der Seite ihres Kollegen Wolf Haas auftraten, der mit einem eher literarischen Ansatz seine eigenen Anhänger hat.Kobr und Klüpfel sind sich für kein Klischee und keinen Kalauer zu schade. Ihre Lesungen gestalten sie als Comedy, in der sie die Allgäuer, die Zuschauer und sich selber auf den Arm nehmen. Sie spielen die Figuren ihrer Kriminalgeschichten mit verteilten Rollen und erklären en passant als Ethnologen in eigener Sache den Allgäuer an sich. Zur Buchpremiere ihres neuen Romans im Münchner Circus Krone kamen mehr als zweitausend Menschen."Sicher ist es die Zuneigung zur Person", sagt Michael Kobr. "Mit der Art von dem Kluftinger können nicht nur die Leute im Süden etwas anfangen. Wenn er seine Schrulligkeiten auspackt, fühlen sich auch andere angesprochen."Es ist also höchste Zeit, diesen Kluftinger etwas genauer kennenzulernen. Er ist Mitte fünfzig, durch die massive Einnahme seines Leibgerichtes Kässpatzen leicht übergewichtig, er besticht durch Sparsamkeit, von manchem als Geiz verunglimpft. Fremdlingen, also allen, die nördlich der Donau leben, begegnet er mit Misstrauen. Er trägt zu jeder Jahreszeit eine Übergangsjacke, weil man nie weiß, was kommt. Seine Fälle löst er nicht durch DNA-Abgleich, sondern durch Kombinationsgabe. Kommissar Kluftinger ist ganz und gar altmodisch und vielleicht gerade deshalb zeitgemäß.In einer Kriminalliteratur, in der sich Special Agents und Profiler bei ihrer Jagd auf Serienmörder gern gegenseitig über den Haufen laufen, ist es erholsam, auf einen Polizisten mit menschlichem Antlitz zu treffen, dem bei einer Vernehmung durchaus mal die Blase drückt.Regionalkrimis waren lange verpönt. Sie galten als piefig und das vermutlich nicht zu Unrecht. Erst in den letzten Jahren ändert sich das. Bücher wie Andrea Maria Schenkels "Tannöd" oder Michael Preutes Eifelkrimis lassen sich im besten Sinne als Heimatromane lesen. Der Kölner Verleger Hejo Emons, der das Genre in Deutschland begründet hat und seine Kölnkrimis von Frank Schätzing schreiben ließ, will bei jungen Leuten "eine ganz starke Sehnsucht nach Halt und regionalen Werten" ausgemacht haben. In einer bis in den letzten Winkel ausgeleuchteten Welt, die dennoch immer unfassbarer werde, gewinne das Fassbare eine größere Relevanz. Emons, der allein vierzig lokale Krimireihen herausgibt, sieht diese zuerst als Produkt aus der Region für die Region. "Neu ist, dass jetzt Leute im Norden Allgäukrimis lesen."Das hätte sich Jürgen Schweitzer auch nicht gedacht, als er vor sechs Jahren die Idee dazu hatte. Schweitzer, Ende vierzig, Elektriker von Beruf, betreibt in Memmingen einen Einmannverlag. Um zu ihm zu gelangen, muss man einen Hinterhof mit Garagen überqueren, dann eine Stiege hinauf. In einem Raum, nicht größer als ein Wohnzimmer, vollgestellt mit Regalen, Schreibtischen und einem riesigen Drucker, sitzt sein Verlag, also er. Eigentlich sind es zwei Verlage. Der eine bringt eine Edition mit Druckgrafiken heraus, der andere dies und jenes.Schweitzer stammt aus der Nähe von Tübingen. Bevor es ihn ins Allgäu verschlug, lebte er eine Weile an der holländischen Grenze. Dort gab es ein Dorf mit 250 Einwohnern, das seinen eigenen Krimi hatte. Also, dachte Schweitzer, müsste das doch auch in Memmingen funktionieren. Obwohl, wie er sagt, das Allgäu eher wenig liest. "Hier gibt es keine Großstädte, keine Lesetradition." Auf der Suche nach einem geeigneten Autor fragte er beim Lokalredakteur der Memminger Zeitung nach.Der hieß Volker Klüpfel und hatte einen Freund, der schon mal zwei Seiten geschrieben hatte, Michael