Nicht erst seit 1918 hüllt sich die deutsche Geschichte gern in Novembernebel. Am 15. November 1848, als über Berlin schon das Kriegsrecht verhängt war, stellte der Abgeordnete Kirchmann (ein Jurist) in der Preußischen Nationalversammlung folgenden Antrag: "Die hohe Versammlung wolle beschließen, daß das Ministerium Brandenburg nicht berechtigt sei, über die Staatsgelder zu verfügen und die Steuern zu erheben, solange die National-Versammlung nicht ungestört in Berlin ihre Berathungen fortzusetzen vermag und tritt dieser Beschluß mit Ablauf des 17. November 1848 in Kraft und Wirksamkeit." 227 Parlamentarier erhoben sich wie ein Mann. Fünfzehn Monate später wird ein Mann dafür stellvertretend verurteilt: Lothar Bucher. Der Obergerichtsassessor aus Hinterpommern war einer unter vielen jungen Juristen, die in der Hoffnung auf eine Politikerkarriere in die Parlamente drängten. "Dem Temperamente nach Revolutionär, dem Charakter nach Jurist", vereint Bucher die zwei Seelen in seiner Brust, indem er die Revolution als Notwehr des in seinen Rechten verletzten Volkes interpretiert und so den Rechtsboden absteckt, auf dem sich die Nationalversammlung bewegt. Aber die Steuerverweigerung bleibt eine bloße spektakuläre Geste. Das Wählervolk verhöhnt den "passiven Widerstand" des Parlaments als "aktive Feigheit": das Risiko werde bloß auf den Steuerzahler abgewälzt. Auch zahlte die Masse der Minderbemittelten gar keine Staatssteuern, während die Steuerpflichtigen an einer Maßnahme, die jede geregelte Staatstätigkeit untergrub und damit den Staat selbst in Frage stellte, kaum interessiert sein konnten. Buchers Parlamentskollege Ziegler kennt seine Leute: "Ich weiß, daß bei uns auf dem Lande das Schlechteste ist, was ein Landmann einem andern nachsagen kann: er zahle seine Abgaben nicht mehr." Bucher wird wegen versuchten Aufruhrs zum Verlust seiner Ämter und fünfzehnmonatiger Festungshaft verurteilt.Der Strafe entzieht er sich durch Flucht nach England (in einer Fußnote seiner Biographie bleiben eine Freundin und ein Kind zurück). Die 48er Exulanten stellen die politisch aktivste Fraktion der deutschen Kolonie in London. Das Klima ist ungesund: "Der gewaltsame Niederschlag einer Revolution läßt in den Köpfen ihrer Mitspieler, namentlich der vom heimischen Schauplatz ins Exil geschleuderten, eine Erschütterung zurück, welche selbst tüchtige Persönlichkeiten für kürzere oder längere Zeit sozusagen unzurechnungsfähig macht", schreibt Friedrich Engels. Bucher zieht sich aus den Kreisen der in Nostalgie und illusorischen Umsturzplänen schwelgenden "Berufsrevolutionäre" bald zurück. Er möchte vielmehr die Erfahrungen des erzwungenen Exils im Sinne einer "politischen Pädagogik" für die Daheimgebliebenen nutzbar machen, und bald tut sich ein Weg dazu auf. Mit seinen über 3 000 Korrespondenzberichten für die liberale National-Zeitung steigt Bucher in den 50er Jahren zum populärsten Mitarbeiter des Blattes auf. Witzig, scharfsinnig, ein brillanter Stilist. Seine Berichte von der Weltausstellung 1851 werden ein großer Publikumserfolg. Friedrich Wilhelm IV. amnestiert ihn zwar nicht, liest ihn aber ebenso wie Bismarck, Varnhagen von Ense oder Fontane.Der Crashkurs in modernem Kapitalismus erweitert seinen politischen Horizont. Er beobachtet, wie die Nationalökonomie die alte Diplomatie und Politik "verschlingt". Die Lösung des Konflikts zwischen Kapital und Arbeit erhofft er nicht vom Klassenkampf, sondern durch "vollkommene Gewerbe, Erwerbs- und Associationsfreiheit" unter weitestgehender Abwesenheit vom Staat. Auch sollten die Arbeiter "nicht darüber debattieren, was andere Leute, etwa eine hohe Regierung oder der Weltgeist zu thun habe, sondern über etwas, was sie selbst thun wollen, thun können und thun" angesichts einer industriellen Revolution, die durch Proteste nicht aufzuhalten ist.Buchers Gesellschaftsmodell, das auf allgemeines Wahlrecht und den Schutz demokratischer Institutionen baut, ist so einfach wie komplex: "Aus dem Streben aller Einzelnen nach ihrem Vortheil, freilich nicht dem mit philisterhafter Kurzsichtigkeit, sondern mit weitem Blick, mit gebildetem Geiste erfaßten, entspringt das harmonische Gedeihen des Ganzen." Und da Bucher die philisterhafte Kurzsichtigkeit richtig als zählebig erkannt hat, veranschlagt er mit revolutionärer Geduld für das Umgestaltungswerk mehrere Menschenalter. Kommunismus ist ihm gleichbedeutend mit "Bevormundung, Centralisation, Büreaukratie, Fesselung der individuellen Thätigkeit, Zerstörung der individuellen Freiheit". Das Bessere "soll aber nicht in das Volk hineingetrieben werden, sondern aus dem Volke hervortreiben", so ist ihm jede Diktatur verhaßt, auch die des Proletariats. Kritikern, die ihm mangelnde Gesinnungstreue vorwerfen, entgegnet er, die sogenannte "Überzeugungstreue" sei oft nur ein Euphemismus für geistige Faulheit. Die kann man ihm gewiß nicht vorwerfen. In England trennt er sich von seiner liebsten Illusion: jener vom ungehinderten Wirken der öffentlichen Meinung als Korrektiv des gesellschaftlichen Lebens. Das Parlament sei ohnehin "seit einem Menschenalter durch die Presse sehr in den Schatten gestellt" worden, schreibt der Mann 1851 und muß erkennen, daß eine "Nationaldenkmaschine" wie die Times aus dem "Chaos von Meinungen, Einbildungen und Gefühlen" die öffentliche, besser: veröffentlichte Meinung erst erschafft. Fazit: Meinung kann man machen. Da seine kritischen Artikel immer öfter zensiert oder unterdrückt werden, packt er im Winter 1854/55 seinen gesammelten Frust in ein Buch: "Der Parlamentarismus wie er ist." Das ist gegen die "in Deutschland vorherrschenden mythologischen Vorstellungen von englischen Zuständen" geschrieben und geht von der These aus, daß die Vorstellung, die Mitglieder des Unterhauses verträten das gesamte Volk, nur durch eine Reihe willkürlicher Annahmen aufrechtzuerhalten sei. Das Mandatsverhältnis sei immer mehr zurückgetreten gegenüber dem eigenen Interesse: Der Wahlkreis werde vom Vollmachtgeber zum bloßen Wahlapparat, die Volks-Vertretung verselbständige sich zum Staat im Staate. Hört, hört, wie man seinerzeit im Parlament gerne dazwischenrief. Er wollte zur Diskussion provozieren und demontierte ein Ideal, womit er sich in Deutschland wenig Freunde macht und wenn, dann auf der falschen Seite. Englische liberale Zeitungen mochten dem kritischen Deutschen applaudieren die seine bringt einen wütenden Verriß, und für den deutschen Liberalismus hatte sich der Autor diskreditiert.Da die Amnestie auf sich warten läßt, erwägt er, als Kaffeepflanzer nach Ecuador zu gehen und erwirbt dort ein Stück Land, welches er nie betreten wird. Preußen will ihn nicht, so verficht er als "Deutscher in abstracto" eine föderalistische großdeutsche Lösung, denn ohne Konsolidierung Deutschlands sei keine Konsolidierung Europas zu erwarten. Auch für solche Agitation ist Preußen die falsche Adresse. So findet sich der 1861 endlich doch Amnestierte im politischen Abseits wieder. Im Wahlkampf frustriert er seine Zuhörer, die wohl eine Rede im 48er Stil erwarten, mit einem Vortrag über türkische Bäder. Dr. Bernhard Wolff, Chef der National-Zeitung, recycelt seinen einstigen Starfeuilletonisten noch einmal für die Weltausstellung 1862. Dann kommt das journalistische Aus, und Bucher verdient seinen Lebensunterhalt als "Tintenkuli" im Wolffschen Telegraphenbüro. "Mit alten Freunden umgehen und über die