Kobr. So kam eines zum anderen. "Meine Vorgabe war nur, dass die Schauplätze in dem Buch wiederzuerkennen sein sollten. Wenn ein Baum vorkommt, muss er auch wirklich dort stehen." Seine Autoren, die jeden Baum im Allgäu kennen, hielten sich daran. Die Startauflage für ihren ersten Roman "Milchgeld", in dem es um einen Mord im Käserei-Milieu geht, betrug tausend Exemplare. Mittlerweile wurden von ihren Büchern fast zwei Millionen Stück verkauft.Jürgen Schweitzer verdient allerdings nichts mehr daran. Er hat seine Rechte an den Piper-Verlag in München verkauft. Das ist wie im Fußball. In der Kreisklasse werden die Talente groß, und dann ziehen sie weiter. Für ihn kein Drama. Der ganze Rummel um Kluftinger war ihm ohnehin schon zu viel geworden. Schweitzer hat jetzt ein neues Projekt, den Donautalkrimi.Seit dem Erfolg mit Kluftinger stapeln sich bei ihm die Manuskripte, viele liest er nur an, wie es so unschön heißt. Die meisten Autoren neigten dazu, in ihrem ersten Buch Weltgeschichte mit Autobiografischem zu vermischen, sagt er. "Wen soll das interessieren?"Die insgesamt 16 000 Verlage, die es in Deutschland gibt, bringen im Jahr etwa 120 000 Neuerscheinungen heraus. Wer auffallen will, muss mehr tun als schreiben.Erfolg produziert ErfolgDas war Kobr und Klüpfel klar. Sie haben in ihrem ersten Jahr 130 Lesungen absolviert. Einmal kamen drei Leute. Das sei betrüblich gewesen, da ausgerechnet an jenem Tag ihre Freundinnen dabei waren, sagt Kobr. Keine Pfarrstube, keine Buchhandlung zwischen Donau und Iller, die sie ausgelassen hätten. Nach und nach hat sich ihr Buch rumgesprochen. Im Internet sind sie dann eines Tages darauf gestoßen, dass "Milchgeld" auf Platz 25 der Focus-Bestsellerliste notiert war, im Heft geht es nur bis 20. "Wir haben sofort kleine Aufkleber entworfen, selbst gedruckt und auf jeden einzelnen Buchdeckel geklebt", erzählt Volker Klüpfel. Darauf stand: Platz 25 der Focus-Bestsellerliste.Erfolg produziert Erfolg. Von nun an ging es ständig nach oben. In der Klasse, die Michael Kobr unterrichtet, glauben die Schüler, er habe so eine Art "Harry Potter" geschrieben. "Ich musste ihnen erstmal erklären, wie der Buchmarkt funktioniert und dass ich immer noch ihr Deutschlehrer bin", sagt er. Wie sein Mitschreiber arbeitet Kobr jetzt nur noch an vier Tagen in der Woche. Das sei momentan der einzige Luxus, den sie sich erlaubten. Erfolg produziert Neid. Volker Klüpfel ist unter anderem deshalb nach Augsburg gegangen, weil seine Kollegen in Memmingen es nicht vertragen haben, dass einer von ihnen aus dem Rahmen fällt.Es dämmert bereits, als Kobr und Klüpfel den Gasthof verlassen, übrigens nach dem Verzehr von riesigen Portionen Apfel- beziehungsweise Topfenstrudel. Die Stammbelegschaft des Rößl sitzt noch beisammen. Als die beiden Dichter schon an der Tür sind, sagt einer der Männer in ihrem Rücken: "Roahnaach".Das sei hier die höchste Form der Anerkennung, erklärt Michael Kobr und übersetzt das Abschiedswort seiner Landsleute wie folgt: "Wir haben von Eurem neuen Buch gehört. Es soll wohl ganz gut sein. Lesen werden wir es aber trotzdem nicht."Das ist der Stolz der Provinz.------------------------------Foto: Volker Klüpfel (l.) und Michael Kobr schreiben in ihrer Freizeit Kriminalromane. Ihr jüngstes Buch heißt "Rauhnacht" und spielt mit den Klischees der englischen Detektivgeschichten.Foto: Das Allgäu liegt in Bayern und Baden-Würtemberg und erstrecjt sich zwischen Memmingen, Füssen und dem österreichischen Bregenz. Haupterwerbsquellen sind die Milchwirtschaft und der Tourismus.