Frage, die beide Teile am lebhaftesten beschäftigt, entweder immer streiten oder nie sprechen, ist gewiß sehr unbehaglich; also tut man besser, mit der Erneuerung des Umgangs zu warten, bis die Dinge sich ein wenig mehr entwickelt und dem einen oder andern recht gegeben haben. Darum lebe ich hier zurückgezogen." Ein Freund drückt es drastischer aus: "Bucher sitzt ganz allein, nachdem er als Ausländer und gescheuter Mensch sehr unsanft empfangen worden und wird für nicht viel mehr angesehen als ein Verrückter."1861 lernt Bucher in der Philosophischen Gesellschaft Ferdinand Lassalle kennen, der ihn in stundenlangen verbalen "Ringkämpfen" stürmisch umwirbt. In Buchers Argumentation sind Realismus und Radikalismus wundersam vereint: "Alle Maßregeln, die Sie nennen", hält er Lassalle entgegen, "sind doch wieder nur politisch, juristisch kann man sagen, stehen auf dem alten sozialen Boden, schaffen nur neue Bourgeois. Und diese neuen Besitzverhältnisse, neu durch den Wechsel der Personen, nicht, um es so auszudrücken, durch die chemischen Eigenschaften des Besitzes, könnten nur behauptet werden durch einen permanenten Krieg, einen Terrorismus einer sehr kleinen Minorität." Es seien zwar immer nur Minoritäten, die Revolutionen machten, "aber es ist auch richtig, daß sie nur behauptet werden, wenn die Minorität der Majorität einen Genuß, wenigstens einen Glauben zu bieten hat". 1863 von seinem Arbeitgeber angehalten, Lassalle und die Agitation sausenzulassen, andernfalls er gefeuert würde, bricht er "im Bewußtsein der eigenen Schwäche" den Kontakt ab. Lassalle hat ihm das nicht nachgetragen, ihn zu seinem zweiten Testamentsvollstrecker ernannt und ihm eine Rente ausgesetzt.An eine Rückkehr in die juristische Laufbahn, die Bucher erwägt, ist nicht zu denken. Die Arbeit nervt ihn, politisch ist er tot, eine Verlobung geht in die Brüche. In einem Moment, da er sich vorkommt "wie ein ausgehendes Licht", erreicht ihn das Angebot, unter Bismarck ins Auswärtige Amt einzutreten. Bucher hat Begriffe wie konservativ, liberal, demokratisch so lange um und umgewendet und abgeklopft, bis sie ihm unter den Händen zerronnen sind; aber er findet es eine Zumutung, den Rest seines Lebens in der Ecke zu sitzen. Zum Entsetzen von Freund und Feind willigt er ein. Zu jener Zeit hielten viele Bismarck für einen Dilettanten, der bald abgewirtschaftet haben würde. Die epochalen Erfolge des Eisernen Kanzlers liegen in weiter Ferne, als Bucher zum juristischen Berater, publizistischen Sprachrohr und persönlichen Referenten Bismarcks wird. Bucher macht jetzt endlich Geschichte. Anonym. Mehr als zwanzig Jahre hat er die Hand im historischen Spiel. Er bekommt die frisierte Emser Depesche diktiert, gehört zu Bismarcks Zivilstab in Versailles. Die Vorarbeit zur Verfassung des Norddeutschen Bundes bringt ihm den ersten Orden. In Toronto wird sogar eine Straße nach ihm benannt. Das "feine, aber verzwickte Männchen", wie Marx ihn nennt, entwickelt sich als Mittler zwischen Bismarck und dem Rest der Welt zu einer Hintergrundsperson, über deren tatsächliche Macht viel spekuliert worden ist."Wer in der Gegenwart zu handeln hat, bedarf des Prinzips, wie der Schiffer des Polarsternes. Ist es aber deshalb auch rathsam, stets auf dem scheinbar nächsten Wege darauf loszusteuern?" hat Bucher einmal geschrieben und sich bei der Umkreisung des Pols mehrfach kalte Füße geholt. So, als ihm 1878 die Aufgabe zufällt, den ersten Entwurf eines "Sozialistengesetzes" zu liefern; als Modell dient eine englische Parlamentsakte gegen die irischen Fenier. In der Debatte über das skandalöse Gesetz holt die Vergangenheit ihn ein. Marx läßt verlauten, Bucher habe ihn 1865 im Auftrag Bismarcks eingeladen, die Finanzartikel für den preußischen amtlichen Staatsanzeiger zu schreiben. Die Neue Freie Presse weiß von geheimen Unterredungen Bismarcks mit Lassalle und druckt Briefe Buchers, die diesen als eine Art sozialdemokratischen Agenten kompromittieren sollen. Die Enthüllungen über den "Königlich sozialdemokratischen Geheimen Legationsrat" werden allenthalben mit Häme quittiert. Den Preis muß er zahlen.1882 wird das Auswärtige Amt umstrukturiert und Bucher, der seit Jahren über seinem Abschiedsgesuch brütet, büßt seine Ausnahmestellung ein. 1886 läßt ihn Bismarck endlich gehen und will ihn zum Dank zur "Exzellenz" machen, was dem alten 48er denn doch zu komisch vorkommt: Dann dürfe er sich ja nicht einmal mehr einen Knopf annähen oder mit der Botanisiertrommel durch die Jungfernheide ziehen! Das ist auch schon fast alles, was man über sein Privatleben erfährt.Und daß er ein alter Freund Cosima Wagners ist, seit ihrer Berliner Zeit als Frau von Bülow. Der Liebhaber außergewöhnlicher Persönlichkeiten verkehrt in den 70er Jahren im Hause Wagner, verschafft dem Genie eine Einladung zu Bismarck und darf im Gegenzug dabeisein, als Wagner für potentielle Sponsoren der Bayreuther Festspiele aus der "Götterdämmerung" liest. Es lauschen u. a. General von Moltke, Georg Prinz von Preußen, Staatsminister von Delbrück, Eisenbahnkönig Strousberg und Bismarcks Bankier Bleichröder. Ein sonderbares Publikum für ein Epos vom Untergang der Welt am Fluch des Goldes. 1875 hört Bucher im Konzert die Musik dazu, die ihn so sehr ergreift, daß er nachher Bravo schreit, was, wie Cosima bemerkt, "bei dem stillen Manne höchst merkwürdig sich ausnimmt". Daß der verschlossene Bucher gerade für Cosima so außerordentliche Sympathie entwickelt, ist gewiß kein Zufall. Vielleicht hat er die Parallele zum eigenen Schicksal herausgefühlt im Leben dieser Frau, die sich dem Genie Wagners bis zur Selbstaufgabe unterwarf und in der sich Demut und Hochmut so wunderlich durchdringen. Dienen, um zu herrschen. Das hätte auch Buchers Lebensmotto sein können seit 1862.Wir werden hier jetzt sehr einsam sein, sagt Bismarck zu Bucher in Friedrichsruh nach seiner Entlassung. Bucher gehört dort seit 1890 praktisch zum Inventar, er schreibt in Briefen "wir", wenn er Familie Bismarck meint. Nun wird er zu guter Letzt noch des Eisernen Kanzlers Eckermann und schlägt auch gleich einen Titel vor für das in Angriff zu nehmende Memoirenwerk: Erinnerung und Gedanke. Die Arbeit daran gestaltet sich zähflüssig. Nur die mahnende Präsenz des quengligen Mit-Schreibers, der mehr als einmal die Sache hinzuschmeißen droht, hielt Bismarck bei der Stange. Im Mai 1892 sind zwei Bücher fertig und der Ghostwriter auch. Am 12. Oktober 1892 ist Lothar Bucher in einem Hotel am Genfer See mutterseelenallein gestorben. Selbst eine Bismarck-Biographie zu schreiben hatte er abgelehnt: Ein Buch, das unter seinem Namen erscheine, müsse die volle Wahrheit enthalten, und die könne er nicht schreiben; folglich ziehe er es vor zu schweigen. "Keine namhafte Gestalt unseres öffentlichen Lebens", schreibt Franz Mehring mit aufrichtigem Bedauern, "ist seit einem Menschenalter mit so völlig geschlossenen Lippen einen so einsamen Pfad gegangen wie Lothar Bucher." Lothar Bucher eine deutsche Karriere. Kein Heldenleben. Was aber der Korrespondent der National-Zeitung 1860 seinen Lesern ins Stammbuch schrieb, ist allemal der Erinnerung wert: "daß das Recht zu reden, zu schreiben und zu lesen, was man Lust hat, keine ausreichende Bürgschaft für die Freiheit ist", sondern daß ihre Bewahrung Arbeit erfordert, "nämlich die schwerste der Arbeiten: Nachdenken, Wachsamkeit, Voraussicht und Opfer an Zeit, Geld und Genuß."